Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 225 - 226 (sequence 4)
- Language
- German
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225 Mendele Mocher Sforim: Die Abbrändler. 226 ~$&**f& VICTOR SCHARF. Porträt des Doktor Guichard (Paris). PARIS. wir abgebrannte Bettler — unterbrachen sie meine Rede — Eigentlich gehörten die Häuser nicht uns, sondern nur die Wohnungen. In den untersten Stockwerken im Haus Jakob - Simons hatten wir uns eingemietet. Jeder mit seinen Kindern in einem Winkel. Da nun sein Haus abgebrannt ist, haben wir keine Wohnungen, und wohin sollen wir jetzt gehen? — Mein Heim war im Beth-Hamidrasch — schrie Asriel der Batlen. — Und da es niederbrannte, habe ich kein Nachtquartier und bin wie alle die Abbrändler. Wenn die Trümmer ihrer Wohnungen reden könnten — dachte ich bei mir — sie würden es jetzt verlangen. — Mich hat der Brand völlig ruiniert — klagte David-Jehuda, der Krämer. — Als die Kabzanzer noch in ihren Häusern wohnten, in jenen guten Jahren, da hatte ich einen Laden und gewann Kunden. Aber nach der Zerstörung von Kabzanz hat mein Schicksal sich gewendet, und ich stehe ohne Brod da. — Ich bin der Unglücklichste — setzte mir mit allerlei Beweisen Bachum, der Melamed, auseinander.— Solange es Bürger gab, war ich Lehrer ihrer Kinder und schlug mich durch. Jetzt, da es keine Bürger mehr gibt, wo soll es da Schüler geben? Und wenn keine Schüler da sind, kann kein Cheder existieren, und wenn kein Cheder und kein Unterricht da sind — babe ich kein Brod. — Dasselbe sage auch ich: Wenn keine Häuser, gibt es keine Mesusoth — seufzte Josef- Simon, der Pergamenten - schreiber — Als Kabzanz noch stand, schrieb ich Mesusoth, jetzt da es keine Häuser gibt, was sollen da die Mesusoth? — Und wir — fiel einer, der in Kabzanz zu dem heiligen Inventar gehörte, ein: wir Tempeldiener, Kantoren, wir alle, die um das Gemeindewohl besorgt waren, und unsere Untergebenen, die Leichenträger und ihr Personal, die „Gabaim" aller Sorten, Schadchonim, Psalmenbeter, Mischnalehrer, Kurpfuscher und dergleichen, mit uns der gesamte Begräbnisverein — wir sind jetzt wie Hirten ohne Heerde, wie Fliegen ohne Wand, wie Fische ohne Wasser. Weh uns und unseren Kindern, wir haben kein Brot, kein Gewand, keine Bürger, keine Gemeindeältesten! Wir hoffen auf Gott, wir haben jetzt keine Verwandten, keine Genossen, keine Glücklichen und Begüterten. Jene mögen sich unserer Kinder annehmen, uns unterstützen, bis Gott sich Kabzanz erbarmt, unsere Stadt wiedererbaut und auch uns in unsere Würden wiedereinsetzt. — Keiner leidet so wie ich — begann Schmule, der Sprecher und Hess eine Rede vom Stapel. — Mein Schmerz ist meiner Tochter Unglück. Seht hier mein Elend, meine unglückliche Tochter Hinde-Rachel. Sie war verlobt, und die Hochzeit bereits festgesetzt und sollte der Verabredung gemäss am „Lag beomerw stattfinden. Alles war in Ordnung zwischen uns, den beiderseitigen Schwiegereltern. Was tat Gott? Gott machte ein grosses Feuer in der Stadt, und so und so viele Menschen wurden dabei ruiniert, darunter auch ich. Bei Gott fragt man nicht, warum er gerade so handelte, er weiss schon, was er tat. Und da ich herabgekommen bin, so versteht es sich von selbst, dass ich arm bin, und dass ich die Mitgift nicht der Vereinbarung gemäss zahlen kann. Nicht deshalb, weil ich nicht zahlen will, Gottbehüte, sondern einfach weil das über meine Verhältnisse geht. Und was sagt der Bräutigam, dieser prächtige Jüngling? Der Bräutigam sagt, ich will nicht. Wenn die Hauptsache fehlt, was soll ich mit Deiner Tochter anfangen? Sagt es und zerreisst den Verlobungsbrief. Sehen Sie, deshalb wird meine Tochter nicht heiraten. Und da sitzt sie nun als Jungfrau, wie ehedem. Ja, sitzt verlassen da in Schmach und Schande, vergiesst bittere Tränen, und mein Weib weint ebenfalls