Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Hungaricae res
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583986-2599519--09291-2599579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
277 Jakob Kiausz, Wien: Hungaricae Res. 278 Das was wir bisher geschildert haben, bildet gegenwärtig noch, wenn man so sagen darf, eine interne Angelegenheit der ungarischen Juden, auf die die Judenschaft des Auslandes nicht gut Eiofluss nehmen kann. Die Juden Ungarns wären übrigens die ersten, die eine solche Einmengung in entschiedenster Form zurückweisen würden. Die ungarische Judenfrage hat aber auch eine andere Seite, die nicht mehr ganz interner Natur ist und mit der sich die grossen jüdischen Organisationen nicht nur beschäftigen könnten, sondern sehr intensiv beschäftigen müssten. Es ist die sogenannte Galizianerfrage. Den galizischen Juden ist im Leben des gesamten Judentums und besonders in den Arbeitsprogrammen der grossen jüdischen Organisationen eine ganz merkwürdige, man kann ruhig sagen, inferiore Eolle zugefallen. Es gehört heute gewissermassen zum philanthropisch-jüdischen bonton in den Jahresberichten irgendwo am Schlüsse zu erwähnen, dass der Verein oder die Gesellschaft „auch in Galizien" tätig gewesen sei. Wenn eine reiche jüdische Organisation, wie dies in jüngster Zeit Mode geworden ist, die grossen Leidensstationen der jüdischen Diaspora bereisen lässt, so wird der Emissär niemals vergessen, nebst den grossen Checks im Portefeuille auch einige Nickelstüeke vielleicht gar Silberlinge „für Galizien" in die Westentasche zu stecken. Galizien wird nur so nebenher behandelt, während es ein grosses, ernstes Problem für sich ist. Die galizischen Juden spielen im Haushalt der grossen philanthropischen und politischen Organisationen — die J. C. A. mit ihren mächtigen und segensreichen Schöpfungen macht hierin eine Rühmliche Ausnahme — die Rolle des missliebigen Huhnes im Hühnerhofe, das bei der Fütterung vööi ganzen Hühnervolke angepickt und erst dann zu den Futterkörnchen zugelassen wird, wenn die anderen etwas übriggelassen haben .... Die Tatsache, dass die grossen jüdischen Organisationen eine gewisse, durch die politischen Verhältnisse im Lande allerdings zum Teile begründete Scheu empfinden, der galizischen Judenfrage näherzurücken, ist nicht das einzige Unglück der galizischen Juden. Das Vorurteil ijber ihre Inferiorität verfolgt sie über die Grenzen ihres Geburtslandes hinaus. Gelingt es schon einer Gruppe galizischer Juden, sich aus ihrer fatalistischen Trägheit aufzuraffen, die Hungerstätte ^u verlassen und „jenseits des Wassers" auszuwandern, so erleben sie dort die bittere Enttäuschung, dass ihre Brüder aus Kussland und Rumänien sie nicht „anerkennen", sie gleichfalls als inferiore Elemente behandeln. Diejenigen, welche nach transozeanischen Ländern auswandern, das sind die Starken, die Energischen, die Tatkräftigen unter den galizischen Juden. Gross ist jedoch auch die Zahl derer, die nicht den Mut aufbringen, nach einem Lande zu wandern, wo die Notwendigkeit an sie herantritt, ein neues Leben zu beginnen. Der fallite Kaufmann, der bei seinem Rebbe in Ungnade gefallene, jeder positiven Arbeit entwöhnte Chassid und die grosse Scbar der Luftmenschen, die zuhause nicht einmal die Luft mehr finden, von der sie vorher gelebt hatten, wenn diese zweifellos minderwertigen Elemente den ohnehin stets schwankenden Heimatsboden unter ihren Füssen verlieren, so suchen sie ein Milieu und eine Atmosphäre auf, die der ihnen gewohnten möglichst gleich sind, und wo an ihre Anpassungsfähigkeit keine allzugrossen Ansprüche gestellt werden. Sie wechseln nur den Boden, aber die Luft muss dieselbe bleiben. Diese Leute können also nicht weit wandern. Der fallite Kaufmann kommt höchstens bis in den Wiener zweiten oder zwanzigsten Bezirk, und die übrigen überschreiten einfach die galizisch-ungarische Grenze und finden in der Marmaros oder in einem Teile des Zipser Komitats das ihnen passende Milieu und die ihnen vertraute Atmosphäre. Und so entsteht dann die ungarische Galizianerfrage. Verachtet von ihrer christlichen Umgebung, gehasst von ihren ungarischen Glaubensgenossen, werden sie als ein unerwünschtes Element angesehen, als ein lästiger Fremdkörper, der in den Entwicklungsrahmen der ungarischen Kultur nicht eingefügt werden kann, ohne ihm Schaden zuzufügen. In diesem auf solche Weise entstandenen galizischen Problem in Ungarn spielen die eingewanderten Galizianer naturgemäss die traurigste Rolle. Sie sind unter allen Beteiligten an dem durch sie hervorgerufenen Widerstreit die Bedauernswertesten. Sie haben das nordöstliche Gebiet Ungarns nicht nur deshalb zum Ziele ihrer kurzen Wanderung erwählt, weil sie dort religiös Gleichgesinnte finden konnten, sondern auch deshalb, weil die nichtjüdische Umgebung zum Teil derjenigen in Galizien ähnlich ist. Es ist das ein Gebiet, das stark von Ruthenen und anderen slavischen Volksstämmen durchsetzt ist. Der dahin eingewanderte galizische Jude findet daher nicht nur für seinen Jargon, sondern auch für seine Kenntnisse in der ruthenischen Umgangssprache eine Verwendungsmöglichkeit, ohne die Unannehmlichkeit