Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 3)
- Language
- German
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315 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falaseha-Expedition. 316 feuchtem Kuhmist, der schwelte, ohne eine Flamme zu geben, und röstete uns Gerste. So teilten wir die Nahrung unserer Tiere. Anderen Tages trafen wir nach einstündigem Marsch unsere Karawane und zogen in die durch ihre Pferde berühmten Ebenen von Salale. Nachdem wir den Mughan durchschritten, wo uns beim Lagern ein heftiger Zyklon überraschte, betraten wir das Salalegebiet. An Reisezwischenfällen fehlte es uns nicht. Eines Morgens entdeckten wir unter meinem Bett eine sehr gefährliche Schlange, die unsere Leute erschlugen. An einem andern Tage hatten wir mit verfolgenden Abessiniern ein Hühnchen zu pflücken. Ein Abessinier behauptete, dass der Maulesel unseres Karawanenchefs ihm gehöre und ihm zurückgegeben werden müsse. Bei dieser Gelegenheit lernten wir die abessinische Justiz kennen, denn wir mussten den Streitfall vor den Minister der auswärtigen Angelegenheiten und des Handels als den obersten Richter bringen. Ehe wir zum Blauen Nil kamen, hatten wir ein Land von rauhem Aussehen zu durchschreiten. An Stelle der feuchten Ebene des Salade hatten wir steil abfallende Berge mit tiefen Schluchten vor uns. Das ist der schwierigste und gefährlichste Weg in ganz Abessinien. Zum Erklimmen dieser schroffen Gipfel mussten wir uns förmlich in Eidechsen verwandeln; von der Spitze eines dieser Berge sieht man, so weit das Auge reicht, eine sieh in mächtigen Wellenlinien ausbreitende Gebirgskette. Zwischen zwei Ausläufern finden wir den Blauen Nil. Es war höchste Zeit. Unter den Ausstrahlungen der Granitfelsen verspürte ich die ersten Symptome des Sonnenstichs, und es fehlte uns an Wasser. Mit äusserster Wülensanstrengung erreichte ich den Abba'i (Blauen Nil), dann fiel ich in Ohnmacht. Man brachte mich bis an das Ufer und tauchte mich in voller Kleidung zu wiederholten Malen in den Fluss. Dieses Bad und die ebenso hingebende wie verständige Pflege des Herrn Eberl'!n belebten mich wieder; nachdem ich mich ein paar Stunden lang unter einem Baum ausgeruht hatte, konnten wir unsern WTeg fortsetzen. Wir brauchten acht Tage, um das vom Blauen Nil bewässerte Gebiet von Godjam za durchmessen. Der Strom AbbaT oder Blaue Nil entspringt in den im Mittelpunkt von Godjam gelegenen Bergen, wendet sich nach Norden, stürzt sich in den Tsanasee, aus dem er im Osten wieder herausfliesst, begrenzt die Gebiete Godjam und Dama und fliesst bei Khartum in den Weissen Nü. Wir überschritten den Fluss auf der von den Portugiesen gebauten alten Brücke und wendeten uns nach Beguemeder. Beim Eintritt in das dem Ras Gouxa gehörende Land Beguemeder wurden wir von dem Dedjadj (Gouverneur) Makonen mit grosser Liebenswürdigkeit empfangen; er Hess uns durch einen seiner Leute bis Debra-Tabor, der Residenz des Ras, begleiten. Das auf einer Höhe von 2945 Meter gelegene Debra- Tabor hat 6—7000 Einwohner und besteht, wie alle übrigen Städte des Landes, aus einem grossen, mit Hütten bestandenen Lager. Ras Gouxa ist der Neffe der Kaiserin und gleichzeitig der Schwiegersohn des Kaisers. Er ist ungefähr 36 Jahre alt, hat eine kräftige Gestalt, regelmässige Züge und sehr lebhafte Augen. Er und alle anderen Ras haben dieselbe Lebensweise wie