Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Die Heimreise zum Passah-Fest
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 173 - 174 (sequence 4)
- Language
- German
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173 Scholaum Aleichem: Die Heimreiße zum Passah-Fest. 174 Es war eine schwere Nacht, die Fischel in des Fährmanns Stübchen verbrachte. Auf solche Nächte wollte er für alle Zukunft gern verzichten. Der Morgen kam, und ein mildes Lächeln sank von der fröhlichen Sonne zur Tiefe. Eine milde Wärme durchwallte den Tag, dass der letzte Schnee zu einem Brei wurde. Und aus dem Brei wurde Wasser; und das Wasser ergoss sich in den Bug. Und der Bug stieg immer höher, und mächtig brausten die Wellen zu Tal. Und immer seltener wurden jene gewaltigen Eisschollen, die wie unheimliche Tiere aussehen, wie grauweisse Elefanten, die sich jagen, hasten und stürmen, als hätten sie absolut keine Zeit. Fischel sagte seine Gebete zu Ende, nahm ein Stück Brot — den letzten Bissen vom „Ungesäuerten" — den er noch bei sich hatte. Dann ging er hinaus zum Fluss. Man müsste doch sehen, wie's mit der Fähre stand. Aber wie erschrak er, als ihm Prokop sagte, vor Sonntag nachmittag sei an die Ueberfahrt nicht zu denken. Alle Glieder bebten ihm. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und fing an böse auf Prokop zu schelten, zur Hälfte auf russisch, zur Hälfte auf hebräisch und den Rest mit den Händen: Warum hatte er ihm gestern Hoffnung gemacht, dass man hinüberkäme? Prokop verlor seine Kaltblütigkeit nicht. Ich habe nichts von der Fähre gesagt. Nur vom 'rüberbringen habe ich gesprochen. Und 'rüberbringen kann ich Euch, mein Lieber, mit einem Schiff, mit einem Kahn. Ein paar Kopeken mehr wirds schon kosten. „Meinethalben ein Schiff. Meinethalben ein Kahn. Nur hier draussen will ich am Feiertag nicht bleiben." Also sprach Fischel. Und er war sogar bereit, sofort zwei Rubel zu bezahlen. Wie immer — nur über den Fluss, und müsste er selbst sein Leben opfern für den heiligen Tag. Und er trieb den Fährmann, nur gleich das Schiff oder den Kahn zu lösen und ihn zum anderen Ufer zu bringen. Nach Chatschewate, wo Baszschewa, Frauke und Rösel schon nach ihm ausschauen. Sie stehen vielleicht schon am Ufer, dort auf jenem Berg, sehen ihn und winken mit den Händen. Aber man sieht und hört nichts, denn der Fluss ist breit, grässlich breit, breiter als je. Immer höher stieg die Sonne; hell und freundlich stand sie am blauen Himmel, da hiess Prokop Fischel in den Kahn springen. Schlimm wurde dem armen Lehrer, als er diese Worte hörte. In seinem ganzen Leben ist er noch in keinen Kahn gesprungen. Und in einem Schiff über Wasser gefahren. Sich ein wenig über den Rand neigen — und man ist erledigt. „Los! Spring in den Kahn. Wir wollen abstossen!" schrie ihm Prokop nochmals zu. Ein Ruderschlag, und er war ganz dicht am Ufer und nahm Fischel den Packen aus der Hand. Fischel hob sich ganz behutsam die Rockschösse hoch. Weiter brachte er die Vorbereitungen nicht. Er wand sich bin und her. Sollte er hineinspringen? Oder vielleicht nicht? Ein schwerer Kampf: auf der einen Seite stand Baszschewa, Frauke, Rösel, das heisse Bad, der Herrscher am Festtagtisch — auf der anderen Seite der Todesengel! Jetzt im Kahn zu fahren, war das nicht regelrechter Selbstmord? Und für Selbstmord gibts die Hölle! Warum Selbstmord? Einfach. Ein Neigen über den Rand und mit Fischel — Gott hab