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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 265 - 266

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
Date
1909-04-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 7)
Language
German
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265 Die Orientschulen der Alliance Israelite Universelle. 266 nach Adrianopel uns aufgedrängt hat. In Beyrut (die jüd. Gemeinde zählt 6000 Seelen, die Schule besteht seit 1879) erfahren wir, dass sehr viele ehemalige Schüler der Alliance jetzt in guten, einige in sehr guten und angesehenen Lebensstellungen sich befinden und durch ihre Bildung, verbunden mit jüdischem Sinn, zur Hebung der Gemeinde viel beitragen. Das gleiche wurde uns in Damaskus berichtet. In dieser einst reichen, jetzt aber verarmten Stadt, die 12 000 Juden zählt, giebt es eine grosse Anzahl — man sagt an 200 — jüdischer Sängerinnen und Tänzerinnen, die von der Schande leben. Keine einzige ehemalige Schülerin unserer seit 1883 bestehenden Mädchenschule hat je diese Bahn des schimpflichen Erwerbs betreten. Das ist kein Zufall. Das ist der sittlich-religiöse Geist, der in aller Stille an unserer Schule in Damaskus und überall eingeflösst wird. Eine Anzahl tüchtiger Arbeiter und namentlich Kupferschmiede, auf Kosten der Alliance ausgebildet, nähren sich in Damaskus redlich, wenn auch kümmerlich vom Ertrag ihrer Arbeit. Leider sind die Arbeitgeber sämtlich Nichtjuden, die den armen jüdischen Arbeiter rücksichtslos ausbeuten. Unsere Handarbeitsschule in Damaskus hat eine grössere Anzahl von Mädchen ausgebildet, die als Näherinnen, Kleidermacherinnen, Stickerinnen ihr Brot verdienen, bis sie heiraten. Man vergesse nicht, dass die Alliance den Handarbeitsunterricht der Mädchen im Orient gegen den Widerstand der Eltern erst eingeführt hat. Heute sind alle in Damaskus einig, dass die Schulen der Alliance überaus segensreich wirken. In Chaifa, einer Gemeinde von 1300 Seelen (die Schule besteht seit 1881) sind alle des Lobes voll über nie segensreiche Tätigkeit der Alliance. Die Führer und Notabein der Gemeinde versichern einstimmig, dass die Allianceschule alle anderen Ortsschulen weitaus überrage. Dass es eine vortreffliche Schule ist, können wir aus eigener Wahrnehmung bezeugen. Die Handwerkerschule in Jerusalem, die seit 1882 besteht, stiftet sehr viel Gutes, und der Leiter dieser Schule, Direktor Antebi, der bestgehasste und meistumworbene Mann in Jerusalem, ein Mann, dem seine Feinde sehr viel Böses, seine Freunde noch mehr Gutes nachsagen, von dem ein hervorragender christlicher Gelehrter in Jerusalem uns gegenüber bemerkte: Antebi, c'est une puissance; dieser eine Mann, der hunderte aufwiegt, leistet Hervorragendes zur geistigen, sittlichen und wirtschaftlichen Hebung der Juden in Palästina. Jeder Handwerker und jeder Ackerbauer, der aus unseren Schulen hervorgeht, ist ein lebendiges Zeugnis der segensreichen Tätigkeit der Alliance. Ohne die Alliance wären Tausende und Abertausende, die heute als nützliche, tüchtige Menschen redlich sich ernähren, bedauernswerte Nichtstuer und Almosenempfänger geworden. In Smyrna, wo unsere Schule seit 1878 besteht, ist die Leitung der grossen 35 000 Seelen zählenden Gemeinde ganz in den Händen ehemaliger Schüler der Alliance, die sich zu Wohlstand und Ansehen emporgearbeitet haben. Die Alliance hat dort nur Freunde und Verehrer, die dortige Schule ist bei allen ohne Unterschied der religiösen Richtung beliebt und angesehen, weil die gesamte Intelligenz der jüdischen Gemeinde aus ihr hervorgegangen ist. Die jetzige Gemeindeverwaltung hat es dahin gebracht, dass die jüdischen