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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 263 - 264

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
Date
1909-04-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 6)
Language
German
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263 Die Orientschulen der Alliance Israelite Universelle. 264 geschulten Lehrer des Hebräischen durch vollwertige tüchtige Lehrkräfte zu ersetzen. Das Central-Comite wünscht von uns zu erfahren, ob unsere Schulen den religiösen, moralischen und ökonomischen Bedürfnissen der israelitischen Bevölkerung angepasst sind. Wir können auf diese Frage mit gutem Gewissen bejahende Antwort geben. Die religiöse Erziehung und die damit eng verbundene sittliche Ausbildung, die unsere Schüler und Schülerinnen erhalten, entspricht durchaas den Wünschen und Bedürfnissen der israelitischen Bevölkerung. Die übereinstimmenden Aussagen der Rabbinen und anderer massgebender Persönlichkeiten lassen hierüber keinen Zweifel. Das sittliche Verhalten unserer ehemaligen Schüler und Schülerinnen ist im allgemeinen besser, ihr religiöses Verhalten im Punkte der Observanz nicht schiechter als das der anderen. Es ist nicht wahr, was behauptet worden ist, dass der jüdische Familiensinn durch unseren Schulunterricht geschwächt wird, und dass die Schüler der Allianceschulen mit ihrer Kindespflicht es weniger genau nehmen als andere. Mit Entrüstung haben alle, die wir befragt haben, diesen Vorwurf als eine schnöde Verdächtigung zurückgewiesen. Die Schüler der Alliance stehen überall in dem Ruf, gute Juden und gute Patrioten zu sein. Unsere Schulen sind auch den ökonomischen Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung durchaus angepasst. Ueberall erhalten unsere Kinder zum mindesten eine gründliche Volksschulbildung, die sie in den Stand setzt, sich in redlichem Erwerb ihr Brot zu verdienen. Für die weitere Ausbildung derer, die sich dem Handwerk oder dem Ackerbau widmen wollen, ist von der Alliance aufs beste gesorgt. Unsere schulentlassenen Knaben finden mit Leichtigkeit angemessene Stellungen in besseren Geschäftshäusern. An manchen unserer Schulen sind besondere Fortbildungskurse für den kaufmännischen Beruf eingerichtet, die sich vortrefflich bewähren. Es empfiehlt sich sehr, diesen Aufbau von Handelsschulklassen möglichst vielen Schulen hinzuzufügen. Die Gründung höherer Schulen aber, die doch nur der kleinen Minderheit von Wohlhabenden zugute käme, kann nicht Aufgabe der Alliance sein. Die Wohlhabenden mögen ihre Kinder in die höheren Staatsschulen schicken oder höhere Privatschulen gründen. Die Alliance kann und darf nicht mehr tun, als an einige hervorragend begabte Knaben armer Eltern Stipendien zu gewähren, um ihnen den Besuch höherer Schulen zu ermöglichen. Unsere Schulen genügen aufs beste allen gerechtfertigten Anforderungen. Ich komme nunmehr zu dem wichtigsten Punkte unserer Berichterstattung, der Beantwortung der Frage nach den bisher erzielten Erfolgen der Allianceschulen, wie weit unsere Schulen zur geistigen, moralischen und wirtschaftlichen Hebung der jüdischen Bevölkerung im Lande beigetragen haben. Zwei Länder möchte ich ausnehmen, in denen eine Hebung der jüdischen Einwohnerschaft durch die Alliance nicht festgestellt werden kann: Aegypten und Bulgarien. In Aegypten sind unsere Schulen noch jung, die zwei jüngsten und besten in Tanta bestehen seit 1902, die älteste in Kairo ist 12 Jahre alt, und es ist zweifelhaft, ob die Schulen in Alexandrien und Kairo in ihrer gegenwärtigen Verfassung den Bedürfnissen der dortigen Bevölkerung vollauf entsprechen und geeignet sind, wesentlichen Nutzen zu leisten. In Kairo ist von Erfolg der Schulen noch nicht viel zu merken. In Alexandrien, wo unsere Schule gut ist, bietet