Menelik; er hat seinen Guobi (Palast) und seinen Aderasch (Empfangssaal), in dem er an Festtagen seinen Häuptlingen und seinen Soldaten ein Bankett gibt. Ras Gouxa bereitete uns einen ^begeisterten Empfang. Vier Tage hielt er uns in seiner Hauptstadt fest, und als wir ihn verlassen mussten, gab er uns einen Offizier seines Hauses und zwei Soldaten zur Begleitung, schenkte uns zwei prachtvolle Maultiere und gab uns folgenden Brief, der unserer Karawane freien Unterhalt auf Staatskosten verschaffte: „Der Ras an alle Häuptlinge seines Landes: Die mir empfohlenen Herren H. Nahum und Eberlin kommen in mein Land, um die Falaschas zu besuchen. Ich befehle Euch, sie gut zu empfangen und ihnen jeden Tag in ihr Lager zu schicken: 100 Endiras (eine Art Brot), 3 Gombos (Krüge) Talla (abessinisches Bier), 3 Kasserollen Sauce, 1 Hammel, 1 Krug Honig, 1 Krug Butter, Milch, Eier und Geflügel nach Bedarf. Zeiget ihnen alles, was sie in meinem Land zu sehen wünschen und lasset sie auf dem bequemsten Wege bis zum nächsten Choum geleiten.'* Von Debra-Tabor stiegen wir abwärts nach K u r a t a (1900 Meter), um nach der östlichen Küste des Tanasees zu gelangen, wo nach der uns von Gabrukantiba in seinem Wegweiser gegebenen Auskunft einige Falaschafamilien wohnen sollten. Von dort aus wollten wir dann durch die Fogueraebene in die Provinzen Dembea und S e k e 11 gelangen, die von den Falaschas bewohnt werden. Wir zogen die ganze Ostküste entlang und trafen allmählich auf zehn Dörfer; erst vom achten, vom Dorf Atschera ab, fingen wir an, Falaschas zu finden. Atschera gehört dem Gabrukantiba, der gleich den Missionaren Aragaui und Stephanos aus Denda falaschischen Ursprungs ist. Er war in seiner Jugend durch deutsche Missionare zum Christentum bekehrt und zuerst nach Basel, dann nach London gebracht worden, um dort seine Studien zu beenden. Nach seiner Rückkehr nach Abessinien wurde er zum Bürgermeister der Stadt Gondar ernannt und blieb fünfzehn Jahre lang in diesem Amt. Danach wurde er nach Addis-Abeba berufen und wurde hier Dolmetsch bei der deutschen Gesandtschaft. Er ist es auch gewesen, der den Professor Rosen, den Bruder des Diplomaten, auf seiner Reise nach Gondar begleitet hat. Die Tochter Gabrukantibas lebt auf einer eine halbe Stunde von unserem Lager liegenden Besitzung und hat drei Falaschafamilien in ihrem Dienst, von denen zwei sie Ii mit Landwirtschaft beschäftigen. Das sind die ersten Falaschagesichter, denen wir begegnet sind. Auf dem Wege nach Tschenker sahen wir in der Ebene zwei Hütten, die von zwei Falaschawitwen bewohnt sind; diese Frauen beschäftigen sich ausschliesslich mit der Weberei der „C h a u - m a s" genannten Stoffe, die zur Bekleidung der Eingeborenen verwendet werden. In den Dörfern der Provinzen Dembea und Sekelt haben wir in mehr oder weniger grossen Abständen Falaschagruppen getroffen. Wir wollen sie hier kurz in der Reihenfolge anführen, in der wir sie besucht haben. Die erste sahen wir in Tschenker, das nördlich und 2*4 Stunde — ungefähr 10 Kilometer von Atschera entfernt liegt und eine im Vergleich zu andern Dörfern ziemlich zahlreiche abessinische Bevölkerung hat; hier wohnen nur drei Falaschafamilien. Die Männer sind Weber, die Frauen arbeiten an der Herstellung von Töpferwaren. Drei Stunden weiter erreichten wir das Tal Dschenda. Auf dieser grossen, von Hügeln umgebenen Ebene stehen