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Ost und West · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 177 - 178

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
[Ohne Titel]
Date
1909-03-01
Page
Seite 177 - 178 (sequence 1)
Language
German
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177 178 REVUE DER REVUEN. Die Verfassungskämpfe in.Persien lenken die Aufmerksamkeit wieder auf die dortigen Juden, über deren Lage sich der persische General Schapral einem Redakteur des Petersburger „Fraind" gegenüber, wie folgt äußerte: „Die Perser sind den Juden nicht gut gesinnt. Teils wurde der Haß gegen diese im Volke geschürt, zum Teile aber sind sie auch selbst an ihrer traurigen Lage schuld. Sie leben zu sehr abgesondert von ihrer Umgebung. Wird die Freiheitsbewegung siegen, und sie wird schließlich siegen, dann wird es auch den Juden besser gehen. Selbstverständlich sind unter den Freiheitskämpfern viele Juden. . . ." Daß die Juden, wie überall, auch in Persien in der ersten Reihe der Freiheitskämpfer stehen, überrascht nicht; weniger selbstverständlich erscheint es uns, nach den bisherigen anderweitigen Erfahrungen, daß sie hierfür späterhin den Lohn eines besseren Daseins genießen werden. * * * An Gogols unsterbliche Satyren wird man erinnert, liest man von den Rekrutenaushebungen in Rußland, die ein besonderes Leidenskapitel der Juden darstellen. Bekanntlich wird in Rußland von den Eltern oder von sonstigen auch noch so entfernten Anverwandten eines Juden, der sich nicht zum Militärdienst gestellt hat, eine Geldstrafe von 300 Rubel erhoben. Da die Beamten sehr daran interessiert sind, solche Deserteure ausfindig zu machen, so erklärt sich leicht die bisweilen verhältnismäßig hoch angegebene Ziffer jüdischer ,,Deserteure". Mit wie großer Sorgfalt bei diesem Herumschnüffeln in den Familienangelegenheiten der Juden verfahren wird, ergibtsich aus folgender tragikomischen Geschichte: In Kamenez-Podolsk erhielt ein Jude, namens Steinberg, plötzlich die Aufforderung, eine Strafe von 300 Rubel zu bezahlen, weil sein verstorbener Sohn, namens Henne Judith (!), der im Jahre 1906 das Alter von 21 Jahren erreichen sollte, sich nicht zum Militärdienst gemeldet hätte. Alle Beweise, die Herr Steinberg, seine Verwandten und Bekannten den Behörden lieferten, daß Henne Judith erstens kein Sohn, sondern eine Tochter gewesen sei, was doch schon aus den weiblichen Vornamen hervorgehe, und zweitens, daß die Tochter bereits vor Jahren gestorben sei, blieben erfolglos. Und Herr Steinberg muß die 300 Rubel bezahlen, entweder weil der Beamte nicht weiß, daß Henne Judith weibliche Vornamen sind, oder weil er nicht glaubt, daß sie bereits gestorben, oder weil er — gerade dringend 300 Rubel braucht, und weil Herr Steinberg zu seinem Glück (zu dem des Beamten, natürlich) Jude ist! . . . Denn was ein echter Russe ist, der kann den Juden wohl nicht leiden, doch seine Rubel nimmt er gern! . . . Wie unendlich traurig d i e La ge der russischen Juden noch immer ist, beweist ein Brief Nachdruck verboten. aus einer russischen Stadt, den wir in der „Österreichischen Wochenschrift" finden. Es werden die mörderischen Umtriebe des „Verbands der echt russischen Leute" geschildert, seine barbarische Unterdrückung friedlicher jüdischer Einwohner. Dann heißt es u. a.: „Da wir das Recht haben, hier zu wohnen, so erklärt man uns für Revolutionäre und denunziert uns. Die Folge davon ist, daß die Polizei uns ins Gefängnis setzt und erst nach längerer Marter entläßt. Dann bleibt man unter Polizeiaufsicht wie ein Verbrecher, wohin man auch kommt. Von den sechs zuletzt Denunzierten ist keiner ein Revolutionär. Vier von ihnen sitzen jetzt zu Hause, haben keine Pässe, ihre Angehörigen sterben vor Hunger. Man hat bei vielen Familien Haussuchungen vorgenommen. Obwohl man nun gar nichts gefunden hat, hat man doch zwei Männer ins Gefängnis geworfen. Man sagt, es werden noch mehr Verhaftungen vorgenommen werden. An der Börse muß man tun, was der Verkäufer verlangt. Einem, der sich nicht gleich fügte, hat man auf der Polizei gedroht, er würde binnen 24 Stunden ausgewiesen werden. Von hier fliehen kann man nicht. Wer abreist, gilt für „geflüchtet". Das ist hinreichender Beweis, daß er ein Verbrecher ist. Er kann überall, wo er sich aufhält, verhaftet werden. Der Gouverneur soll ein gewissenhafter Mann sein, doch vertraut er dem Isprawnik (Polizeichef) zuviel. Es ist ganz unmöglich, daß dieser nicht weiß, daß wir keine Revolutionäre sind. Es muß also eine Organisation auf ihn einwirken, die uns nach und nach ruinieren und erwürgen will. Unsere Lage ist verzweifelt. Wir wissen keinen Ausweg aus dieser Hölle." * * * Die Taufbewegung hat in Österreich-Ungarn an Umfang gewonnen. Besonders in Wien, Prag und Budapest mehren sich die Austritte aus dem Judentum, und die vielseitigsten Vermutungen über die Ursache dieser Judentaufen werden laut. Jüngst sprach der bekannte Wiener Schriftsteller Felix Saiten in Prag über das Thema ,,Der Abfall vom Judentum". Saiten, ein geistvoller Causeur, sagte unter anderm: „Ich habe einen Freund, der getauft ist. Das darf Sie nicht wundern, denn heute hat jeder einen Freund, der getauft ist. So oft wir beisammen sind und irgendwie diese ruhmvolle Angelegenheit in seinem Leben gestreift wird, empfindet er, daß ich es nicht verwunden habe. Auch wenn ich nicht darüber spreche, merkt er es. Dann lächelt er und sagt: ,,Wie kann man ein moderner, aufgeklärter Mensch sein und sich vor der Taufe entsetzen?" Und da muß ich immer antworten: „Wie kann man ein moderner und aufgeklärter Mensch sein und sich taufen lassen?" Und darüber reden wir seit Jahren, ohne einig zu werden.'' * * * Die jüdische Presse aller Länder beschäftigte sich in den letzten Wochen vornehmlich mit der

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