Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 267 - 268 (sequence 8)
- Language
- German
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267 Die Orientschulen der Allianz Israelite Universelle. 268 Alliance. Die ausgezeichneten Erfolge treten überall klar zutage. Man braucht nur die Juden der Orte, wo keine Allianceschule besteht, mit denen der Orte zu vergleichen, wo es eine solche gibt. Welch gewaltiger UnterschiedI Dass die türkischen Juden zu ottomanischen Patrioten erzogen worden sind, dass sie nicht mehr wie früher une quantite niegligeable sind, sondern für den Staat als wichtiger Faktor in Betracht kommen, danken sie der Alliance. Der jetzige Chacham Baschi, damalige Kaimakam Nahum, erzählte uns, der Unterrichtsminister habe ihm gesagt, dass die Schulen der Alliance im Rufe stünden, die besten zu sein. Er hätte daher den Wunsch, türkische junge Leute zu ihrer pädagogischen Ausbilduug in die verschiedenen Allianceschulen zu schicken, und zum Dank dafür wäre er gern bereit, an mehreren allianceschulen das Türkische durch türkische Lehrer auf Staatskosten unterrichten zu lassen. Saloniki mit seinen 75 000 Juden liefert den besten Beweis, dass die Alliance zum Besten der türkischen Juden Grosses geleistet hat. Das Lokal- Comite hat auf Befragen versichert, dass die Gemeinde den Allianceschulen unendlich viel zu verdanken habe. Der wohltätige Einfluss der Alliance in geistiger, sittlicher und wirtschaftlicher Hinsicht ist unermesslich. Fast alle Geschäftsangestellten, die Mehrzahl der Kaufleute, hunderte von tüchtigen Handwerkern, Meister und Arbeiter, fast alle Aerzte, Advokaten, Ingenieure, Journalisten in Saloniki sind ehemalige Schüler der Allianceschulen. Yor 1873 war die Zahl der Gebildeten in der Gemeinde Saloniki äusserst gering, jetzt zählen sie nach Tausenden. Diese glückliche Umwandlung ist nur auf Rechnung der Alliance zu setzen. Was die Juden Salonikis ohne die Alliance geworden wären, ist nicht auszudenken. Die jüdische Jugend von Saloniki hat bei der Umwandlung der Türkei in ein konstitutionelles Reich eine wichtige Rolle gespielt, eine Wirkung des Geistes, der seit 35 Jahren von den dortigen Allianceschulen ausgeht. Dort war es auch, wo vor einigen Monaten Riza Tefik Bey, ein türkischer Abgeordneter, kein Jude, sondern ein« Mohamedaner, ein ehemaliger Schüler der Alliance und Mitglied der Vereinigung ehemaliger Allianceschüler in einem Vortrag, unter Anführung von Bibelstellen in hebräischer Sprache, das Wirken der Alliance Israelite und die jüdische Solidarität gerühmt hat. Die seit 12 Jahren bestehende Association, die gegenwärtig an 250 Mitglieder zählt, entfaltet eine reiche und gesegnete Tätigkeit im Dienste der Gemeinde; ihre Aufgabe ist es, nicht allein die kameradschaftlichen Beziehungen zwischen den ehemaligen Schülern zu pflegen und durch Lektüre, Vorträge, Unterrichtskurse, Sport und Musik die geistige, sittliche und körperliche Ausbildung der Juden zu fördern, sondern auch an allen öffentlichen und privaten Wohltätigkeitswerken und an der Verbesserung des Unterrichtswesens in der Gemeinde mitzuwirken, einen Zusammenschluss der wohltätigen Vereine herbeizuführen, einen Arbeitsnachweis zu schaffen, im Schosse der jüdischen Bevölkerung das Gefühl der jüdischen Solidarität zu wecken und zu stärken, denen, die als Juden leiden, zu Hilfe zu kommen. Edle Zwecke und hohe Ziele, die dem Verein zur Ehre und der