Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 2)
- Language
- German
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179 Revue der Revuen. 180 Wahl desChacham-Baschi der Türkei. Allgemein wird betont, von welcher Wichtigkeit gerade im gegenwärtigen Augenblick die Tätigkeit des geistlichen Oberhauptes der türkischen Juden ist. Die Wahl Haim Nahoums wird — wenn man von den Ausstreuungen einer gewissen Tendenzpresse absieht — durchwegs willkommen geheissen und in jedem Sinne als bedeutsam angesehen. So schreibt z. B. die Wiener „Neue Nat.-Ztg.": . . . „Wir begrüßen die Wahl Haim- Nahoums freudigst. Mit ihm gelangt auf den Sitz des Großrabbiners der Türkei zum ersten Male ein Mann von europäischer Bildung, allgemeinem Wissen und gereiftem, selbständigen Urteil, wie er gerade unter den jetzigen Verhältnissen den ottomanischen Juden nottut." . . . * * * In Konstantinopel wird demnächst ein historisches Drama ,,Don Isaak Abarbanel" zur Aufführung gelangen. Der Autor, ein Jungtürke und intimer Freund des Prinzen Sasa-Hidin, hat in diesem Drama mit deutlich erkennbarer Tendenz das Leben der Juden nach der Vertreibung aus Spanien und ihrer ersten Ansiedlung in der Türkei zur Darstellung gebracht. » * * Der Neuyorker „American Hebrew" weiß über eine Konferenz jüdischer Farmer zu berichten. Aus allen Teilen der Union waren Delegierte nach Neuyork gekommen, um die Gründung einer Organisation der jüdischen Farmer durchzuführen. Einzelne Delegierte sprachen auch auf einem Massenmeeting und berichteten über Leben und Treiben der jüdischen Farmer, deren Zahl auf 4500 geschätzt wird. Diese erzielen mit den Produkten ihrer Farmen große Umsätze und führen ein arbeitsreiches und zufriedenes Dasein. In Connecticut und Neujersey haben einzelne jüdische Farmer im Lauf der Jahre großes Vermögen erworben. Das erfreulichste ist wohl, daß sie ihre erwachsenen Söhne nur Landwirte werden lassen. Die Farmer klagen aber, daß sie den Kindern keine rechte Schulbidung angedeihen lassen können, weil die Entfernung von Farm zu Farm zu groß ist, um für alle Farmerkinder eine Schule errichten zu können. Vor ihrer Abreise empfing Präsident Roosevelt eine Delegation der Konferenzteilnehmer und ließ sich eingehend informieren, wobei er der Freude Ausdruck gab, daß die jüdischen Farmer mit Erfolg arbeiten. * * * Nach der offiziellen Statistik des „Jewish Year Book" beträgt die Zahl der über den Erdball verstreuten Juden ungefähr 11 081 000. Von dieser Ziffer entfallen auf Europa 8 748 000, auf Amerika 1 556 000, auf Afrika 354 000, auf Asien 342 000 und auf Australien 17 000. In Europa verteilen sich die Juden auf die einzelnen Länder folgendermaßen : 5 100 000 auf Rußland, 2 100 000 auf Österreich-Ungarn, 600000 auf Deutschland, 400 00C auf die Balkan-Staaten, auf Belgien und Holland 105 000, 80 000 auf Frankreich, 40 000 auf Italien. Die am stärksten von Juden bevölkerten Städte sind: Neuyork mit 700 000, Wien mit 130 000, Berlin mit 95 000, London mit 80 000 und Jerusalem mit 50 000 Seelen. * * * In diesen Tagen feierte die hebräische Literatur den hundertunderstenGeburtstagvon Abraham Mapu, des Begründers einer künstlerischen, modernen, hebräischen Prosa. Mapu war am 10. Januar 1808 als Sohn armer Eltern in Slobodka (Litauen) geboren und starb, 60 Jahre alt, in Königsberg. Er war ein fruchtbarer Schriftsteller, von dessen Werken das breitere jüdische Publikum allerdings wenig kennt. Die Hebraisten aber wissen seine feine, bilderreiche Sprache, seine bedeutende Gestaltungskraft zu schätzen. In ihrer Darstellungsart und epischen Breite erinnern Mapus Romane an französische Vorbilder. Von seinen größeren Werken wurde der Roman „Ahabath Zijiön" in die englische, ein anderer, „Thamar", auch in die deutsche Sprache übertragen. Seine weiteren Arbeiten hatten unter dem Fanatismus seiner chassidischen Landsleute zu leiden, auf deren Betreiben Mapus größter Roman, der die Zeit Sabbatai Zewis zur künstlerischen Darstellung brachte, vernichtet wurde. Für die hebräische Literaturgeschichte wird Mapu wohl bleibende Bedeutung behalten. * * * In Brüssel starb Ignatz Bernstein, ein bekannter Philanthrop. Ehemals ein reicher Kaufmann in Warschau, zog er sich später ins Privatleben zurück und betrieb folkloristische und literarische Studien. Von seinem verständigen Sammlerfleiß gibt das von ihm herausgegebene Buch „Sammlung jüdischer Sprichwörter" Zeugnis. * * * Das weltberühmte „British Museum" feierte jüngst die 150. Jahreswende seiner Eröffnung. Aus diesem Anlaß erinnert „Jewish World" an die interessante Tatsache, daß der erste, der nach der Eröffnung des Museums diesem eine größere Zuwendung machte, ein Jude war, der der Anstalt eine reichhaltige Bibliothek spendete. Der Spender hieß Salomon da Costa, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts in England lebte und in hohem Ansehen stand. Es sei noch erwähnt, daß auch der verstorbene Baron Ferdinand de Rothschild dem Museum eine Zuwendung im Werte von 300000 Pfund Sterling machte. * * * Josef Israels, der Altmeister des Pinsels, feierte seinen 85. Geburtstag. Der greise Künstler erfreut sich vollkommener geistiger und körperlicher Frische. Aus allen Teilen der Erde empfing er Gratulationen, die Presse aller Länder gedachte de« Tages und feierte Israels in schwungvollen Festartikeln, besonders die holländischen Zeitungen und mit ihnen das Volk, das Israels stolz und liebevoll seinen „kleinen Juden" nennt. * * *