Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 261 - 262 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Orientschulen der Alliance Israelite Universelle. 262 Bibel vom Blatt übersetzen, überall ohne Ausnahme können unsere Schüler mindestens nicht allein geläufig lesen und aus dem Gebetbuche beten, sondern auch die Hauptgebete, das heisst grosse Teile des Gebetbuches auswendig. Eine Ausnahme machen allerdings die Knaben, die aus einer mittleren oder oberen Klasse einer christlichen Schule ohne alle Kenntnis des Hebräischen in unsere Schule eingetreten sind. Ein Schüler unserer Schule, der nicht geläufig lesen kann, ist eine grosse Seltenheit. In der Regel fanden wir den hebräischen Unterricht dort gut, wo die ganze Schule gut war, und umgekehrt. Mit der Verbesserung der Schule also wird auch der hebräische Unterricht gehoben werden. Eine Ausnahme macht Tiberias, wo die Schule Dicht auf der Höhe steht, das Hebräische aber, wie überhaupt in Palästina, eifrig gelehrt und gelernt wird. Die geringen Leistungen mancher Schulen aus dem Hebräischen sind nicht etwa durch eine zu geringe Zahl von Unterrichtsstunden, sondern durch ungeeignete Lehrer verschuldet. Die Stundenzahl für das Hebräische ist vollständig ausreichend. Aber es wird fast durchweg von Rabbinen alten Schlages unterrichtet, denen jede pädagogische Befähigung und Schulung abgeht. Sogar ihre hebräischen Kenntnisse sind nicht selten einseitig und oberflächlich. Ihre Unterrichtsmethode beim Hebräischlesen und Uebersetzen ist oft die des polnischen Cheder, nur dass im Orient das Spaniolische die Stelle des Jüdischdeutschen vertritt. Die Zionisten, die sich wiederholt bei uns beklagten, dass der hebräische Unterricht an vielen unserer Schulen im Zuschnitt verdorben, in seiner Methode verfehlt und verkehrt sei, haben in diesem Punkt unstreitig recht. Aber Abhilfe wird nur ganz allmählich zu schaffen sein. Es geht nicht an, die Rabbinen einfach zu entlassen und aus ihrem bisherigen Beruf und Erwerb als Lehrer des Hebräischen zu verdrängen, Männer, die in ihrer Gemeinde durch ihre Frömmigkeit Achtung und Vertrauen geniessen, ohne weiteres durch neue Lehrkräfte zu ersetzen. Viele Gemeindemitglieder würden in solchem Personenwechsel ein Zeichen unjüdischer, unreligiöser Gesinnung erblicken, Unzufriedenheit, ja Unfrieden würde dadurch in die Gemeinden hineingetragen. Unser Religionsunterricht — denn hebräisch und Religionsunterricht ist nicht getrennt zu denken — würde das Vertrauen der Strengfrommen verlieren. Dazu kommt noch eine andere Schwierigkeit. Da der hebräische Unterricht in unseren Schulen doch nur als Religionsunterricht zur Erweiterung und Befestigung der Religionskenntnis erteilt werden soll, können wir nicht jeden, der das Hebräische vortrefflich beherrscht und zu unterrichten versteht, darum auch schon als Lehrer anstellen. Er muss auch wie bisher ein jüdisch religiöser, sogar streng religiöser Mann sein. Viele aber, die das Hebräische vorzüglich zu unterrichten imstande wären, sind nicht jüdischreligiös und suchen in der hebräischen Sprache nicht sowohl ein Mittel religiöser Vertiefung als vielmehr ein Mittel nationaler Erhebung. Sie kommen daher als Hebräisch - Lehrer für unsere Schulen nicht in Betracht. Eine allmähliche Umgestaltung des hebräischen Unterrichts scheint uns notwendig, und auch durchführbar. Schon ist durch Einführung der neuen Methode Ibrit be - Ibrit, das Hebräische hebräisch sprechend zu lehren, an mehreren unserer Schulen ein Fortschritt bemerkbar. Es unterliegt für uns keinem