Gemeinde zum Segen gereichen, wo sie ernstlich ins Auge gefasst und angestrebt werden. Die Association besitzt ein sehr schönes Gebäude mit Sitzungs- und Lesezimmer, Musik-, Turn-, Fest- und Vortragssaal. Wir wurden, als wir einer Comite- Sitzung beigewohnt hatten, in den Vortragssaal geführt, wo wir zu unserer Ueberraschung eine zahlreiche Versammlung fanden, die uns erwartete. Kollege Levi hielt aut allgemeines Bitten eine Ansprache, die er überaus eindrucksvoll zu gestalten wusste, in der er das Vorhandensein einer solchen Association als Ehrenzeugnis für die Alliance, die Tätigkeit der Association als Wirken im Geiste der Alliance freudig anerkannte und die Versammelten zum Ausharren im Idealismus und zu fortgesetzter treuer Mitarbeit am Werke und im Sinne der Alliance mahnte. In Adrianopel, der letzten türkischen Stadt, die wir besuchten, hat sowohl der frühere hochangesehene Gemeindevorsteher, als auch der jetzige, beide ehemalige Aliianceschüler, die Erfolge unserer Schulen begeistert gerühmt. Auch dort steht die Association an der Spitze der Intelligenz und Vornehmheit. Die Mitglieder versammeln sich an jedem Sabbat Nachmittag und jeden Abend zu geselligem Beisammensein. Ausserdem veranstaltet die Association Vorträge und tut viel Gutes. Auch in Adrianopel kam die Dankbarkeit gegen die Alliance zu vollem unzweideutigem Ausdruck. Ehemalige Schüler der Alliance spielen jetzt nicht nur in der Gemeinde sondern auch im geschäftlichen und bürgerlichen Leben die führende Rolle. Es herrscht nur eine Stimme in Adrianopel, eine Stimme in "den jüdischen Gemeinden der Türkei: Die Lage der Juden hat sich seit drei Jahrzehnten ausserordentlich gehoben durch die Alliance. Ich hoffe, dass der Eindruck, den meine sachlichen und tatsächlichen Mitteilungen auf Sie gemacht haben, Ihnen den Eindruck widerspiegelt, den wir an Ort und Stelle von dem Wirken der Alliance davongetragen haben. Die Alliance ist für unsere Glaubensgenossen im Orient eine Segensmacht ohnegleichen, wie das Judentum in der Diaspora sie vordem nicht gekannt hat. Das Ergebnis unserer Inspektionsreise resümiere ich, wie folgt: 1. Die Anklagen, die gegen die religiöse Richtung unserer Schulen, gegen die religiöse Führung unserer Lehrer und ehemaligen Schüler vorgebracht worden, sind unbegründet, irrtümlich erhoben oder tendenziös erdichtet oder auch ungerechtfertigte Verallgemeinerungen bedeutungsloser Einzelfälle. 2. Der Religionsunterricht an unseren Schulen, weit entfernt davon, das jüdisch-religiöse Gefühl zu schwächen, hat vielmehr dazu beigetragen, dieses Gefühl zu stärken und der heranwachsenden Jugend aufrichtige Liebe zum Judentum, wie auch Verständnis und Eifer für die Ehre des Judentums einzuflössen. Der von der Alliance zuerst eingeführte Unterricht in der jüdischen Geschichte hat sich als wertvolles Mittel zur Hebung des jüdisch-religiösen Sinnes bewährt. 3. Der hebräische Unterricht an unseren Schulen ist durchschnittlich genügend, an einigen Schulen sogar sehr gut. Verständnis aller leichteren Stücke der Bibel im Urtext wird in der Mehrzahl der Knabenschulen erreicht, genaue Kenntnis des Gebetbuchs und geläufiges Beten überall von Knaben und Mädchen, das Auswendigwissen eines grossen Teils des Gebetbuchs und die volle Beherschung des gottesdienstlichen Gebetstoffes von den Knaben. Wo der hebräische Unterricht zu wünschen übrig lässt, liegt die Schuld an den ungeeigneten pädagogisch