Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 3)
- Language
- German
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257 Die Orientschulen der Alliance lsraelite Universelle. 258 haben diesen Vorwurf — ich möchte sagen dieses Schlagwort — oft gehört, von zionistischer Seite und von der Seite auch, die sich den Zionisten aufs engste verbunden hat, dass der französische Unterricht die Alliänceschüler entwurzele, von der heimatlichen Scholle weg nach fremden Ländern hindränge. Nichts ist falscher als das. Die Alliance will niemanden zur Auswanderang veranlassen, noch viel weniger die Abwanderung aus Palästina unterstützen. „Bleibe im Lande und nähre dich redlich" — diesen Grundsatz legt auch die Alliance ihren Schülern ans Herz. Aber wer im Lande Palästina sein Brot nicht finden kann, und das sind leider nicht wenige, wer als Handwerker oder Ackerbauer vergebens in Palästina Beschäftigung sucht, dem ist durch den genossenen französisschen Unterricht die Möglichkeit gegeben, sich anderswo sein Brod zu verdienen, allerdings nicht in Deutschland. Doch darf ich annehmen, dass meine deutschen Glaubensbrüder gegen diese Einschränkung nichts einzuwenden haben werden. Die Alliance will also ihre Schüler ebenfalls „an die Scholle binden", nur darf diese Bindung nicht so weit gehen, dass, wenn das Fortkommen im Lande ausgeschlossen ist, auch das Fortkommen ausserhalb abgeschnitten bleibt. Das aber wäre für viele der Fall, wenn wir statt des Französischen etwa das Hebräische als Unterrichtssprache einfühlen wollten. Wir halten das Hebräische nicht für ein geeignetes Werkzeug des Broderwerbs, so lange nicht das Land gefunden ist, das den hebräisch Sprechenden genügende Möglichkeiten des Erwerbes bietet. Wir haben 23 Knabenschulen inspiziert. Darunter möchte ich dem Gesamteindruck nach 17 als mittelgut bis sehr gut bezeichnen, 6 als wenig genügend. Unter 19 Mädchenschulen schienen mir 15 mittelgut bis sehr gut, 4 wenig genügend. Die Mädchenschulen sind fast durchweg besser als die Knabenschulen. Ich vermag darin nicht einen Zufall zu erblicken. Die Ursache hiervon ist nicht eine grössere Durchschnittsintelligenz bei den Mädchen, auch nicht die Entlastung der Mädchen durch die geringere Zahl hebräischer Stunden, denn dafür sind wiederum die Mädchen mit Handarbeit beschäftigt. Aber die Mädchen besuchen unsere Schulen meist von der untersten bis zur obersten Klasse, gehen regelmässig durch alle Jahrgänge. Es gibt ein stetig aufsteigendes Schülerinnenmaterial und darum auch ein von Klasse zu Klasse immer steigendes Durchschnittsniveau des Wissens. Tritt ausnahmsweise ein Mädchen aus einer anderen Schule in unsere ein, kann sie in die Klasse gesetzt werden, für die sie nach ihrem Wissen passt, ohne Rücksicht auf ihr Alter, weil es nicht darauf ankommt, ob sie die Schule statt mit 14 oder 15 erst mit 17 Jahren verlässt. Der Knabe aber soll womöglich nicht in eine für sein Alter zu niedrige Klasse gesetzt werden, weil er meist schon mit 14 oder 15 Jahren die Schule verlassen muss, um sein Brod zu verdienen. Die Knabenschulen sind also darum im Nachteil, weil fast jede Mittel- und Oberklasse aus alten und neu hinzugetretenen Elementen besteht. Da sind neben den von unten an aufgestiegenen Knaben Schüler, die aus einer christlichen Schule in die unsere übergegangen sind, andere wieder aus einer Talmud-Tora-Schule. Die ersteren wissen nichts aus dem Hebräischen und meist wenig aus anderen Gegenständen, die letzteren wissen mehr hebräisch und fast nichts aus den anderen Fächern. Manche kommen zu uns, die ohne Profan-Unterricht aufgewachsen