ihn selig — ists aus. Immer noch hielt Fischel die Rockschösse hoch und wand sich noch immer, als hätte er eine Magenkolik. D. h. es war keine Magenkolik. Es war mehr eine Kolik der Seele. Da riss dem Prokop nun endlich sein nicht gerade dünner Geduldsfaden. Er schrie den armen Lehrer an: „Einmal ausspucken (nicht zweimal) und ich fahre allein nach Chatschewate 'rüber." Wie aber Fischel der süsse Klang „Chatschewate" in die Ohren drang, da sah er wieder all seine Lieben vor sich. Und mit der Kraft der Verzweiflung fiel er in den Kahn hinein. Er fiel hinein, sag ich. Denn beim ersten schweren Tritt auf den Rand legte sich der Kahn auf die Seite. Fischel schreckt natürlich zurück. Und von diesem Ruck kam er so ganz aus der Balance, dass er lang auf den Kahnboden fiel. Ein paar Minuten vergingen, bis Fischel zu sich kam. Blass ist sein Gesicht. Die Hände zittern ihm. Und die Beine! Sein Herz aber schlug wie eine billige Weckuhr: Tik-Tik-Tak, Tik-Tik-Tak, Tak! . . . Prokop sass auf der Vorderspitze des Kahns so gemütlich, wie daheim auf einer Bank am Ofen. Ein Ruderschlag rechts, ein Ruderschlag links — und das Boot glitt über die spiegelnden Wasser. Fischel war weniger gelassen. Kunststück! Sass er überhaupt irgendwo? Es war mehr ein Hängen und Schweben im Aether als ein Sitzen auf einer Holzbank. Schaurig: eine ungeschickte Bewegung, und er fliegt auf die Seite. Ein Neigen über den Rand, und plumps liegt er im Wasser. Adieu, Fischel! (So spekuliert er.) Dabei fällt ihm ein Satz aus dem Siegessang vom Roten Meer ein: „Wie Blei versanken sie in den gewaltigen Wassern." Entsetzlicher Tod. Die Haare stellen sich ihm zu Berg. Und die Wurzeln (noch dazu) nach oben. Wirklich: nicht einmal ein jüdisches Grab soll ihn fassen? Er tut ein Gelübde. Was soll er geloben? Almosen? Woher bei seiner Armut? So gelobt er, dass er — vorausgesetzt, Gott errettet ihn — alle Nächte im Lehrhaus verbringen wird, bis er in e i n e m Jahr den ganzen Talmud durchstudiert hat . . . Diese — mehr inneren — Angelegenheiten konnten indes seine Neugier nicht unterdrücken. Wie weit mochte es wohl noch bis zum anderen Ufer sein?! Wie zum Trotz sass er nämlich Prokop mit dem Gesicht, aber Chatschewate mit der Rückseite zugewandt. Sehen konnte er also nichts. Und den Fährmann fragen, dazu fehlte ihm der nötige Schwung in der Zunge. Der Schwung könnte am Ende genügen, den Kahn auf die Seite zu legen. Und dann — adieu, Fischel. Aber Prokop kam ihm entgegen. Er sagte in dem gemütlichsten Ton: „Eine grössere Gefahr gibts nicht, als durch Eisschollen zu fahren. Man muss sich winden und drehen. Und auch mal wieder umkehren. Seht, da kommt ein mächtiger Eisblock!" Und plötzlich stoppt Prokop. Eine mächtige Scholle saust ächzend vorbei. Nie sah Fischel so ein Ungetüm und nie vernahm er solch Getöse. Ein Gott weiss, was er alles dafür gegeben hätte, wenn sie endlich am anderen Ufer wären oder selbst nur umkehrten. „— Da, seht Ihr?" ruft ihm Prokop zu und zeigte mit dem Finger auf etwas. Fischel hebt die Augen (ganz vorsichtig, versteht sich) und guckt und guckt. Sehen kann er nichts. Absolut nichts. Das heisst: nicht nichts. Er sieht nur Wasser, Wasser; Wasser ohne Ende. „— Da kommt ein Block! Man muss sich eilen. Zurück gehts nicht mehr." So sagt Prokop und mäehtig, aber gemütlich greifen seine Arme aus. Und der Kahn gleitet wie ein Fisch durch die Fluten. Ein eisiges Zittern kriecht Fischel durch alle