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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 259 - 260

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
Date
1909-04-01
Page
Seite 259 - 260 (sequence 4)
Language
German
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259 Die Orientschulen der Alliance Israelite Universelle. 260 die Rabbiner nicht allein um ihre Ansicht befragt, sondern auch gebeten, uns alles mitzuteilen, nichts zu verhehlen, nichts zu beschönigen; überall ausser in Jerusalem haben wir angesehenen Männern der strengsten Observanz die Frage vorgelegt, ob die religiöse Richtung der Schule, ob die Lebensführung der Lehrer oder der aus den Allianceschulen hervorgegangenen Schüler Anstoss errege, zu ernsten Klagen Anlass gebe. Ueberall erhielten wir die gleiche Antwort, dass gegen die Allianceschulen und den dort erteilten Unterricht in religiöser Beziehung nichts einzuwenden sei. Nur an einer einzigen Schule in einer Vorstadt von Konstantinopel ist über das religiöse Verhalten des Lehrpersonals ernstlich Klage geführt worden; ob mit Recht, konnten wir nicht entscheiden, da Aussage gegen Aussage stand. Aber abgesehen von dieser Ausnahme konnten wir mit Freuden feststellen> dass unser Lehrpersonal nicht allein in seiner sittlichen Führung, sondern auch im Punkte der religiösen Observanz einwandsfrei dasteht und das Vertrauen der Gemeinden und ihrer Rabbiner geniesst. Ausnahmen lassen sich bekanntlich niemals völlig und für immer verhüten. Unsere für die Lehrer und Lehrerinnen der Alliance geltenden Instruktionen und Disziplinarvorschriften sind mehr als ausreichend, um in derartigen Ausnahmefällen schnellstens Wandel zu schaffen. Die religiöse Erziehung unserer Schüler und Schülerinnen wird an unseren Schulen nicht vernachlässigt, sondern gefördert. In den Allianceschulen wird Beten nicht allein gelehrt, sondern auch praktisch geübt. Täglich zum Schlüsse des Nachmittags-Unterrichts beten alle Knaben, zu -gemeinsamer Andacht versammelt, im Sommer Mincha, im Winter Mincha und Maariw. Bald dieser bald jener Knabe betet vor, alle aber, die wir gehört haben, mit erfreulicher Korrektheit, Sicherheit und Geläufigkeit. In manchen Schulen wird vor Beginn des Unterrichts von den Knaben auch das Schacharit-Gebet unter Aufsicht eines Rabbiners verrichtet. In vielen Allianceschulen wird auch regelmässig an Sabbathen und Festtagen öffentlicher Gottesdienst abgehalten, der ausser von den Lehrern und Schülern auch von Gemeindemitgliedern besucht wird. Sind auch die Allianceschulen nicht hyperorthodox wie etwa ein polnisches Cheder, jüdisch-religiös im Sinne der dortigen Rabbiner und unserer gebildeten Konservativen, das wollen sie sein, das sind sie und das werden sie bleiben. Jüdische Geschichte als Unterrichtsgegea&tand ist von den Allianceschulen zuerst eingeführt worden, und alle anderen israelitischen Schulen im Orient, sogar einige Talmud-Tora-Schulen sind diesem Beispiel gefolgt. Den Geschichtsunterricht als ein Mittel zur Stärkung des jüdischen Ehrgefühls und Pflichtgefühls erkannt und in den Schulen des Orients zuerst verwertet zu haben, bleibt ein unbestreitbaresVerdienst der Alliance. Die ans unseren Schulen hervorgegangenen Schüler sind nach dem übereinstimmenden Zeugnis sämtlicher Gemeinde- Rabbiner durchaus nicht schlechte Juden, sondern im Gegenteil gute, treue, eifrige, opferwillige Juden, ihres Judentums mit edlem Ehrgefühl sich bewusst, einem Stolze, der in den Allianceschulen besonders durch die Pflege des Unterrichts in der jüdischen Geschichte geweckt und genährt wird. Ein weiteres Verdienst der Alliance ist es, dass den Mädchen überhaupt Religionsunterricht erteilt