Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Orientschulen der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 255 - 256 (sequence 2)
- Language
- German
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255 Die Orientschulen der Alliance Israelite Universelle. 256 mit unserer Aufgabe nicht unmittelbar zusammenhingen. An Wochentagen waren wir fast immer vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag in den Schulen beschäftigt, abends zuweilen bis in die Nacht hinein durch Besuche, Besprechungen oder Sitzungen in Anspruch genommen. Auch an Sabbaten sind wir im Dienste unserer Mission tätig gewesen. Wir haben unsere Beobachtungen in den Schulen möglichst weit ausgedehnt. Nahezu jede Klasse in jeder unserer Schulen vom Asyl (Kindergarten) bis zur obersten State haben wir gesehen und fast in sämtlichen Klassen aus sämtlichen Gegenständen geprüft. Wir Hessen uns überall die Hefte zeigen. Wir sahen die Handarbeiten der Mädchen und diese bei ihren Handarbeiten. Wir sahen die Handwerkerschule und besichtigten jede Werkstätte im Betrieb. Auch einen Teil der bei Meistern untergebrachten Lehrlinge haben wir aufgesucht und diese wie jene ausgefragt. Wir sahen die Kinder bei ihrer Erholung, bei ihrer Speisung, bei ihrem gemeinschaftlichen Gebete. Und ich habe wohl nicht nötig hervorzuheben, dass unsere Prüfung sich niemals auf das erstreckte, was gerade kurz vorher durchgenommen worden war. Wir prüften insbesondere die Knaben aus Hebräisch, indem wir solche Stücke zum TJebersetzen wählten, auf die sie nicht gefasst, nicht vorbereitet waren. Ich kann es der Böswilligkeit nicht verwehren, die kühne Behauptung aufzustellen, dass Direktoren und Lehrer durch Scheinleistungen im Hebräischen, durch in aller Eile eingetrichterte Kenntnisse uns etwas vorspiegeln, vortäuschen wollten. Aber es verrät doch eine sehr niedrige Einschätzung unserer geistigen Fähigkeiten, wenn jener Korrespondent, von dem der Artikel „Potemkinsche Dörfer" stammt, annimmt und andere glauben machen will, dass irgend ein Direktor oder Lehrer durch derartige Vorführungen und Augenblicksleistungen uns hätte täuschen können. Unsere Prüfung erstreckte sich nicht nur auf das Gedächtnis wissen, sondern auch auf die Intelligenz der Kinder. Wir haben es auch nicht bei dem bewenden lassen, was in erster Linie den Gegenstand unserer Aufmerksamkeit bilden sollte, sondern unser Augenmerk auf alles gerichtet, was zur vergleichenden Beurteilung unserer Schulen dienen konnte. Wir haben nicht allein unsere Schulen inspiziert, sondern auch an allen Orten die übrigen israelitischen Schulen besucht und besichtigt: Gemeindeschulen, Talmud-Toraschulen, zionistische Schulen, die der Anglo-Jewish Association, die des Hilfsvereins, sogar einzelne Privatschulen. Ich habe alles Wichtige regelmässig aufgezeichnet, Lob und Tadel registriert, wahrgenommene Vorzüge und Mängel gleicherweise, Beschwerden und Klagen nicht minder als erfreuliche Mitteilungen und günstige Eindrücke. Alles aber wurde von uns genau erwogen und kritisch untersucht, ehe wir uns ein Urteil bildeten. Es kam häufig vor, dass Klagen vorgebracht wurden, die bei genauer Prüfung in nichts zerflossen, Beschwerden wurden erhoben, und nachdem sie von uns untersucht worden waren, vom Beschwerdeführer zurückgenommen; Beschuldigungen wurden uns hinterbracht, die sich als leere Gerüchte herausstellten, deren Urheber aber nicht zu ermitteln waren und auch niemals zu ermitteln sein werden. Grundsätzlich haben wir es abgelehnt, Journalisten, die uns interviewen wollten, Rede zu stehen oder Auskunft zu erteilen. Wenn trotzdem in einigen