Bettler von der Strasse verschwunden sind. Die Gemeinde, die im Jahre 1902 auch nicht 2500 Fr. jährlich für ihr kleines Hospital hat aufbringen können, gibt jetzt bereits einen jährlichen Zuschuss von 10 000 Francs. Ein schönes Zeugnis des durch die Alliance geweckten Geistes ist die seit einigen Jahren dort bestehende Vereinigung ehemaliger Alliance-Schüler, die der Belehrung und Unterhaltung dient, aber auch Wohltätigkeit und Patriotismus fördert, im Winter zweimal monatlich gesellige Abende mit Vorträgen veranstaltet, und der auch eine Frauen Vereinigung angehört — im Orient das einzige Beispiel von öffentlicher Beteiligung der Frauen an sozialer Wohltätigkeit. Wir haben ein überaus schönes Fest in dieser Association mitgemacht, uüd die dankerfüllte, begeisterte Kundgebung einer zahlreichen Versammlung für die Alliance bildete den Höhepunkt des Festes. Auf gleicher Höhe stand auch die von freudiger Genugtung eingegebene Ansprache meines Kollegen an die ehemaligen Schüler der Alliance. Smyrna hat auch einen jüdischen Abgeordneten, gegenwärtig Handelsrichter in Saloniki, Mazliach, den wir in Konstantinopel kennen gelernt haben. Ein hervorragend tüchtiger Advokat, ein feingebildeter liebenswürdiger Mann von etwa 30 Jahren, der jüngste unter den türkischen Abgeordneten. Er rühmt sich in dankbarer Anhänglichkeit, zu den ehemaligen Schülern der Alliance zu gehören. Die Juden in der Türkei sind durch vier jüdische Abgeordnete im Parlament vertreten, von denen drei, Carasso, Faragi und Mazliach, aus unseren Schulen hervorgegangen sind. Die Gemeinde Smyrna bietet ein leuchtendes Beispiel eines durch die Alliance bewirkten Aufschwunges. In Konstantinopel liegen die Dinge nicht so durchsichtig und auch nicht so günstig wie in Smyrna, da die Stadt aus einer Menge von gesonderten Stadtteilen und Vororten besteht, deren jüdische Bevölkerung jede für sich der Hebung bedarf. Auch stehen die Knabenschulen in Konstantinopel noch nicht auf der Höhe und müssen selbst erst gehoben werden, um eine weitere Hebung der jüdischen Bevölkerung zu bewirken. In den Vorstädten Konstantinopels ist die Armut so erschreckend gross, dass die Alliance allein, selbst wenn sie das Zehnfache an Mitteln aufbriugen könnte und aufwenden wollte, keine völlige Abhilfe zu schaffen vermöchte. Es gibt bis jetzt keine geordnete jüdische Gemeinde in Konstantinopel. Es fehlt die starke Hand des Gesetzes, die alle Kräfte zusammenfasst. Vielleicht wird der neugewählte, allgemein beliebte, feingebildete, und für sein Amt besonders befähigte Chacham Baschi Nahum hierin Besserung schaffen- In Konstantin opel liegt vieles noch im argen. Und trotzdem versichert der Redakteur des angesehenen spaniolischen Blattes „El Tiempo", dass unsre Schulen auch in Konstantinopel, wie überall in der europäischen Türkei, viel Gutes gestiftet haben in geistiger, moralischer und wirtschaftlicher Beziehung. Die Schüler der Alliance haben nicht allein Reinlichkeit, sondern auch Redlichkeit gelernt, Geistes-, Herzens- und Charakterbildung in der Schule empfangen, das ganze Niveau der türkischen Judenheit ist gehoben worden durch die Alliance. Dem Einflüsse unseres Schulunterrichts ist es zuzuschreiben, dass bei den Mädchen das allzufrühe Heiraten (mit verschwindenden Ausnahmen) aufgehört hat. Die türkischen Juden sind für den Eintritt in konstitutionelle Zustände, für das rechte Verständnis und den rechten Gebrauch der Freiheit aufs Beste vorbereitet worden durch die Schulen der Alliance. Ähnlich äusserte sich einer der angesehensten Advokaten in Konstantinopel, Taranto, ein ehemaliger Zögling der

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