auch die grosse Gemeindeschule, deren Direktor übrigens ein ehemaliger Lehrer der Alliance ist, fürs Fortkommen der schulentlassenen Knaben ungefähr dieselben Aussichten und Erwerbsmöglichkeiten wie die Allianceschule. Das Wirken der Allianceschulen in den beiden grossen Städten Aegyptens lässt sich nicht deutlich genug erkennen. In Bulgarien wiederum haben unsere Schulen seit etwa 15 Jahren schlechte Zeiten durchgemacht. Durch die Einführung des sogenannten bulgarischen Programms sind unsere Schulen nicht gehoben, sondern geknebelt und lahmgelegt worden. Ungern nur verweile ich bei diesem wunden Punkt. Das bulgarische Gesetz fordert für Volksschulen nur eine vierjährige Schulpflicht bei vier Stunden täglich und bestimmt als Lehrgegenstände nur bulgarische Sprache, Lesen, Schreiben, Rechnen, bulgarische Geographie und Geschichte. Die Allianceschulen wurden von den Schulkomitees daraufhin auf eigene Verantwortung umgestaltet, und der Erfolg war überall kläglich. Die zwei Schulen in Sofia sind die weitaus schlechtesten, die wir gesehen haben, die Leistungen, selbst im Hebräischen, unter aller Kritik; die grösste Vernachlässigung und Verwahrlosung herrscht im Aeusseren der Schule und der Kinder wie auch in der Disziplin. Wesentlich besser dürfte es in den anderen Schulen auch nicht sein, höchstens im Hebräischen. Denn die aus Anlass unserer Anwesenheit in Sofia versammelten Direktoren sämtlicher Allianceschulen des Landes haben einstimmig erklärt, dass die Einführung des bulgarischen Programms an unseren Schulen nicht allein ein Missgriff, sondern auch ein Unglück gewesen sei, und dass es ausgeschlossen bleibe, bei Festhaltung dieses Programms befriedigende Erfolge zu erreichen. Auch in zwei grossen Sitzungen, die wir mit den ad hoc delegierten Vertretern sämtlicher Gemeinden und Schulen Bulgariens im Sitzungssaale der Gemeinde Sofia abhielten, wurde eine radikale Aenderung der gegenwärtigen Organisation der Schulen für unumgänglich notwendig erklärt und beschlossen, das C. C. zu ersuchen, den bulgarischen Gemeinden einen neuen Programmentwurf für die bulgarischen Schulen als Vorlage zu übermitteln. Die tiefgehende Zerklüftung aber, die in den bulgarischen Gemeinden herrscht, der unheilvolle geradezu gehässige Streit zwischen den beiden Verwaltungskörpern der bulgarischen Gemeinden, den meist zionistischen Schul-Komitees, und den meist antizionistischen Synagogen-Komitees, die in beiden Sitzungen klar zutage getretenen Eifersüchteleien und prinzipiellen Gegensätze scheinen mir verhängnisvoll und lassen mich auch für die Zukunft nicht viel Gutes hoffen, vielmehr befürchten, dass die bulgarischen Schulen auch fernerhin ein Zankapfel der streitenden Parteien bleiben, aber nicht ein Hebel wahrer Eeligiosität, Bildung und Gesittung für die heranwachsende Jugend sein werden. Aber von Bulgarien und Aegypten abgesehen, haben wir überall die hocherfreuliche Wahrnehmung gemacht, dass die Allianceschulen ein wahrer Segen für die jüdischen Gemeinden geworden sind. Die Alliance darf stolz sein auf die Erfolge, die sie bereits erzielt hat. Dass seit drei Jahrzehnten das geistige, sittliche, wirtschaftliche Niveau der Juden in der europäischen und asiatischen Türkei sich gehoben hat, ist nicht (zu bezweifeln, wenn auch diese Hebung für die ungeduldigen Wünsche und Erwartungen vieler fernstehender nicht rasch genug und nicht weitgehend sich vollzogen hat. Das Hauptverdienst aber an dieser Hebung gehört der Alliance Israelite Universelle. Das wurde überall, wo wir waren, dankbar anerkannt und mit Begeisterung gerühmt. Doch lassen Sie mich manches Tatsächliche berichte^, von dem vielen, das wir gesehen und gehört haben, der Reihe nach, wie es sich auf unserer Reise von Beyrut

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