Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 3)
- Language
- German
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181 Revue der Revuen. 182 In der englischen Monatsschrift „The International", lesen wir über die Juden in China: Was die schwierige Frage betrifft, wann und wie die Juden in China einwanderten, so ist die Theorie von den verlorenen zehn Stammen anzunehmen." . . . Der Autor hebt dann hervor, daß die Juden in China niemals unter Intoleranz zu leiden hatten; bezüglich der Assimilation der Juden in diesem Lande wirft er die Frage auf, woher es kommt, daß sie von den Chinesen und nicht von den Christen absorbiert werden. Dies erklärt der Autor wie folgt: ,,Die Chinesen gaben den Juden alle Rechte und schlössen Freundschaft mit ihnen, so daß die Juden keinen Grund sahen, sich von den Chinesen abzusondern; sie näherten sich gegenseitig, heirateten untereinander, und nach und nach erwies sich die bequemere Religion als die überdauernde." . . . Von den Lebensbedingungen der Juden in China weiß der Verfasser nur Befriedigendes zu berichten. * * * In der jetzt soviel genannten unglücklichen Stadt Reggio entstand die erste hebräische Buchdruckerei im Jahre 1475. Das erste hebräisch gedruckte Buch erschien in Reggio im selben Jahre, es war dies der Kommentar Raschis zum Pentateuch ohne Text. Von Reggio aus verbreitete sich der hebräische Buchdruck am Ende des 15. Jahrhunderts nach vielen Städten Italiens. In Mitteleuropa wurde zuerst in Prag (1513) hebräisch gedruckt, von wo aus der hebräische Druck nach Polen und Deutschland sich verbreitete. * * * In Paris starb der bekannte Bühnendichter und Kritiker des „Journal", Catulle Mendes, eines plötzlichen Todes. Er war als Kind jüdischer Eltern zu Bordeaux geboren und kam in sehr jungen Jahren nach Paris, wo er alsbald der Führer einer neuromantischen Literaturbewegung wurde. Noch nicht zwanzig Jahre alt, leitete er eine neue Revue ganz selbständig, und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Bühnenwerke und Novellen, die er schuf, hatten keinen andauernden Erfolg. Aber auch weit über Frankreich hinaus ist sein Name mit einem feinen, geschliffenen Stil, mit der Kunst einer farbensprühenden Darstellung verbunden, zwei literarische Eigenheiten, die bei keinem der modernen Franzosen prägnanter und fesselnder zum Ausdruck kommen, wie bei Catulle Mendes. Als Kritiker eines berühmten Pariser Boulevardblattes war er im Paris unserer Tage sicherlich berühmter denn als feinsinniger Sprachkünstler. Sein Ableben wird von der Weltpresse als ein Verlust für die französische Literatur bezeichnet. Es war ein erfolgreiches Leben, das da so unglücklich-zufällig endete. . . . * * * Die Londoner ,,St. James' Gazette", ein angesehenes Tagblatt, ließ jüngst Bernard Shaw über die Judenfrage ausholen. Wie immer bei Shaw, finden sich auch in dieser Auslassung Behauptungen, die, wenn sie auch nicht zutreffend sind, doch den Reiz der Originalität besitzen, und geistvolle Paradoxe, die in überraschenderweise den Kernpunkt treffen. Der größere Teil des Gesprächs war der zionistischen Bewegung gewidmet, von deren Notwendigkeit Shaw sich nicht überzeugen läßt. Er ist der Meinung, dass die Juden keine Veranlassung haben, die Gründung eines eigenen Staates für wünschenswert zu halten. Sie sind, meint Shaw, weit mächtiger in der Zerstreuung, ihr Einfluß sei überall wahrzunehmen. — Freilich hat Shaw nur eine ziemlich einseitige Kenntnis von Juden und Judentum. Er gibt selbst zu, daß sein jüdischer Verkehr auf jüdische Engländer beschränkt ist. „Ich wäre nicht erstaunt gewesen", sagt Shaw, ,,die Juden in den Vereinigten Königreichen nicht blos bei Schotten und Iren, auch bei den Engländern selbst unpopulär zu finden. Der Grund meiner Annahme liegt in der Intellectualität der Juden. Der Engländer liebt kein Uebermaß an Intellectualität. er hat beinahe eine gewisse Scheu vor ihr. Der Engländer will lieber nicht wissen, was er tut. Er könnte sonst leicht erfahren, daß das, was er tun will, unrecht ist, und dann würde er natürlich nichts tun. Er merkt aber ganz gut, daß der jüdische Intellect die Tragweite von Handlungen genau übersieht. Das ist dem Engländer unbehaglich, der sich gern in der Praxis nach Cromwells Worten richtet: „Niemand geht so weit wie der, der nicht weiß, wie weit er gegangen ist". — Das Geschäftsleben der Juden hat mir niemals eine Enttäuschung gebracht. Ich kann nicht dasselbe von den Engländern sagen". — Shaw nahm Anlaß, an die Polemik zu erinnern, in die er vor Jahren mit Alex Nordau gekommen war und die ihn in den Ruf gebracht hatte, nicht eben ein Judenfreund zu sein. „Ich hatte nicht den geringsten Anlaß, etwas Unfreundliches auszusprechen« Aber anscheinend leben die Juden auf dem Kontinent in einer so sensitiven Atmosphäre, daß die bloße Erwähnung des Wortes Jude als Zeichen der Mißachtung angesehen wird. Und doch beabsichtigte ich damals ein Kompliment." . . . Weiter sprach Shaw dann von jüdischer Kultur und Bibelkunde, erging sich in Betrachtungen über den religiösen Geist des Judentums, und rühmte schließlich das lebhafte Interesse des Juden für die Wissenschaft, für die schönen Künste: „Die Juden sind großmütige Unterstützer der Kunst in allen ihren Formen." . . .