Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Ein moderner Religions-Philosoph
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 4)
- Language
- German
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211 Kabbiner Dr. M. Eschelbacher, Bruchsal: Ein moderner Religions-Philosoph. 212 nicht so selbstverständlich, wie wir wohl wünschen möchten. Das Gebiet des sittlichen Lebens ist voller Rätsel. Wir verdammen den Mord, aber wir preisen Teil, der den Gessler erschossen hat; man darf nicht stehlen, sagen uns alle Gesetzbücher und so wird gepredigt von allen Kanzeln, aber jeder Tag erzeugt neue Diebstähle. Und sobald die Verhältnisse im Leben auch nur einigermassen sich verwickeln, schwankt sofort auch die sittliche Beurteilung. Das Menscheneben ist heilig, aber im Petersprozess haben noch vor kurzem hervorragende Männer ernstlich gezweifelt, ob auch das Leben des Negers heüig sei. Und selbst wenn das praktische Leben solche Schwierigkeiten nicht hervorbrächte, müssten die Fragen der Ethik dennoch geprüft und erforscht werden, so gut wie nur irgend ein Gebiet des Naturlebens. Wir wissen ja auch ohne Belehrung, wie wir zu atmen oder zu gehen haben, und dennoch erforscht die Physiologie eingehend die Tätigkeit der Lunge und den Gang der Menschen. So hat denn die Frage „Was ist gut?" seit den ältesten Zeiten die Geister beschäftigt und eine Menge von Antworten hervorgerufen. Die einen sagten, „gut ist was nützlich ist", andere setzten das Gute dem Schönen gleich und lehrten, „erlaubt ist, was gefällt". Auch Kants kategorischer Imperativ ist ein Versuch, die Frage zu beantworten. Steckelmacher prüft eingehend alle diese Bemühungen, indem er namentlich mit Kant sich auseinandersetzt und das bleibend wertvolle in dessen System aufzeigt. Als Lehre des Judentums erscheint ihm schliesslich die Ueberzeugung, „gut ist, was die Welt erhält und fördert", und die Welt kommt für die Ethik vor allem in Betracht als Gegenstand für die Arbeit des Menschen. Es darf dieser Standpunkt nicht etwa verwechselt werden mit dem des Utilitarismus oder des Eudämonismus, vielmehr betont Steckelmacher die Pflicht, zur Erhaltung und Förderung der Welt beizutragen, gleichviel, ob dadurch erreicht wird, was man gemeinhin Nützlichkeit oder Glückseligkeit nennt. Utilität und Eudämonie, Nutzen und Glückseligkeit, mögen als Mittel zum Zweck der Erhaltung und Förderung des Lebens angesehen werden, aber diese allein sind das hohe und umfassende Ziel, unter das jene als blosse Mittel untergeordnet werden müssen. „Gibt es nicht Existenzen, zu deren Beglückung man nichst mehr tun kann, deren Leben man aber noch erhalten und fördern kann? Gibt es nicht Menschen, die am Leben schlechterdings kein Gefallen mehr finden? Dürfen nun diese etwa ihrem Leben ein gewaltsames Ende machen? Oder kann es als moralisch angesehen werden, dass man unterlässt, was ihre Erhaltung ermöglicht? Ja, gerade bei diesem vitalsten Punkte zeigt sich am dringendsten die Notwendigkeit, zu jenem wahrhaft letzten und höchsten aufzusteigen, soll nicht der ganze Inbegriff der Moral am Ende der einen Klippe scheitern, dass der Mensch wähnt, zwar die einzelnen Bewegungen seines Lebens stünden unter den höheren ethischen Weisungen, über das Ganze seines Lebens aber habe seine Willkür allein mit unbeschränkter Souveränität zu verfügen. Wird bei solchem Wahne nicht auch die Moral der einzelnen Lebensbewegungen in bedenklicher Weise fraglich? Wenn das Ganze des Lebens als ausserhalb der Moral stehend erachtet wird, warum nicht auch seine Einzelheiten?" (Prinz, der Ethik, S. 105 f.) Wir können hier, wo der Raum beschränkt ist, nicht auf die tiefen Gedanken eingehen, die dieser Lehre und die den Untersuchungen Steckelmachers zugrunde liegen; es sei nur kurz gesagt, dass auch sie ein Ausfluss der Schöpfungsidee ist, und dass sie eine Anschauung ins Herz trifft, die viel vertreten wird, und die ein Krebsschaden für jede sittliche Weiter, entwicklung ist, den Nihilismus. „Alles, was besteht ist wert, dass es zugrunde geht", ist die Ueberzeugung Vieler und ertötet bei ihnen jeden Mut zur Arbeit. Mancher glaubt ja, er sei selber nicht wert, weiter zu leben, und greift deshalb zur Pistole. Da enthüllt Steckelmacher eine verborgene, wenig beachtete Seite des religiösen Glaubens. Die Welt und die Menschheit sind beide von Gott geschaffen und darum beide wert, erhalten zu werden. Und wenn sie nicht gut sind, so haben sie, weil von Gott geschaffen, die Bestimmung, gut zu werden. Das Werkzeug, die Welt zu verbessern, ist die Arbeit des Menschen, das Ziel der menschlichen Arbeit ist die Hebung der Welt. So schafft der Glaube an Gott, den Weltenschöpfer, die Verbindung zwischen Mensch und Welt; an die Stelle von Mephistos trübem Wort setzt das Judentum die energische Aufforderung des alten Akiba: „An einem Orte, wo es keine Männer gibt, bestrebe du dich, ein Mann zu sein", und der Gedanke der Weltschöpfung wird so zum Grundpfeiler einer Ethik, die dem Menschen den Mut zur Arbeit gibt, nicht eine Philosophie für Gelehrte, sondern ein Trost und eine Ermunterung für jeden, der mitten im Leben kräftig schaffen will. Und alle diese Gedanken sind im Judentum nicht Theorie geblieben, sondern zu fruchtbarem Leben erwacht. An einer Fülle von Aussprüchen, Erzählungen und Gesetzen, die er aus dem gesamten jüdischen Schrifttum gesammelt hat, und die ein Bild des jüdischen Schrifttums geben, zeigt Steckelmacher, wie in seiner praktischen Sittenlehre das Judentum als das höchste Ziel des Menschen es hinstellt, die Welt zu fördern. Diese Idee verbindet geradezu den Menschen mit Gott. Von einem Richter, der ein wahrhaftes Urteil fällt, sagt der Talmud ohne weiteres, er werde ein Genosse Gottes bei der Schöpfung der Welt Wichtige Einrichtungen des Rechts wurden geschaffen, nicht weil das System es erforderte, sondern mipne tikkun hoaulom „um die Welt dadurch in ihrem Bestände zu fördern", menschenfreundliche Bestimmungen im Sklavenrecht werden damit begründet, dass Gott