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Ost und West · 1909-04-01 · Heft 4 (April 1909) · p. Seite 209 - 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 4 (April 1909)
Article
Ein moderner Religions-Philosoph
Date
1909-04-01
Page
Seite 209 - 210 (sequence 3)
Language
German
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209 Rabbiner Dr. M. Eschelbacher, Bruchsal: Ein moderner Religions-Philosoph. 210 Und ein Ausdruck dieser Seligkeit ist es, dass die Himmlischen auch von den Fesseln des Sittengesetzes befreit sind, das den Menschen bindet. Wohl sind die Olympier die Schützer der Sittlichkeit, weil der Mensch in den Gefahren des Lebens den rechten Weg gern verlässt, wenn der Gedanke an ein höheres Wesen ihn nicht bindet, aber sind eben nur Beschützer, sie sind nicht Vorbilder der Sittlichkeit. Sie binden den Menschen, aber sie selber sind nicht gebunden. Das gerade Gegenteil zu diesen Gedanken stellt das Bild dar, das das Judentum von Gott entwirft. Für Moses, für Propheten, Psalmisten und Rabbinen ist Gott „gütig gegen alle, und seine Barmherzigkeit geht auf alle seine Geschöpfe14. Gott ist hier nicht geschaffen im Ebenbild des Menschen, er ist nicht das glückliche Gegenbild des irdischen Unglücks, die Gottesoffenbarung des Judentums hat vielmehr eine ganz andere Wurzel, ihr ist Gott in erster Reihe der Schöpfer der Welt, der sie auch erhält, und der Vater der Menschen. Und wenn er straft, dann treibt ihn nicht, wie der Grieche glaubt, der „Neid der Götter", dann hat vielmehr der Jude das Vertrauen, dass Gott den Menschen züchtigt, wie ein Vater seinen Sohn. Schlagend und überzeugend ist namentlich der Nachweis, wie die Vorstellung von der Seligkeit der Gottheit selbst in den geläuterten Philo - sophemen eines Plato und eines Aristoteles herrscht, die doch sonst von den mythologischen Begriffen der Früheren sich emanzipiert hatten. Die Bibel Israels spricht im Gegensatz dazu stets nur von einem Sein und Walten, nie von einem Befinden Gottes. So ist die jüdische Gottesoffenbarung von Grund auf und bis in die feinsten Verzweigungen das gerade Gegenteil der griechischen Gottesidee. Es ist ein grosses Verdienst Steckelmachers, dass er mit Nachdruck diesen Vergleich durchgeführt hat; jedes Besitztum wird ja in seinem Wert erst erkannt, wenn es mit andern Gütern zusammengehalten wird, was Gesundheit wert ist, weiss so recht nur der Kranke, und auch das Judentum erscheint in seinem wahren Licht erst dann, wenn es gemessen wird an der Lehre und dem Bekenntnis anderer Beligionen. Die Schöpfungsidee, die einen Eckstein der Offenbarung bildet, ist dem Judentum und seinen Tochterreligionen eigentümlich; wir finden sie sonst bei keinem andern Volke des Altertums. Gerade auf diese Lehre trifft in hervorragendem Mass zu, was Steinheim von der Offenbarung überhaupt gesagt hat, dass sie zunächst dem menschlichen Geist fern liege. Eben die Schöpfung der Welt aus dem Nichts ist ein Gedanke, gegen den von Anfang der Zeiten an die schwersten Angriffe der Philosophie sich gerichtet haben. Und hier enthüllt sich diese vielverlästerte Idee nun als Quelle und unentbehrliche Voraussetzung für eine reine und sittliche Gott es vor Stellung! Von den Verkündigungen des Judentums hat offenbar das Wort „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" am stärksten Steckelmacher angezogen, denn er kommt auf diesen Gedanken und auf seine Bedeutung noch einmal von einem ganz anderen Punkt aus, zurück. In seinem zweiten Werk „das Prinzip der Ethik vom philosophischen und vom jüdisch - theologischen Standpunkt aus betrachtet'4 (Mainz, Johann Wirth'sche Hofbuchdruckerei 1904) zeigt er die Idee der Weltschöpfung als die Grundlage der Moral. Eine literarische Beobachtung mag ihn zur Wahl diesesThemas geführt haben. Die Lektüre von Eduard von Hartmanns Werk „Das sittliche Bewusstsein" zeigt ihm „ein babylonisches Gemisch von „Moralprinzipien", von denen die meisten einander widersprechen oder ganz aufheben, und doch zielt das ganze darauf ab, die Ethik der Offenbarung als eine heteronome von ihrem Throne zu stürzen und an ihrer Stelle eine unbeschränkte Autonomie zu setzen!" Diese Anarchie drängt ihn dazu, selbständig von neuem das Fundament der Sittlichkeit zu prüfen. Nach dem Prinzip der Ethik haben schon viele gesucht. Die Frage „Was ist gut? und woran erkennen wir das Gute?" liegt sehr nahe. Manchem mag freilich eine lange Untersuchung als unnötig erscheinen, er mag mit dem Dichter sprechen: „ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst." Aber leider ist das Moralische Rabbiner Steckelmacher.

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