hebräischen Zeitungen einiges erzählt wurde, was wir gesagt haben sollen, so kann ich nur versichern, dass von uns beiden kein einziges Urteil, weder ein günstiges noch ein abfälliges, über irgend eine Allianceschule oder irgend eine damit zusammenhängende Sache einem Journalisten gegenüber abgegeben worden ist. Auf die Frage, welchen Eindruck die Allianceschulen auf uns gemacht haben, war unsere stereotype Antwort: einen verschiedenen oder einen gemischten Eindruck. Das war aber auch alles, was wir verrieten. Heute werde ich zum ersten Male mich über unsere Schulen zu Ihnen aussprechen. Unsere Inspektionstätigkeit begann am 3. November v. J. in Alexandrien und ging am 19. Januar in Sofia zu Ende. Wir haben 42 Allianceschulen (die Kindergärten und Handarbeitsschulen nicht gerechnet) besichtigt, ausserdem die Ecole professionelle in Jerusalem und die Ackerbauschule iu Mikweh Israel. Unsere Kindergärten, sowohl die den Schulen eng angegliederten als auch die davon abgetrennten (letztere in Jerusalem, Saloniki, Smyrna), arbeiten vortrefflich, sämtlich nach Fröbelscher Methode, die im Orient sich uneingeschränkter Anerkennung erfreut. Die Kinder machen durchweg sehr erfreulichen Eindruck. Reinlichkeit und Ordnung lassen nichts zu wünschen übrig. In einigen Kindergärten lernen sie ausser französisch auch hebräisch sprechen. Für weiblichen Handarbeitsunterricht ist an allen unseren Mädchenschulen vorzüglich gesorgt. Die Handarbeiten sind überraschend schön. Die Handarbeitsschulen z. B. in Saloniki, Smyrna und Adrianopel machen den allerbesten Eindruck. Die jüdischen Mädchen des Orients scheinen ausnehmend geschickt und fleissig. Viele erwerben sich nach ihrem Austritt aus der Schule bis zu ihrer Verheiratung ihr Brot durch redliche, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit. Die Handwerkerschule in Jerusalem bildet tüchtige Arbeiter aus, die namentlich von den Kongregationen Arbeitsaufträge erhalten, zuweilen auch in Moscheen mit Ausbesserungen beschäftigt werden. Das Lehrlingswerk in den verschiedenen Orten entwickelt sich völlig befriedigend. Eine grosse Anzahl Lehrlinge ist bei verschiedenen vorzugsweise jüdischen Meistern auf Kosten der Alliance untergebracht. Unter den jetzigen jüdischen Mäistern befinden sich nicht wenige, die der Alliance Dank wissen, dass sie aus unserer Handwerkerschule hervorgegangen oder auf Kosten der Alliance als Lehrlinge untergebracht und ausgebildet worden sind. Die Meister, die wir ohne Wahl besucht haben, sind durchweg mit ihren Lehrlingen zufrieden und umgekehrt. Zum Ueberfluss füge ich hinzu, dass der Sabbat von allen unseren Lehrlingen und Meistern streng gehalten wird. Es gibt im Orient unter den jüdischen Handwerkern keinen, der am Sabbat arbeitet. Ueber die Ackerbauschule in Mikweh, die in allem einen vorzüglichen Eindruck macht, könnte lediglich ein Sachverständiger ein Urteil fällen. Ich bemerke nur, dass die ausgebildeten Zöglinge, die dem Ackerbau treu bleiben wollen, sich zum grössten Teil — sehr zum Bedauern der Alliance — genötigt sehen, auszuwandern, weil in Palästina und den angrenzenden Ländern ihre Unterbringung nur ausnahmsweise gelingt- Aehnlich geht es zumeist auch den Söhnen derjüdischeu Kolonisten in Palästina. Für den Nachwuchs ist in den Kolonien kein Platz^ und ausserhalb der Kolonien gibt es vorderhand nur selten eine Gelegenheit zur Ansiedlung im Lande. Unter unseren Ackerbauschülern,, die zur Auswanderung sich genötigt sehen, gibt es auch hebräisch sprechende, zionistisch gesinnte, die, wenn irgend möglich, gern in Palästina blieben. Es wird der Alliance zum Vorwurf gemacht, und wir