Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 319 - 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
Date
1909-05-01
Page
Seite 319 - 320 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583986-2599536--09341-2599600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

319 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 320 vielmehr Gruppen von Hütten umfasst, deren bedeutendste den Namen des Bezirks trägt. Am Tage nach unserer Ankunft besuchten wir den von den Falaschas bewohnten Ort unter der Führung eines Askars aus Dedjadj, namens Gabru Sallassi, der das Oberhaupt des ganzen Landes bis Erythräa ist. Wir waren ganz verblüfft, als wir erkannten, dass „diese grosse Falaschagemeinde, die — nach einer Behauptung des Herrn Faitlowitsch auf Seite 14 seines Berichts —eine Synagoge besitzt", auch nur ein kleiner Erdenwinkel ist, wie alle anderen auch, und auf seiner Gesamtoberfläche von hundert Quadratmeter zehn Hütten aufweist; die,,Synagoge" war nur ein kleines Tukul von ungefähr 4TMeter Durchmesser. Die zehn oder zwölf Falaschafamilien, die diese Hütten bewohnen, treiben Landwirtschaft oder sind Sehmiede. Zur Zeit unseres Besuchs waren alle in grosser Verzweiflung, denn die in der Gegend herrschende Rinderpest hatte ihren geringen Viehbestand vernichtet. Von dort begaben wir uns nach Addi-Schoa, wo Herr Faitlowitsch sich aufhielt. Addi-Schoa liegt zweieinhalb Stunden von Adenkato entfernt und ist das grösste Falaschadorf, das wir in ganz Abessinien kennen gelernt haben. Es zählt zweiunddreissig Familien und besitzt einen weit grösseren Mesgid als die anderen Dörfer. Die Männer sind fast durchweg Schmiede, nur wenige befassen sich mit Landwirtschaft. Das Innere ihrer Behausungen zeigte eine verhältnismässige Wohlhabenheit, die wir bei ihren Glaubensgenossen von Amhara nicht gefunden haben. Auch ihr sittliches Niveau ist etwas höher; ihr Charakter zeigt eine Würde, die uns aufgefallen ist, und sie sind gtolz darauf, dass sie niemals Übertritte gekannt naben. Nach der Abreise von Addi-Schoa schlugen wir unser Lager in Dembagina auf. Tn diesem Dorf wohnen zwei Falaschafamilien, die das Schmiedehandwerk ausüben. Wir setzten unseren Weg nach Axum durch die vom Fluss Selakleka bewässerte Ebene fort, in der ein Dutzend Falaschafamilien wohnen, Schmiede und Ackerbauer. Nach viertägigem Gewaltmarsch auf der Belisstra sse gelangten wir nnch Axum, der berühmtesten Stadt Äthiopiens. Axum hat jetzt 4—5000 Einwohner, darunter 800 Priester, die die tatsächlichen Herren der Stadt sind. Hier wurde im Jahre 290 vor Christi das axumitische Königreich begründet. Die Beweise dafür finden sich in den Denkmälern und besonders in den grossen griechischen Inschriften, die im Jahre 1808 von dein englischen Reisenden Salt entdeckt und übertragen wurden, in den von Dillmann aufgefundenen Inschriften in Guez- und in hymyaritischer Sprache und in den neuerdings von Schliemann entdeckten Inschriften. Die auf das Altertum ihrer Religionsstadt stolzen Abessinier schreiben ihre Begründung dem Abraham zu. Die Obelisken, die wir hier sahen, bezeugen den alten Glanz dieser „Zufluchtsstadt". (Den Namen Zufluchtsstadt hat sie in Erinnerung an die im Pentateuch so benannten Stätten, weil alle Mörder oder Heeresflüchtige, die sich während des Krieges in die geheiligten Mauern dieser Stadt mit der „grossen Kirche" retten, ihr Leben gesichert haben.) Sie steht heute vollständig unter