Zweifel, dass diese Methode die leichteste und sicherste ist, die am schnellsten zur Erlernung des Hebräischen führt. Aber ich muss nochmals betonen, dass wir das Hebräische nur als das beste Mittel zum Verständnis unserer Religion und unseres religiösen Schrifttums betrachten, aber nicht als Sprache für rein weltliche jüdischnationale Zwecke. Die Alliance als solche im Dienste des jüdisch-religiösen Gedankens stehend, kann nicht und wird nicht sich dazu hergeben, dem jüdisch-nationalen Gedanken Vorspanndienste zu leisten. Es wird also die Alliance eine allmähliche Verbesserung des hebräischen Unterrichts anzustreben haben, indem sie die allmähliche Ersetzung der ungeeigneten Lehrer des Hebräischen durch geeignete streng religiöse Lehrer ins Auge fasst und der Methode Ibrit be-Ibrit an unseren Schulen immer mehr Eingang und Geltung verschafft. Allein die weitaus grösste Schwierigkeit einer Umgestaltung des hebräischen Unterrichts liegt sicherlich in der finanziellen Seite der Frage. Die Rabbinen werden, wie das im Orient üblich ist, angemessen, d. h. äusserst schlecht bezahlt. 30—40 Francs monatlich gilt als angemessene Besoldung. Gute pädagogisch geschulte Lehrer aber des Hebräischen müssten ganz anders bezahlt werden. Die Mehrausgabe tür eine völlige Umgestaltung des hebräischen Unterrichts an sämtlichen Schulen würde sich zusammen auf mehrere hunderttausend Francs jährlich belaufen. Auch aus diesem Grunde ist nur eine ganz allmähliche Verbesserung des hebräischen Unterrichts möglich. Doch lässt sich schon jetzt einiges tun. So halte ich es für wichtig, dass bei der Aufnahmeprüfung zur Auswahl derer, die in unsere Ecole Normale als Präparanden eintreten wollen, fortab ein grösseres Mass hebräischen Wissens als bisher gefordert, wie auch, dass an dieser Schule in Zukunft das Hebräische ausgiebiger gelehrt werde, und zwar nicht allein Lesen und Uebersetzen, sondern womöglich auch Sprechen und Schreiben, damit unsere künftigen Schullehrer und Lehrerinnen auch hebräisch mit Erfolg unterrichten können. Was bisher zufällig sich von selbst so gemacht hat, soll zur unverbrüchlichen Regel erhoben werden, dass keiner Direktor einer Allianceschule werden kann, der nicht sehr gut hebräisch versteht. Niemals aber, und würde der hebräische Unterricht noch so sehr gehoben und vervollkommnet, werden die Allianceschulen den überspannten Wünschen der Wenigen entsprechen können, die für das Hebräische unter Hintansetzung der profanen Gegenstände mindestens drei Stunden täglich in jeder Klasse beanspruchen und verlangen, dass an unseren Schulen ausser Bibel und Gebetbuch auch Talmud, Schulchan Aruch, Chok le-Jisrael oder gar Sohar als obligatorischer Gegenstand für die Knaben gelehrt werde. Eine solche Hypertrophie im Hebräischen hätte eine Unterernährung und Verkümmerung der anderen Unterrichtszweige zur unausbleiblichen Folge. Uebrigens sind die Talmudschüler und Schulchan - Aruch - Lerner selbst in den Talmud-Thora - Schulen des Orients sehr dünn gesät. Manche Allianceschule erreicht schon jetzt im Hebräischen mit weit geringerem Zeitaufwand so gute Durchschnitt serfolge, wie manche Talmud-Thora-Schule mit 5—6 Stunden hebräisch täglich. Eine von Klasse zu Klasse nach oben immer abnehmende Zahl von 18 bis 6 Wochenstunden, wie bisher, für Hebräisch an achtklassigen Knabenschulen ist nach unserer Ansicht bei guter Unterrichtsmethode mehr als ausreichend, um die besten Erfolge zu erzielen. Die Hebung des hebräischen Unterrichts aber' wird nur so weit gelingen, als es möglich sein wird, die bisherigen un-