und zu alt, um mit kleinen Kindern zusammen unterrichtet zu werden, in einer Klasse Aufnahme finden müssen, für die sie nicht reif sind. Das ist die Schwierigkeit, die wie ein Bleigewicht an manche unserer Knabenschulen sich hängt, den Fortschritt der Klasse hemmt und das Niveau der Klasse herabdrückt. Die Mädchenschulen sind auch darum besser, weil die Lehrerinnen sich die Anhänglichkeit ihrer Schülerinnen durchschnittlich leichter und schneller zu erwerben verstehen, als die Lehrer die der Knaben. So gewiss auch berufliche Hingebung unserem männlichen Lehrpersonal in gleich hohem Masse wie dem weiblichen eignet, so lehrt doch die Erfahrung, dass die Lehrerinnen an unseren Schulen es besser verstehen, die Kinderherzen zu gewinnen und erzieherisch zu beeinflussen. Wir sind darum auch der Ansicht, dass für den Unterricht der unteren Klassen an den Knabenschulen unverheiratete Lehrerinnen sehr gut zu verwenden sind und die ausgiebigere Beschäftigung weiblicher Lehrkräfte, die leichter und billiger zu finden sind als männliche, sich durchaus empfiehlt. Interessant ist es, dass der Oberrabbiner in Saloniki, Jacob Meir, der sich für einen freisinnigen Mann ausgibt, unter Berufung auf den Schulchan Aruch den Unterricht von Lehrerinnen an Knaben nur bis zu 8 Jahren, nicht aber darüber hinaus gestatten will. Auch mit solchen Schwierigkeiten hat man im Orient zu kämpfen. Ich habe vorhin erwähnt, dass wir die Leistungen einiger Schulen wenig befriedigend gefunden haben. Selbstverständlich wird es die Aufgabe der Alliance sein, für Hebung dieser Schulen Sorge zu tragen. Aber selbst diese minderguten Schulen haben ihren erzieherischen Wert. Es gibt keine Allianceschule, an der nicht Religiosität, Wohl verhalten, Reinlichkeit, Ordnungsliebe, Arbeitsamkeit gefordert und gefördert würde. Selbst an schlechten Schulen haben wir Hefte gesehen, die Muster von Sauberkeit waren, und darin eine Schrift gefunden, die einer europäischen Schule zur Zierde gereichen würde. Eine schlechte Schule ist besser als keine, und eine schlechte Allianceschule ist weit besser als eine Talmud-Tora-Schule alten Schlags, wo die Kinder körperlich ohne Ausnahme, geistig in der Regel verkümmern, und besser auch als manche dortige christliche Schule, von der man behaupten könnte, dass Intoleranz vielleicht der einzige Gegenstand ist, der mit gutem Erfolg beigebracht wird. Eine Alliance-Schule, die es den jüdischen Eltern erspart, ihre Kinder in die christliche Missions-Ortsschule zu schicken, ist immer eine grosse Wohltat. Ueber die religiöse Richtung unserer Schulen und die Beschaffenheit unseres Religionsunterrichts ist wiederholt selbst von Freunden der Alliance viel Ungünstiges nachgeredet und nachgesprochen worden. Darum waren wir nicht wenig überrascht und beglückt, als wir nach gewissenhafter Prüfung und auf Grund genauester Erkundigung an Ort und Stelle dieUeberzeugung gewannen, dass die in religiöser Beziehung gegen die Alliance, gegen die Schulen und gegen den Unterricht, Lehrer und Schüler umlaufenden Beschuldigungen haltlos sind, oberflächlich aufgelesene Gerüchte oder aus der Luft gegriffene Erdichtungen und grundlose Verdächtigungen oder auch tendenziöse Verallgemeinerungen bedeutungsloser Einzelfälle. Vielleicht wird mancher dazu den Kopf schütteln. Das kann uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen. Ueberall ausser in Jerusalem, wo der Parteien Hass und Hader jedes Urteil trübt und fälscht, wo die Verdächtigung, Verketzerung und Verunglimpfung blüht und man die Wahrheit schwer oder gar nicht erfahren kann, überall ausser in Jerusalem haben wir