der Herrschaft von Priestern, deren Oberhaupt, Nebrid genannt, als der Bewahrer der Gesetzestafeln angesehen wird. In Axum befindet sich die „grosse Kirche", deren Architektur von allen anderen Kirchen Abessiniens abweicht. Ihre Wiederherstellung ist Italienern übertragen, die nach Erythräa gekommen sind, und die auch einen Palast gebaut haben, der dem Menelik bei seinem etwaigen Aufenthalt in. der Stadt zur Residenz dienen soll. Bei unserer Ankunft in Axum schlugen wir in der Nähe dieses Palastes unser Lager auf, und der Bauunternehmer war so liebenswürdig, uns zu sich einzuladen und uns eines der fünf Zimmer dieses Palastes als Wohnung anzubieten. Zum erstenmal seit drittehalb Monaten bekamen wir ein wirkliches Dacli über unser Haupt. Am nächsten Tage besuchte uns das Oberhaupt der Stadt und unterhielt sich mit uns eingehend über die Falaschas. Er erzählte uns, dass sie, ungefähr fünfzehn Familien stark, im Süden der Stadt ein kleines Viertel be wohnten, dass sie alle ehrliche Arbeiter wären und, wie überall sonst, das Schmiedehandwerk betrieben, dass sie aber während der Regenzeit von Axum fortgehen und sich im Bezirk Schire, in A k a b r a t niederlassen, wo der Vorsteher des Dorfes ihnen Land verpachtet, das von ihnen bebaut wird. Nach zweitätiger Rast zogen wir nach A d u a, wo wir von dem Oberhaupt des Tigre, denj Dedjadj Gabu Selassi mit grosser Liebenswürdigkeit emp fangen wurden. Er schreibt und spricht fliessend Italienisch und weiss die europäische Zivilisation sehr zu würdigen. Dank Herrn Stefanin, dem Leiter des italienischen Tele graphenbureaus, brauchten wir unsere Zelte nicht aufzustellen, sondern logierten in einem Tukul des Residenten an den wir durch den italienischen Gesandten in Addi- Abeba empfohlen worden waren. Von Adua reisten wir in der Richtung zu dem Flus Mareb, der Abessinien von Erythräa trennt und der wege: seines ungesunden Klimas bekannt ist. (Herr Quartin Dillon, von der Mission Lefevre, die in den Jahren 18«-] bis 1843 Abessinien durchreiste, ist dem Marebfieber erlegen Nach zwei Etappen setzten wir über den Fluss und kdtir.c nach G u n d e t, der ersten Station der italienischen K lonie. H^er wurden wir die Gäste der Karabinieri, die u< ein Nachtquartier in ihrem koketten, auf einem Hügel g legenen Häuschen anboten, von dem aus man die gan: vom Mareb bewässerte Ebene überblickt. Es war ei wahres Fest für uns, endlich einmal in einem behagliche; Zimmer zu schlafen. Von Gundet ritten wir auf Maultieren zu unserer letzter Etappe Addi-Ugri. Auch hier erfuhren wir die wärm* Aufnahme von Seiten der italienischen Behörden. Ma-.i richtete uns zwei Zimmer ein und lud uns zum Diner auf der „Platz';. Der königliche Kommissar Herr von Rossi erzählte uns von einigen aus Ualkait stammenden Falascli familien, die sich in der Kolonie, in Mai-Tukul, niede;- gelassen haben und gab uns eine Abschrift des von ihm : 1 den Generalgouverneur von Erythräa, dem Marquis Salvau'1 Raggi, gerichteten Berichts über die von den Falasclu-- gelieferten Auskünfte über Ualkait. Am nächsten Morgen bestiegen wir den telegraphisc*ii bestellten Wagen und kamen nach fünfstündiger Fahrt m Asmara an. Asmara ist eine sehr nette, kleine Stadt, die ihre Hotels, ihre Kaffeehäuser, ihre kleinen Boulevards, ihre Klubs, ein Theater und Schulen besitzt, von denen eine von schwedischen Missionären geleitet wird. Die dortige jü-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.