Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 229 - 230 (sequence 6)
- Language
- German
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229 Mendele Mocher Sforim: Die Abbrändler. 230 VICTOR SCHARF. PARIS. Porträt des Vaters. mitten hindurch, ein Abklang von Klageliedern, Seufzerrythmen, von Trost und Vergebung, einem Gnadengebete, von Heil und Segen. All dies betrachtete ich, und in mir nagte der Schmerz! Ich war voller Mitleid, dunkel heiliger Gefühle und wollte dies gequälte Kind, diese armen Heruntergekommenen, meine gedrückten jüdischen Brüder umarmen und mit heissen Küssen bedecken. Bald betrachtete ich die Kabzanzer, bald das unschuldige Kind, diese traurigen, hilflosen, verfolgten, gedrückten, gehetzten Gestalten. Mir schwindelte der Kopf bei diesem Anblicke. Himmel, schrie mein Herz zu Gott, wie unglücklich, wie anders sind doch die Juden im Vergleich zu dein Leben der anderen; das genügsamste aller Völker sind sie! Wer gleicht Dir, Israel, Du einziges Volk aut Erden, dessen Söhne wie die Glieder eines Körpers innig verbunden sind. Nur diese trifft ein Unglück, und viele werden gleich mitgerissen. Ein Brand brach in Kabzanz aus und zerstörte zahllose Häuser, — aber alle Juden beweinen den Brand. Alle Bewohner von Kabzanz weinen, selbst jene, die nie ein Haus besassen. Bs weinen die Batlonim, die Melamdim, die Dajanim, die Schamosim, die Chasonim, die Schochtim, die Schadchonim, die Braut, der Bräutigam, der Krämer, der Schanker, die Faktoreibesitzer und alle die kleinen Leute. Wie weint mein Herz um Dich, Du armes Kind, wie lebt das Mitleid in mir mit meinem elenden Volke! ... — Chane, Chane! — rief der Vater des schlummernden Kindes zu seinem Weibe — steh aut und nimm Chaim-Jankeie. Er liegt jetzt auf Reb Mendeles Knien und belästigt ihn. — Ach, wehe der Mutter, wehe ihrer Seele — stiess Chana hervor liebevoll und mitleidig und streckte die Hand nach ihrem Kinde aus. — Seht, wie es schläft, mein Augentrost. Müde hat es sich hingestreckt, die Linke unter dem Köpfchen und schlummert wie ein Vöglein. Sein Leben zählt nicht nach Tagen, nach Wochen, es fragt nicht nach der Fülle des Leidens auf Erden. — Lasst es schlafen. Es tut nichts, gar nichts, es liegt und ruht ein wenig — sagte ich zu den Eltern und begann ein Gespräch mit dem Vater des Kindleins, einem guten, frommen und gelehrten Manne. — Erzählt mir, Reb Jechil-Mordechai, wie Ihr lebt und was Ihr in diesen bitteren Tagen, die über Euch hereinbrachen, beschlossen habt. — Gelobt sei der Ewige, der Wunder tut und unser Leben bewahrte — entgegnete Reb Jechil- Mordechai, dankbar die Augen zum Himmel hebend. — Was braucht der Jude, um das nackte Leben zu erhalten? Es genügt ihm ein Sack Kartoffeln von einem Erew - Schabes zum anderen. Wir geben uns mit wenigem zufrieden, vertrauen auf Gottes Allmacht, des Gelobten und auf sein Mitleid mit unsern Brüdern, den Kindern Israels. — Unsere Brüder, die Kinder Israels aus den anderen Orten kamen Euch zu Hilfe? — Aus einer Stadt und den umliegenden Ortschaften sandten sie uns etliche Wagen Brod sofort nach dem Brande. Aus anderen Städten erhielten wir nichts, ausgenommen wenige arme Dörfer. — Warum habt Ihr Euch nicht dazu verstanden, in einem Briefe Euer Unglück zu schildern und Eure grosse Bedrängnis zu erklären? — Das haben wir getan, Reb Mendele, wir schrieben, auch eine Deputation haben wir entsandt nach den Gauen Israels, um für uns zu sammeln, aber dabei kam so gut wie nichts heraus! Als wir nun sahen, dass von unseren Brüdern keine Hilfe kommen würde, und wir weiter nicht so existieren konnten, beschlossen wir nach dem Satze unserer Lehre zu handeln: „Urteile nicht über Deinen Freund, solange Du Dich an seinem Sitze nicht befindest14, und jetzt sind wir auf der Rsise nach den Wohnsitzen unserer Brüder mit unseren Greisen und Kindern, Söhnen und Töchtern, vielleicht werden sie uns begreifen, vielleicht sich unserer erbarmen! ... Und was meint Ihr, Reb Mendele, wird unsere Reise von Erfolg begleitet sein? — Ihr wart einmal krank, Reb Jechil Mordechai? — Welche Frage, Reb Mendele! Ich bin sehr krank in den Hüften, doch das gehört nicht hierher. Doch seht Ihr mir nicht am. Gesichte an, dass ich ein leidender Mann bin?