Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Die Abbrändler
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Mendele Mocher Sforim: Die Abbrändler. 224 §& ständige Narr der Gemeinde Kabzanz, auch er war unter den Vertriebenen seiner Heimatstadt. Sein Anzug war aufgetrennt, der Kopf unfrisiert, der Hut sass nicht recht auf ihm, aber er drehte sich hin und her und sprang im Sande herum. Einmal lief er zu dem, dann zu jenem wie eine Kuh hinter einem Kalb, sperrte den Mund auf und gaffte. Manchmal stiess er auch unartikulierte Laute hervor, aber er sprach nichts. Ich sass stumm unter den leidgequälten Kabzanzern, betrauerte aus tiefstem Herzen ihr grosses Unglück, und um mich verdunkelte sich die Welt. Ach, was sollte mir noch die Schöpfung und ihre Pracht, andere dürfen sich an ihr laben, wir Juden nicht! Die Wärme der Sonne ist mir kein Labsal mehr, sondern scheint verzehrende Flamme. Der linde Wind wird zum gefährlichen Sturme, Rauch entströmt dem Felde, und das Gras der Hügel wirkt wie Brandgeruch auf meine Nase, wütend wälzt sich der Brand, Feuer, Sturm und Dampfwolken schaue ich im Geiste, — und der Yöglein Lied wird zur Klage, ein Weinen durchbebt ihre Stimmen! — Wohin geht die Heise, Brüder? — beginne ich nach einer nachdenklichen Pause, und tiefes Mitleid spricht aus mir. — Wohin gehen jüdische Abbrändler? — erwidern die Leute aus dem Haufen mit Kopfschütteln und Seufzern — dorthin, wo alle Armen unseres Yolkes gehen, nach den Wohnsitzen unserer barmherzigen Brüder, der Kinder Israels. In unseren Händen befinden sich Zeugnisse, besiegelt vom Raw und den Gemeindevorständen, die uns einen Anspruch und Rechtstitel geben, an die Türen der Reichen zu pochen. Tausend Gemeinden sind an der Arbeit den Abbrändlern zu helfen, und die Städte Israels streiten sich um den. Anteil. Die grösste Partei unter uns ist nach jener Richtung gezogen, wir ziehen nach dieser Gegend. Jetzt aber müssen wir uns wieder in zwei Abteilungen scheiden, die eine nach diesem, die andere nach jenem Orte. Denn die Meinungen unter uns sind so verschieden, dass dorthin, wohin die einen laufen, auch die anderen gehen wollen. So sind wir zu einem Haufen zusammengepfercht, streiten mit einander, lärmen und zanken den ganzen Weg, jeder verachtet seinen Bruder und grollt ihm. Du, Reb Mendele, sei Richter zwischen uns und verteile uns! — Trennt Euch, Kapzoniml — sagte ich leise zu den Kabzanzern. — Trennt Euch in Ruhe und Frieden. Wozu drängt Ihr Euch so dicht zusammen, streitet, feilscht und seid uneinig unter einander? Handelt Ihr auf diese Weise nicht schlecht gegen Euch selbst, einersteigt auf die Wange des anderen, und die gegen- VICTOR SCHARF. „Martje". PARIS. seitige Bürde wird schwerer. Dann reizt Ihr auch den Hass der anderen gegen Euch auf, und sie schimpfen, dass Ihr wie Heuschrecken über sje kommt und der Gesamtheit zur Last fallet. Also geht in Euch und nehmt von einander Abschied, Juden! . . . Als ich merkte, dass sie meinen Worten keine Aufmerksamkeit schenken, hörte ich auf, ihnen weiter zuzureden, nickte mit dem Kopfe und sprach zu mir: Selbst ein Brand kann sie, die Juden, nicht trennen! — Uns geben sie den schäbigen Rest, den Bettelsack, sich selbst nehmen sie die Schätze, Kislon samt Umgebung. Auch wir haben Anrecht und Teil an Kislon! — riefen die einen. — Was kümmern uns ihre Verdienste, wir haben auch ein jüdisches Herz und sind innig mit ihnen verbunden — schrieen andere und schimpften. — Der Teufel soll in sie fahren! — Der Teufel hole ihre Vätersväter! Geliebte Juden rief ich zu den Kabzanzern, die am lautesten brüllten. — Seid Ihr nicht abgebrannt?. Hattet Ihr nicht einmal Haus und Hof? — Was geht uns die Vergangenheit an, wir hatten Haus und Hof, waren Nachbarn, jetzt aber sind