Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1909)
- Article
- Hungaricae res
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 4)
- Language
- German
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279 Jakob Krausz, Wien: Hungaricae Res. 280 der Unkenntnis der seinem Sprachenkreise vollständig fremden, ungarischen Landessprache im Alltagsleben sonderlich zu spüren. Aber darin liegt eben der eigentliche Kern des ganzen Problems. Gerade der Umstand, dass sie dem in Ungarn allmählich aussterbenden Jargon eine neue Pflanzstätte schaffen, ist die Hauptursache dafür, dass die einheimischen Juden sie offen verleugnen. Die weitere Tatsache, dass sie den nichtmagyarischen Nationalitäten unbewusst neue Nahrung und daher auch neue Widerstandskraft gegen die offiziellen Magyarisierungsbestrebungen zuführen, bietet der Staatsgewalt die Handhabe zu der immer häufigeren Verschärfung und übermässig strengen Ausübung der ungarischen Fremdengesetze, die sich eingestandenermassen gegen die galizischen Juden richten. Und nun noch etwas: Die genannten ungarischen Gebiete sind in jeder Beziehung kulturarm, die Erträgnisse des Bodens reichen nicht hin, um die eingeborene Bevölkerung zu nähren. Das von den galizischen Juden gewählte ungarische Einwanderungsgebiet zählt zu den notorischen Auswanderungsgebieten. Die Juden füllen dort nicht leergewordene Plätze am „gedeckten Tisch", sondern erhöhen bloss die Zahl der Hungrigen. Es liegt nun in der Gesinnung der Antisemiten — und die ungarischen Antisemiten unterscheiden sich hierin nicht ___________ im Geringsten von ihren Gesinnungsgenossen anderer Länder—, dass sie in bewusster Verwechslung von Ursache undWirkung, die Massenauswanderung der autochthonen Bevölkerung aus jener Gegend der Zuwanderung der galizischen Juden XIC. POÜSSIX. Aussetzung Moses. zuschreiben und daraus Waffen gegen die gesamte Judenschaft schmieden. Aber jedenfalls haben sie das eine schon erreicht, dass die ungarischen Juden so laut als möglich jede Gemeinschaft mit den unglücklichen Glaubensbrüdern von sich weisen. In diesem dreifachen Feuer nun kommt der eingewanderte Jude moralisch vollständig herunter und ist ausser Stande festen Boden zu gewinnen. Das galizische Problem in Ungarn war sicherlich mit ein Motiv zur Gründung des „Ungarisch-israelitischen Kulturvereins." Mit diesem kurzen Schlaglicht auf die Lage der Juden in Ungarn wollte ich mich weder mit der oft unjüdischen schroffen Haltung der ungarischen Juden und weniger noch mit den in ihren Mitteln durchaus illiberalen, reaktionären Schutzmissregeln der ungarischen Kegierung gegen die „Invasion der Kaftanjuden" identifizieren. Ich wollte sie nur psychologisch erklären und durch sie auf eine der zahlreichen klaffenden Wunden der gesamten jüdischen Emigrationspolitik zeigen, dass wir, wenigstens soweit Galizien inbetracht kommt, noch nicht einmal über die elementaren Anforderungen an eine gesunde Auswanderungspolitik hinaus sind, die darin besteht, dass wir die Auswanderung nach gewissen Gebieten hintanhalten. Ich wollte schliesslich an der Hand eines Exempels von weittragender Bedeutung davorwarnen, Galizien nurso nebenher zu behandeln. Galizien ist ein Problem für sich, und die jüdische Aus waii - derung ans Galizien erheischt eine eigene, nicht minder rationelle, aber auch nicht minder liebevolle Behandlung, als die andern Zweige des grossen jüdischen Emigrations - Werkes. LOUVRE.