Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 313 - 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Bericht des Chacham Baschi Haim Nahum über seine im Auftrag der Alliance Israélite Universelle unternommene Expedition zu den Falaschas
Date
1909-05-01
Page
Seite 313 - 314 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583986-2599536--09338-2599597
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

313 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Bericht über die Falascha-Expedition. 314 Afrikaner, die durch jüdische oder judaisierende Einwanderer zweihundert bis dreihundert Jahre vor Entstehung des Christentums zum damaligen jüdischen Glauben in Abessinien bekehrt worden waren? Oder sind sie die Nachkommenschaft eines jüdischen Volksteils, der in noch unbekannter Zeit nach Abessinien gekommen ist? Diese Frage des Ursprungs kann ich hier nur streifen, spätere Behandlung für eine besondere Studie vorbehaltend, die über den für den vorliegenden Bericht gezogenen Rahmen etwas hinausgeht. Bevor ich Sie zu den Falaschas führe, halte ich es für angemessen, ihnen ihren Platz anzuweisen, das von ihnen bewohnte Land zu schildern und in grossen Zügen das allgemeine Leben seiner Bewohner zu schildern. Meine früheren Mitteilungen reichen bis zu unserer Ankunft in Addis-Abeba, bis zu dem Empfang, den wir dort gefunden haben. Die Müsse eines erzwungenen mehrwöchigen Aufenthaltes in dieser Stadt erlaubte mir, das Leben und die Sitten der abessinischen Hauptstadt 2u studieren. Verweilen wir hier einige Augenblicke, ehe wir den Weg fortsetzen. Negus Menelik residierte vordem in Entoto. Aber diese auf einem Berge gleichen Namens gelegene Stadt ist allen Winden ausgesetzt und für Karawanen schwer zugänglich. Die Kaiserin Taitu erlangte im Jahr 1886 von ihrem Gemahl die Verlegung der Residenz nach Addis-Abeba. Die gegenwärtige Hauptstadt hat das Aussehen eines ungeheuren Lagers, das von etwa 12 000 Zelthütten und nur zwischendurch von einzelnen nach europäischer Art gebauten Häusern bedeckt ist. Mit Dire-Dorita und mit Dschibuti durch eine Telegraphenlinie und eindenTscherscher kreuzendes Telephon - netz, mit Erythrea durch eine andere, den Tigre kreuzende Linie verbunden, hat Addis-Abeba einen wohlgeordneten wöchentlichen Postdienst nach dem Osten. Die Handelsbeziehungen werden durch eine Bank (die Bank von Abessinien) gesichert; es gibt dort zwei Hotels und gegenwärtig ist ein Krankenhaus im Bau. Zwei grosse Strassen durchschneiden die Stadt und führen zum Gebi, dem kaiserlichen Palast. Eine fahrbare Landstrasse von 65 Kilometer Länge geht vom Palast bis Addis-Alem, dem abessinischen Versailles, wohin der Kaiser sich gewöhnlich im Automobil begibt. Da die Stadt auf einer Anhöhe liegt, macht der Europäer oder vielmehr der Weisse seine Wege in der Regel zu Pferd oder zu Maultier. Keine Polizei sorgt für Ordnung in der Stadt, und die eingeborene Bevölkerung darf nach 9 Uhr abends nicht mehr auf die Strasse geben. Der Europäer allein hat dieses Vorrecht und muss dabei eine brennende Laterne führen. Trotz der anhaltenden Arbeit aller europäischen Händler, die seit vielen Jahren in der Hauptstadt ansässig sind, hat der Handel bisher keine sehr merklichen Fortschritte gemacht. Gründe sind: die weite Entfernung der Stadt von der Küste und die Geringfügigkeit der Bedürfnisse der abessinischen Bevölkerung. Aber die Eröffnung der Eisenbahn von Addis- Abeba nach Dschibuti hat die Entfernung verkürzt, und die Abessinier werden sich bei der Berührung mit der Zivilisation ohne Zweifel allmählich an die Handelsgeschäfte gewöhnen und mit den Erzeugnissen der europäischen Industrie vertraut machen. Der gegenwärtige