wird. Die im Orient herrschende Ansicht, dass Religionsunterricht und Kenntnis des Hebräischen für die Mädchen überflüssig, ja schädlich sei, konnte erst dureh unsere Allianceschulen mit Erfolg bekämpft werden. Indem wir den Eltern den heilsamen Zwang auferlegen, sich den Religionsunterricht ihrer Töchter, ob mit oder ohne Willen, gefallen zu lassen, sind wir uns dessen bewusst, damit dem Judentum einen wertvollen Dienst zu erweisen. Die gewesenen Schüler unserer Schulen sind in ihrer religiösen Observanz nicht anders als die übrigen Gemeindemitglieder, teils mehr teils weniger streng. Das Verhalten der Allianceschüler hängt von Anfang an wesentlich von dem Beispiel des Elternhauses ab, weiter von dem religiösen Verhalten der Umgebung, und schliesslich bei den selbständig gewordenen von der individuellen Anschauung und Stellungnahme zu den Schwierigkeiten des Erwerbs. Die wenigen, die es mit den Religionsvorschriften nicht genau nehmen, sind nicht darum unfromm, weil sie die Allianceschule besucht haben, sondern weil sie von der fortschrittlichen, freiheitlichen Zeitströmung, von dem Zeitgeist, den auch der Orientale kennt, fühlt und merkt, ungünstig beeinflusst werden, oder weil sie durch den Druck der Erwerbsverhältnisse zur Uebertretung der ReligionsVorschriften sich erweichen lassen. Das haben die Rabbiner uns gesagt. So ist es natürlich, dass in den Grossstädten, wo das Beispiel der öffentlichen Vernachlässigung und Missachtung des Sabbat die Regel bildet und die ungescheute Uebertretung der Religionsvorschriften durch ihre Häufigkeit alles Auffallende verloren hat, wie z. B. in Alexandrien, Cairo, Konstantinopel (Galata und Pera), auch gewesene Allianceschüler ihren Teil an der herrsehenden Unfrömmigkeit nehmen. Das Umgekehrte gilt z. B. von den Städten Damaskus, Saloniki, Adrianopel. Dort, wo die ganze jüdische Bevölkerung auf die Beobachtung der ReligionsVorschriften das grösste Gewicht legt, sind auch die gewesenen Schüler der Alliance fast ohne Ausnahme Anhänger der strengen Observanz. Ein besonderes Augenmerk haben wir im Sinne unserer Auftraggeber auf das Hebräische an unseren Schulen gerichtet. Wir haben in 23 Knabenschulen fast alle Klassen aus dem Hebräischen eingehend geprüft und die Gesamtleistungen schienen mir in 12 Schulen gut bis sehr gut, in 5 genügend, in 6 wenig genügend. In 19 Mädchenschulen habe ich mir folgende Durchschnittszensuren notiert: 3 Schulen waren im Hebräischen gut bis sehr gut, 10 genügend, 6 wenig genügend. Was den Unterricht der Mädchen betrifft, werden im Orient auch jetzt noch, ausser dort, wo der Zionismus die hebräische Sprache zu neuem Leben und neuer Bedeutung emporzubringen sich müht, die Mädchen gerade bei den strengfrommen Sepharadim möglichst wrenig zum Hebräischlernen angehalten, ja sogar absichtlich davon ferngehalten. Fast überall ausser in Palästina lernen die Mädchen nur im Gebetbuche lesen und sich darin zurechtfinden, einige Gebetstücke auswendig und ganz wenige Stücke, wie das Schma und einige Berachot, übersetzen. Die hebräische Druckschrift, auch Raschi-Schrift und Kursivschrift, lernen sie lesen und schreiben, um ihre Muttersprache das Spaniolische, das in hebräischen Schriftzeichen gedruckt und geschrieben wird, lesen und schreiben zu können. Es ist daher nur natürlich, dass der hebräische Unterricht der Mädchen an unseren Schulen den Wünschen und Bedürfnissen der Familien mehr als einfach genügt. Anders liegen die Dinge bei dem hebräischen Unterricht der Knaben. Die Leistungen der einzelnen Schulen im Hebräischen sind sehr verschieden. Aber fast überall können die Knaben leichte Stücke aus der

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