Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 4 (April 1909)
- Article
- Ein moderner Religions-Philosoph
- Date
- 1909-04-01
- Page
- Seite 207 - 208 (sequence 2)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
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207 Rabbiner Dr. M. Eschelbacher, Bruchsal: Ein moderner Religions-Philosoph. 208 und gerade das sei für sie bezeichnend". So herrscht in Steinheims Schriften die Stimmung von Angriif und Kampf. In Steinheims Fusstapfen ist dann auch Steckelmacher getreten, freilich nicht sofort, sondern erst nach längerem Schwanken. Er selber schildert den Weg, den er so durchmessen hat: „Ich fühlte mich von dem Studium des Steinheimschen Werkes bald mächtig angezogen, bald wieder abgestossen. Wie? Das Erkennungszeichen unserer Gctteslehre, auf deren Vernünftigkeit wir immer so stolz waren, soll gerade in ihrer Widervernünftigkeit bestehen? Die Frage hatte mir lange keine Ruhe gelassen, und ich hielt an dem Lessingschen Satze fest: „Also gibt auch die Offenbarung dem Menschengeschlecht nichts, worauf die menschliche Yernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde, sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher." Je mehr ich aber über den Steinheimschen Grundgedanken nachdachte, desto deutlicher begann ich eine ähnliche Wirkung auf mich zu fühlen, wie er sie der Offenbarungslehre selber zuschreibt. Ich fühle das Absonderliche dieser Auffassungsweise, ohne mich ihr mehr entziehen und der Ueberzeugung ausweichen zu können, dass derselben bei aller Berichtigungsbedürftigkeit im einzelnen, im ganzen doch ein grosser und bleibender Wahrheitskern zugrunde liege." Doch der Wert einer Hypothese liegt in ihrer Brauchbarkeit; soweit ist sie richtig, als sie imstande ist, Erscheinungen aufzuklären, und Steckelmacher prüft, ob Steinheims Lehre ein solcher Schlüssel ist. In seiner ersten grösseren Abhandlung untersucht er an ihrer Hand die Frage nach der Bedeutung der Offenbarung, in dem Buche „Die Gottesidee der Offenbarung und des Heidentums im Lichte eines neuen Unterscheidungsmerkmals betrachtet." (Mannheim, J. Bensheimer, 1890.) Das „neue Unterscheidungsmerkmal" ist eben das, das Steinheim aufgestellt hat, der Unterschied, ja der Gegensatz der Offenbarung zum natürlichen Denken. Und er prüft das Problem gewissermassen im Wege des Experiments. Er fragt: „Wie gestaltet sich die Gottesidee bei dem Volk der Offenbarung, und wie bei einem sonst hoch entwickelten Volke, dem aber eine Offenbarung nicht zuteil geworden?"; und so vergleicht er die Gottesvorstellung bei den Griechen und bei den Juden. Die griechische Religion, wie sie wenigstens bei Homer und bei Hesiod uns entgegentritt, bietet ein eigentümliches Bild. Die Griechen sind herrliche Menschen, aber ihre Göttergestalten sind schlimm. Heine spricht einmal von „des Olympos Herrlichkeit mit seinen liederlichen Heidengöttern", ein andermal von Göttergesindel, und er hat recht damit. Mose spricht von Gott, „der Hort, untadlig ist sein Tun, denn alle seine Wege sind recht, ein Gott der Treue ohne Unrecht, gerecht und rechtschaffen ist er". Auf die Göttergestalten Griechenlands angewendet, wäre dieses Wort die reinste Ironie. Bei diesen „erscheint nichts natürlicher, als der Ehebruch eines Gottes. Ares wird von Athene als ein treuloser Betrüger und Doppelzüngiger hingestellt, während sie selbst wiederum Hektor betrügt und ihren Günstling Odysseus sogar liebkosend zu loben scheint ob seines trugvollen verschlagenen Sinnes, worin er ihr fast ebenbürtig sei. Hera nennt den Apollo einen treulosen Verräter, und Hermes, als der Gott der Verschmitztheit, hat des Odysseus Grossvater in der Verschmitztheit unterrichtet." „Dem Ewigen Eurem Gott sollt ihr nachgehen", mahnt Moses: wer aber dem Zeus nachgehen wollte, der wanderte bei uns ins Gefängnis. Und die Gottesvorstellungen anderer Völker sind nicht besser, auch sie sind Zerrbilder de* Glaubens. Die Edda erzählt, wie die alten nordischen Götter sich versündigen; sie beflecken sich durch Goldgier und Meineid. Dem Baumeister aus dem Riesengoschlecht haben sie Freya zur Gemahlin versprochen und dazu noch Sonne und Mond, wenn er bis zum letzten Wintertage die Himmelsburg ihnen vollendet. Wie sie aber sehen, dass der Bau fast fertig dasteht, da betrügen sie ihn listig um den verheissenen Lohn, indem Loki die Gestalt einer Stute annimmt, und des Riesen Hengst, der ihm gewaltige Felsen als Bausteine herbeischleppte, in den Wald lockt. Und obgleich die Götter dem Riesen durch feste Eide Frieden für Leib und Leben zugesichert haben, rufen sie doch Thor herbei, um ihn mit seinem Hammer zu zerschmettern; „da schwanden die Eide. Worte und Schwüre, alle festen Verträge, jüngst trefflich erdacht", und dafür trifft sie dann auch später die Götterdämmerung (nach A. Lange, Deutsche Götter- und Heldensagen, 1887, S. 145). Zu solchen Auswüchsen führt die Gottesvorstellung, wo sie rein auf der Grundlage des natürlichen Denkens sich entwickelt hat! Steckelmacher weist besonders bei der Betrachtung der griechischen Mythologie auf diesen Ausgangspunkt hin. In Griechenland hat der Mensch seinen Gott im Ebenbild des Menschen geschaffen. Nun ist es eine weit verbreitete Ueberzeugung, dass das vielgehörte Wort von der sonnigen Heiterkeit Griechenlands nur ein überkommener Irrtum sei. Es herrscht im Gegensatz dazu heute vielfach die Auffassung, die ganz besonders Jakob Burkhardt neu begründet hat, dass ein schwerer Trübsinn einen wichtigen Charakterzug der Hellenen ausmachte. Steckelmacher schliesst sich dieser Auffassung an und erklärt damit das Bild, das der Grieche von Gott sieh machte. Sein tiefer Pessimismus trieb ihn, ein glückliches Gegenbild zu dem unglücklichen Menschen , zu schaffen, und so sind jene Vorstellungen von Üer Götterwelt des Olymp entstanden. Was der Hellene an seinen Göttern preist, ist ihre Seligkeit. Sie sind schmerzlos im Gegensatz zu dem leidgebeugten Menschen, und alles gewährt ihnen die Phantasie, was dem armen Sterblichen, das rauhe Leben verwehrt.