Warentransport — auf Maultieren durch den Tscheuschen und die Assabot, oder auf Kamelen drarMl3di»i'WastB9Bjef«wkiil ~m ist .sehr, kostspielig. Man darf im Durchschnitt 60 Centimes für ein Kilogramm rechnen. Dazu kommen Schädigungen durch häufige Verzögerungen in der Ankunft der Karawanen — der Leibarzt des Kaisers, Dr. Vitalien, hat mir bestätigt, dass eine Kiste mit pharmazeutischen Produkten von Earrar bis zu ihm anderthalb Jahre gebraucht hat; —Verderbnis der Ware, Bruch, zuweilen völliger Verlust der Ware durch das Eingehen eines Kamels, die Trinkgelder an die Zollbeamten zur Vermeidung von Scherereien (neben dem zehnprozentigen Wert zoll). Man kann sich hiernach eine Vorstellung machen von den ungeheuren Gestehungskosten der Waren. Auch muss man bedenken, dass die ausfuhrfähigen Produkte sehr gering an Zahl sind. Überdies ist der Unterhalt für den Europäer sehr kostspielig. Zwischen den Lebensbedingungen des Fremden und des Einheimischen ist ein weiter Abstand. Dieser begnügt sich mit einem Unterschlupf, den er sich ohne Kosten aus Baumzweigen und Stroh herrichtet; er nährt sich von Berberi (rote Würze) und Indschera (einer Art Brot). Der Europäer stellt höhere Anforderungen an die Nahrung und könnte sich mit einer so primitiven Wohnung nicht genügen lassen. Die Bevölkerung der Hauptstadt wird auf 50 00O bis 60 000 geschätzt. Darunter sind 12 000—15 000 Askari oder Soldaten. Die Zahl der Weissen (Griechen, Armenier, Indus) ist kaum tausend. Die übrigen sind eigentliche Abessinier, Gallas, Changallas und Guragis. Abreise von Addis-Abeba. — Unsere Reiseroute. — In meinem Brief aus Addis-Abeba vom 12. März habe ich Ihnen geschrieben, welchen Reiseweg ich mir auf Grund der Angaben von d'Abbadia und Joseph Halevy vorgezeichnet hatte. Gabrukantiba, vormals Falascha und Bürgermeister von Gondar, jetzt Dolmetsch bei der deutschen Gesandtschaft und im Palais, war so freundlich gewesen, mir noch Genaueres über die von mir einzuschlagenden Wege mitzuteilen und über die Gegenden, in denen ich Falaschas finden würde. Ich konnte so im voraus die Marschroute unserer kleinen Karawane feststellen. Am 16. April, einem Sonntag, verliessen wir Addis- Abeba, 15 Mann mit drei gesattelten und zwölf Lastmaultiere. Aus früheren Erfahrungen wussten wir, dass man auf Abessinier nie rechnen darf. Ihr Charakter ist voller Gegensätze, Seltsamkeiten, Zweideutigkeiten. Der Abessinier verbringt den grössten Teil der Zeit mit Erörterungen und Nörgeleien. Um die nichtigste Sache ist er imstande, den Europäer, der ihn gedungen hat, zu verlassen, und wäre es mitten in der Wüste. Als wir eben in den Sattel steigen wollten, beim Aufruf, fehlte ein Mann. Er hatte sich gedrückt und dabei einen Karabiner, eine gefüllte Patronentasche und acht Taler mitgenommen. — Der erste Tag unserer grossen Reise Hess sich übel an. Da unsere Karawane nicht denselben Pfad eingeschlagen hatte wie wir, fanden wir, Dr. Eberlein, der Chef der Karawane und ich, bei hereinbrechender Nacht uns auf unermesslicher Ebene. Es regnete in Strömen und wir hatten kein Zelt, kein Bett, nicht die kleinste Decke und keinen Bissen Brot. Wir setzten gleichwohl unsern Weg fort, in energischer Anstrengung Ermüdung und Sturm überwindend. Endlich bemerkten wir einige Gallahütten. Das war Rettung. Wir eilten hin und erbaten Gastfreundschaft. * Man bot uns einen Stall an, in den wir mit unseren Maultieren einzogen. Es war eine unvergessliche Nacht. Völlig durchnässt streckten wir uns in' einem Winkel aus, neben unseren Maultieren und den Rindern unseres Herbergsvaters, erschöpft und von Hunger gepeinigt. Unser Wirt machte uns Feuer mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.