Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Ein moderner Religions-Philosoph
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 213 - 214 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Rabbiner Dr. M. Eschelbacher, Bruchsal: Ein moderner Religions-Philosoph. 214 nach Jesaias Wort die Welt nicht zur Einöde, sondern zum Wohnsitz für Menschen bestimmt habe, und noch einer der jüngsten Lehrer des Judentums, S. R. Hirsch fasst, was recht und was schlecht ist, zusammen in die Worte: „Wohl dem, der seine Welt erhält! Wehe dem, der seine Welt zerstört!" Mit solchen Gedanken wird Steckelmacher zugleich auch zum Apologeten des Judentums. Von den Anfängen seiner Laufbahn als Schriftsteller an hatte er unsere Religion gegen die Angriffe moderner Philosophen verteidigt, gegen Strauss, Hartmann, Feuerbach, Paulsen und andere. Nun greift er mit starken, eigenen Waffen durch sein „Prinzip der Ethik" in den Bibel-Babelstreit ein. Dort hatte ja gerade gegen die Kapitel, die die Weltschöpfung erzählen, besonders der Ansturm sich gerichtet. Jetzt giesst Steckelmacher den alten Wein in neue Gefässe und führt auf neuen, selbstentdeckten Wegen den Gedanken aus, dass die Bibel in ihren ersten Kapiteln nicht ein Lehrbuch der Geologie uns liefert, sondern dass sie auch dort uns sagen will, was Pflicht und Aufgabe des Menschen ist. So erscheint das vielerörterte Verhältnis des biblischen zum babylonischen Schöpfungsbericht in neuem Lichte. Und wie er zu einem besseren Verständnis des biblischen Judentums uns führt, so öffnet er uns auch den Blick für den Talmud und seine Welt. Wie oft wurde uns schon gesagt, das alte Judentum habe die Philosophie nicht gekanntl Aber aus Steckelmachers Darstellung lernen wir zahlreiche Aussprüche der alten Tanaiten und Amoräer kennen, die als Ergebnis tiefen, philosophischen Nachdenkens uns erscheinen. „Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn dienen, nur um Lohn -zu empfangen, sondern seid wie Knechte, die ihrem Herrn nicht dienen, um Lohn zu empfangen, und nur die Furcht vor Gott ruhe auf Euch", so mahnt ein alter Weiser, Antigonos aus Socho. Wir sprechen in der modernen Philosophie viel von dem Unterschied von Legalität und Moralität, aber wenn wir ihn anschaulich machen wollen, werden wir wohl auch kein besseres Beispiel finden, als vor grauen Tagen der alte Antigonos. Ein anderes Mal berichtet uns der Talmud: „Die Schüler Schamais und die Schüler Hiilels waren uneins. Die Einen sagten, es wäre für den Menschen besser, er würde nie geboren. Die Andern sagten, es ist für den Menschen besser, geboren zu werden. Schliesslich einigten sie sich und sagten, besser wäre es, der Mensch würde nie geboren, nun aber, da er geboren ist, prüfe er seine Handlungen." Wie modern klingt das! Und wie müssen unsere alten Weisen die Lebensbejahung und die Lebensverneinung kennen gelernt haben, die auch in unseren Tagen sich geltend machen! Aus Kenntnis und aus Beobachtung des Lebens ist die Philosophie erwachsen, die Steckelmacher entwickelt. Er ist eben seit langen Jahren Rabbiner einer grossen Gemeinde, in der das Leben in breitem Strome vor dem Auge vorüberzieht, das es betrachten will. So bot auch die Sammlung von Predigten, die er vor längerer Zeit veröffentlichte (Fest-Predigten, Mannheim, J. Bensheimer, 1895), viel an Gedanken und an Erfahrung, und den gleichen Blick fürs Leben zeigen auch seine philosophischen Werke. Wer kommt da nicht alles zu Worte! Die Philosophen aller Zeiten und die Romanliteratur der jüngsten Jahre, Erlebnisse Stanleys auf seinen Reisen in Afrika und Urteile des Mannheimer Schwurgerichts. Der Blick auf Vergangenheit und Gegenwart hat diese Bücher geschaffen, und Menschen der Gegenwart sollen sie dienen, der jüdischen Wissenschaft aber, der sie angehören, können sie eine Mahnung sein, nicht allein die Entwicklung der Vergangenheit aufzuhellen, sondern auch den Lebenden Führer zu werden auf den verschlungenen Pfaden unserer Tage. Werke, wie die von Steckelmacher, die bei aller Frische doch nicht in das Reklamegewand der Aktualität sich hüllen, werden leicht übersehen, namentlich wenn sie von jüdischen Autoren stammen. Doch Bücher leben länger als Menschen, und so wird auch Steckelmacher die Mode des Tages überdauern. Ich weiss nicht, wer einmal gesagt hat: „Wenn ich höre, es sei ein neues Buch erschienen, lese ich ein altes"; das ist ein Gedanke von tiefer Wahrheit. Möge er stets aufmerksame Leser zu der Quelle führen, die Steckelmacher uns erschlossen hat, sie können dort schöpfen, was sie nicht überall finden: Liebe zum Judentum und neues, starkes Vertrauen.