Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 4)
- Language
- German
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317 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 318 sechs kleine Dörfer. Hier wohnen die Missionare Aragaui und Stephanos und auch die Mutter des jungen Falascha Taamrat, den Herr Faitlowitsch nach Europa mitgebracht hatte und der jetzt am Rabbinerseminar zu Florenz studiert. Diese zum Protestantismus übergetretene Frau übt hier eine Art Diakonissenamt aus. Nach den an Ort und Stelle geschöpften authentischen Erkundigungen sind alle Familien in diesen Dörfern von Ursprung Falaschas und sind durch Aragaui zum Christentum bekehrt worden. Die Zahl ler in diesem Bezirk übergetretenen Falaschas beträgt 200 )is 300. Wahrscheinlich sind beim letzten Überfall der Derwische mehrere Falaschas umgekommen. Die Eingeborenen haben uns selbst die traurige Geschichte dieser Streifzüge erzählt und uns die Trümmer der Verwüstungen gezeigt. Heute ist kein einziger Falascha mehr in Dschenda. Fendscha ist drei Stunden von Dschenda entfernt. Dicht bei dem abessinischen Dorf gibt es zwei gesonderte rruppen. Die eine besteht aus 5 Falaschafamilien, die andere •ms 7 Familien bekehrter Falaschas. Alle sind Weber. Sie besitzen eine kleine Hütte, die ihnen als Mesgid (Tempel) iient, haben aber weder Kahen (Priester) noch Dabtera i Lehrer). Guraba ist viereinhalb Wegstunden von Fendscha utfernt. Wir hatten unser Lager eine halbe Stunde vom .^alaschaquartier «aufgeschlagen. Das Dorf zählt 12. Falaschafamilien (2 Landwirte, 2 Zimmerleute, 8 Weber). Es ist '>ekannt durch seine Falascha-Priester, 11 an der Zahl, von denen 8 eigentliche, 3 dienende Priester sind. Der ' )berpriester Abba Teppim, ein achtzigjähriger Greis, fragte ins nach Herrn Halevy, den er 1868 in Vohni bei Ualkait esehen hatte. Gana-Yoh anis, etwa viertehalb Stunden von t-uraba, umfasst 5 Falaschafamilien (2 Schmiede und "> Weber). Amba Ualid, vier Stunden von Gana - Yohanis, ist das Geburtsdorf von Getie, dem zweiten von Herrn i^aitlowitsch nach Europa geführten und durch die Alliance leich Taamrat aufgenommenen Falascha. In Abwesenheit eines Vaters, der wegen eines von dem Schwiegervater;<eties angestrengten Prozesses nach Addis-Ababa geladen ' ar, kam seine Mutter mit ihren übrigen Söhnen in unser ager, brachte uns Tadschera, Talla, Eier, lebendes Geiügel, fragte uns nach Nachrichten von ihrem Sohn und ibergab uns einen Brief für den jungen Mann. Wir haben '•!en Brief in Addis-Schoa abgeliefert, wo wir den jungen Mann bei Herrn Faitlowitsch trafen. Einige Tage vor untrer Ankunft, so erzählte uns Abba-Fachas, der Debtere los Dorfes, hatte ein Brand sechs Hütten und den Tempel nit den darin befindlichen wenigen Handschriften zerstört. ■mba-Ualid hat 15 Falaschafamilien (3 Schmiede, 2 Maurer ftd 10 Weber). Trotz des Freitags, des falaschischen Feiertgs, zündete der Schmied sein Schmiedefeuer an, um uns u zeigen, wie er das Eisen behandelte. S e k e 11 — dieses Dorf, das ebenso heisst wie der Distrikt — ist von dem vorigen 2 Standen entfernt. Seine «0 Falaschafamilien beschäftigen sich alle mit Weberei. D i r m a m a (Eseso), eine Stunde von Sekelt, hat nur?ine einzige Falaschafamilie. Gudi-Gudi (auf dem Wege nach Gondar) hat