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Ost und West · 1909-05-01 · Heft 5 (Mai 1909) · p. Seite 275 - 276

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 5 (Mai 1909)
Article
Hungaricae res
Date
1909-05-01
Page
Seite 275 - 276 (sequence 2)
Language
German
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275 Jakob Krausz, Wien: Hungaricae Res.. 276 Die Verhältnisse in Ungarn sind auch, was die Juden anlangt, sehr traurig. Das Zustandekommen der Koalitionsregierung war von vorneherein nur auf Kosten des Liberalismus möglich. Ja, selbst die ihrem ursprünglichen Programme nach radikal-liberale Kossuth-Partei konnte nur deshalb zur grössten Partei im ungarischen Parlamente anwachsen, weil sie bei der Aufnahme ihrer Mitglieder weniger auf das liberale Bekenntnis als auf die Betonung des Prinzips der Unabhängigkeit Ungarns Gewicht gelegt hat. und es ist nicht Zufall, dass der eigentliche Führer der Unabhängigkeitspartei heute nicht der kranke und willensschwache Franz Kossuth, sondern der redebegabte und willensstarke Kalksburger Jesuitenzögling Graf Albert Apponyi, der Chef des Ministeriums für Kultus und Unterricht ist. Graf Albert Apponyi lässt auch keine Gelegenheit vorübergehen, ohne die Juden und Protestanten fühlen zu lassen, dass er den eisernen Willen habe, sein Kalksburger Programm konsequent durchzuführen und aus Ungarn einen katholisch-klerikalen Staat zu machen. Unter solchen Umständen ist es erklärlich, dass die antisemitische Volkspartei, als Mitglied der Koalition, in der Entfaltung ihrer judenfeindlichen Tätigkeit im Lande auf keine sonderlichen Schwierigkeiten stösst. Im Gegenteil, sie wird in ihren gegen die Juden gerichteten Bestrebungen sowohl von Apponyi als auch vom Ackerbauminister Dr. Jgnaz Daranyi nur gefordert. Und die Volkspartei hat die drei Jahre seit dem Bestände der Koalitionsregierung für ihre judenfresserischen Zwecke eifrig ausgenützt. Zahllos sind die jüdischen Existenzen, die sie mit allen möglichen Mitteln und unter allen denkbaren Vorwänden auf dem flachen Lande ruiniert hat. Während es früher in Ungarn fast kein Dorf und keinen Weiler gab, in dem nicht wenigstens eine jüdische Familie anzutreffen gewesen wäre, kann man jetzt endlose Strecken bereisen, ohne einem ansässigen Juden zu begegnen. Familien, deren Vorväter schon in den Dörfern in Frieden gelebt haben, mussten, infolge der Agitation der Volkspartei zu Grunde gerichtet, entweder aus dem Lande auswandern oder in die Stadt ziehen und dort die Zahl des jüdischen Proletariats vergrössern. Was ficht es die katholische Volkspartei und die Regierung an, dass die „christlichen" Konsumvereine zum grössten Teile bankerott werden, ihre Verwalter die mühsam erworbenen Groschen der Bauern defraudieren, und die Auswanderung der ländlichen Bevölkerung nach überseeischen Ländern trotzdem oder vielmehr weil die Juden aus den Dörfern und Marktflecken verdrängt wurden, in stetem Anwachsen begriffen ist? Sie haben eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht; das ungarische Landvolk ist von seinem „Feinde" befreit, die Juden sind in die Städte gedrängt, wo sie als grössere Masse leichter auffallen, wo man über ihre „Präponderanz", über die Ueberflutung der städtischen Berufe durch die Juden etc. aufreizende Reden halten kann. Und nun geht der Kampf gegen die Juden in den Städten los! Gegen die jüdischen Beamten, die jüdischen Lehrer, die jüdischen Aerzte und Advokaten, sowie gegen den jüdischen Gewerbetreibenden und den jüdischen — Aristokraten. Und die jüdischen Massen in den Städten, die zum grössten T£ile dem mittellosen Proletariat angehören, nehmen mangels einer einheitlichen Führung, mangels einer Kichtschnur, die ihnen den Weg innerhalb des Judentums weisen würde, ihre Zuflucht dorthin, wo sie vor allem einen Schutz ihrer materiellen Interessen wähnen: der eine geht zur Taufe, der andere zu den Sozialdemokraten, und was jüdisch und bürgerlich ist, bleibt indifferent und klagt — wenigstens war dies bisher der Fall — über die „sozialen Scheidewände und den Partikularismus der Eassen . . . ." Jetzt tobt der Kampf der herrschenden Koalition gegen die „konfessionslose, vaterländische jüdische Sozialdemokratie." Gewiss, es soll nicht geleugnet werden: die Sozialdemokraten in den ungarischen Städten sind zum grossen Teil Juden; ihre Führer sind es fast durchweg. Aber abgesehen von der Berechtigung einer freien Meinungsäusse rung, die doch auch den Juden zukommt, drängt sich die Frage auf: woher rekrutieren sich diese angefeindeten jüdischen Proletarier? Zum weitaus grössten Teil aus den Opfern der antisemitische!; Volkspartei und ihrer Helfershelfer, aus jener Opfern blinden Hasses, die, aus dem flachen Lande in die Stadt getrieben, in der Stadt aus Amt und Stellung verdrängt, an dem frostigen Indifferentismus der Glaubensgenossen vorüberhüpfend, sieb dorthin flüchteten, wo man für ihre Rechte zu kämpfen sich bereit zeigt. Darin liegt eben die Tartüfferie der heute in Ungarn herrschenden klerikal-antisemitischen Richtung: dass sie die grosse jüdische Masse erst künstlich zu besitzlosen Proletariern gemacht hat und ihnen dann die ihnen aufgezwungene Kampfesweise der Verzweifelten als Sünde anrechnet. * * *

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