Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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227 Mendele Mocher Sforiin: Die Abbrändler. 228 bitterlich und sagt zu mir: Räuber, warum hast Du den Bräutigam vertrieben! Räuber, was quälst Du Deine Tochter! Alle ihre Freundinnen sind schon verheiratet und nähren schon ihre Kinder. Sie aber ist noch eine Jungfrau, Du Elender! Wohin soll es mit unserer Schande kommen? — Und heute am „Lag beomer", an dem die Hochzeit der Verabredung gemäss stattfinden sollte, weinen sie noch mehr, so wie dies noch nie der Fall war. Die weint und jene weint, beide weinen, — und mein Herz will zerspringen. Ach, könnte ich mir das Herz aus dem Busen reissen! Was soll ich tun, was kann ich tun? Ich will noch eins versuchen. Das Weib und die Kinder können allein gehen, an das Mitleid mit den anderen Abbrändlern zugleich appellieren. Ich will für mich bleiben und werde in allen jüdischen Städten für eine arme Braut sammeln. Und was ist Deine Meinung, Reb Mendele? — Meiner Ansicht nach — entgegnete ich ihm — ist eine Sammlung für eine arme Braut ein gutes Werk. Und hei uns Juden ist das sogar noch mehr als eine Sammlung für Verunglückte. Während die Männer sich mit mir unterhielten, folgten die Weiber aufmerksam den Reden und bekräftigten die Worte ihrer Männer durch Seufzer und G-estöhne, durch Schluchzen und Klagen, jede nach ihrer Art. Auch die Frösche mischten sich in das Gespräch und quakten in dem Sumpfe, die Grillen und die Käfer summten zwischen den Gräsern — der Lärm VICTOR SCHARF. Doppelporträt. PARIS. und die Stimmen flössen ineinander und erfüllten die Stille der Natur. 1 W J-f&r;* V . Mfe •: >%. .-us^si 1M VICTOR 'SCHARF. Dame in Weiss. (Interieur.) PARIS. Nichts vermag mein Herz mehr zu bewegen, nichts einen solchen Gefühlssturm in mir zu entfachen, Gefühle der Liebe, des Mitleids und Erbarmens, der Sehnsucht und andere mehr, die ich nicht zu er¬ Mären, nicht zu benennen vermag, als der Anblick eines zarten Kindleins besonders, wenn es noch schwach und unbeholfen durch eine Menge wie diese sich drängt Ein unglückliches Wesen, ein schwaches, unbeholfenes Kindlein näherte sich mir, 'als ich noch in der Unterhaltung begriffen war, und lehnte seinen Kopf gegen meine Schultern, ohne dass ich es merkte. Als unser Gespräch zu Ende war, und ich darüber nachdachte, da erfüllte mich unendliches Mitleid und ein Strom schmerzlicher Empfindungen durchbrauste mein Inneres. Ich betrachtete das liebe, magere Gesicht, in dem kein Blutstropfen mehr war, die bleichen, .leichtgeöffneten Lippen, die dünnen und schwachen Ärmchen, deren eines auf der wogenden Brust lag, während das andere lässig herabhing. Über seiner ganzen Gestalt war ein Schimmer von Schönheit und Anmut ausgegossen, und ein feiner Schmerz zitterte