zwei Falaschaschmiede. Amba-Atschera, drei Stunden von Sekelt, ist von 10 Falaschafamilien bewohnt (5 Webern und 5 Schmieden). Tadda, eine Stunde südlich von Gondar, umfasst 15 Falaschafamilien. Davon sind 2 Maurer, 2 Schmiede, 11 sind Weber. Kaddis-Yohanis, eine halbe Stunde von Gondar, ist ein Dorf, das die auf Befehl der Kaiserin zur Wiederherstellung der Kirchen aus Simen herbeigerufenen Falaschas neu gebaut haben. Sie sind alle Maurer. Der Kantiba von Gondar brachte sie alle zu uns. Sie machten uns Mitteilung über ihre Lebensführung und die ihrer Glaubensgenossen von Simen. Gondar ist historisch nächst Axum die wichtigste Stadt Abessiniens. Wir lagerten dort bei dem Palais Rie Fassil, das die Portugiesen im 18. Jahrhundert errichtet haben. Das ist ein Schloss mit einem viereckigen, seitlichen, hohen und massiven Turm und anderen runden Türmchen. In einiger Entfernung vom Schloss und ihm gegenüber sieht man einige mit Zinnen versehene Gebäude, die als Kirchen oder Seminarien dienen. Diese Stadt umschliesst die grösste Zahl abessinischer Muselmanen. Sie wohnen in einem besonderen Viertel. Jhr Oberhaupt ist Sheik Safid. Alle abessinischen Muselmanen sind Händler. Sie betreiben den Handel zwischen Gondar und Metemma an der sudanesischen Grenze. In der Stadt selbst gibt es keinen einzigen Falascha. Nach drei Rasttagen verliessen wir Gondar auf dem Wege von Uagara, um nach Simen vorzudringen und den Taccase vor dem 30. Juni zu überschreiten. Nach diesem Termin nämlich steigt er über die Ufer und wird unpassierbar. Wir hätten bei einer Versäumnis bis Ende Oktober diesseits des Flusses bleiben müssen. Auf diesem Wege trifft man: W a 1 a k a , fünf Meilen nordöstlich von Gondar. Elf Falaschafamilien wohnen dort, teils Ackerbauer, teils Weber. Nach \ier Tagen ununterbrochenen Marsches kamen wir in Dobarik an (Eingang zum Simen), wo damals Dadschadsch residierte, ein Neffe der Kaiserin und Gouverneur von Simen und Ualkait. Er liess uns einige Tagereisen weit von drei Hauptleuten begleiten. Von Dobarik wandten wir uns nach S c h e w a d a (Simen). Wir lagerten in Barna, 4200 Meter Höhe. Wir brachten dort eine schreckliche Nacht zu. Durchdringende Kälte hinderte uns den Schlaf, und heftiger Wind verurteilte uns zur Unbeweglichkeit. Da es wegen der Kälte und wegen der Schwierigkeit des Aufstiegs, unmöglich war, weiter vorzudringen, machten wir Kehrt und wandten uns nach Taccase über U o d a b 1 a. Nach den Mitteilungen, di*e uns Kinyasmatsch Ilma aus Simen gab und die genau mit unseren Erhebungen in Gondar übereinstimmten, sind simenitische Falaschas bei den von der Kaiserin unternommenen Bauarbeiten beschäftigt. Die von Falaschas bewohnten sinienitischen Dörfer sind: 1. Malta mit 15 Familien, 2. Baschge mit 3 Familien, 3. Wutschanegsi mit 4 Familien, 4. D i b i 1 mit 3 Familien, 5. Schevada mit 8 Familien (die Oberhäupter dieser Familien sind sämtlich Schmiede), 6. Aiva mit 6 Familien, 7. Tiana mit 5 Familien (die Oberhäupter dieser 11 Familien sind Maurer). Nach sechs Etappen durchziehen wir den Bezirk Taccase und gehen direkt auf Adenkato zu, das wir von zahlreichen Falaschas bevölkert glauben. Adenkato ist der Name eines Bezirks, der gleich anderen abessinischen Bezirken mehrere kleine Dörfer oder