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Ost und West · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
Die Heimreise zum Passah-Fest
Date
1909-03-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 3)
Language
German
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171 Scholaum Aleichem: Die Heimreise zum Passah-Fest. 172 Jankel und allen Juden, bis man — mit Gottes Hilfe — in ein Dorf kam, wo man übernachten wollte. Als der Morgen graute, stand Fischel auf, betete, sagte ein paar Psalme und ass einen Bretzel. Es konnte nun weiter gehen. Er war fertig. War aber Fedor (so hiess sein Fuhrmann) nicht fertig! Das war das Unglück. Fedor hatte sich angetrunken mit einem Verwandten, gesessen und gejohlt. Natürlich schlief er den ganzen Tag. Und die ganze Nacht auch noch. Und dann machte er sich auf den Weg. — Endlich waren sie wieder auf ihrem Wagen. Und Fischel fing nun mit seinen drohenden Mahnungen wieder an and wünschte dem Fuhrmann alle bösen Geister an den Hals. Und Fischel setzte ihm immer ärger zu und hörte nicht auf mit Fragen und spitzen Worten. Halb Hebräisch, halb Russisch, und für den Rest suchte er sich mit den Händen verständlich zu machen. Fedor verstand ihn wohl. Trdtzalledem! Aber er antwortete nichts. Nicht ein Wort. Er fühlte, dass Fischel so unrecht nicht hatte. So sass er auf seinem Bock stumm wie eine Katze, bis sie am vierten Tag hinter Petschani den wilden Jankel trafen, der wieder nach Chatschewate zurückjagte, dass es nur so krachte und knackte. Das war eine bittere Nachricht, die er Fischel und dem Bauer brachte: „Ihr könnt ruhig umkehren! Nach Balta. Der Bug hat Bich losgerissen." Bei dem Worte „losgerissen" riss ein Stück von Fischeis Herzen ab. Fedor aber glaubte, dass sich Jankel wieder über ihn lustig macht. Und er fing von neuem an, Jankel mit den kräftigsten Worten zu verwünschen. Und er hörte nicht früher auf, als bis sie Donnerstag abend an den Bug kamen. Sie fuhren gleich zu Prokop Beraniuk, den Fährmann. Sie mussten wissen, wann die Fähre geht. Fedor und Prokop setzten die Schnapsflaschen an und Fischel betete „Minche". * * * Die Sonne war im Untergehen. Ihre roten Strahlen säumten die hohen Berge an den Ufern des Flusses. An den Hängen lag noch der Schnee an vielen Stellen. Und hie und da drängte schon junges Grün aus dem Erdreich. Tausend kleine Rinnsale schlängelten sich die Hänge hinab und rauschten mit lautem Plätschern in den Fluss, der wild aufschwoll von den schmelzenden Eisschollen. Denn die eisige Kälte löste sich mehr und mehr. Wie auf einem Präsentierteller lag am anderen Ufer Chatschewate. Und die Spitze des Klosters funkelte im Glänze der untergehenden Sonne wie ein angezündetes Licht. Fischel betete, zu seinem Heimatstädtchen hingewandt. Er hatte die Augen fest geschlossen und suchte die bösen Gedanken von sich zu scheuchen, die ihm durchs Hirn krochen. Baszschewa sah er mit dem neuen seidenen Umschlagtuch und Frauke mit dem Talmud. Und Röseles Zopfchen hüpfte ihm entgegen. Das köstliche Bad! Er sah sich aber auf der höchsten Stufe, allwo der heisseste Dampf emporsteigt. Und die Mazzaus. Und (— das Herz wurde ihm immer schwerer —) die Fisch', die gut gepfefferten Fisch' mit dem scharfen Meerrettig, der einem durch die Nase geht. Und die rote Rübensuppe mit der eingebrockten Mazze — ein Stück Paradies auf dieser Welt. Und all die guten Festtagsachen, die die Begehrlichkeit ersonnen. Aber je mehr Fischel versuchte die Gedanken von sich abzuschütteln, um so stürmischer drängten sie sich in seine Seele und summten um ihn wie Fliegen. Und er konnte die Weihe des Gebetes nicht finden! Fischel — die Fisch*, die Fisch'! . . . Nun er das Gebet gesprochen, wandte sich Fischel zum Fährmann und fing mit ihm ein Gespräch an. Von wegen der Fähre. Und von wegen des nahen Festes. Und er liess durchblicken (halb auf hebräisch, halb auf russisch und den Rest mit den Händen), was für ein hoher Festtag Passah bei den Juden ist, und was es heisst, wenn der Rüstetag des Passah auf den Sabbath fällt, und dass — wenn er nicht etwa, um Gottes willen, morgen zeitig über den Bug kommt — er, Fischel, verloren ist. Ganz und gar verloren! Denn daheim blicken sie in Sehnsucht nach ihm aus, sein Weib und seine Kinder (und dabei musste er so schwer seufzen, als wäre ihm ein Stück von seinem Herzen abgerissen). Und er dürfte acht Tage — acht Tage — nichts essen und nichts trinken. Und wenn es sein Tod wäre. (Da musste sich Fischel abwenden. Man sollte die Tränen nicht sehen, die ihm heiss in den Augen standen.) Prokop begriff die Lage des armen Fischel wohl. Ja. morgen ist Feiertag. Er kennt sogar seinen Namen. Er weiss, dass die Juden dann Wein trinken und starken Schnaps. Er weiss sogar, dass es noch ein jüdisches Fest gibt, an dem man Schnaps trinken muss: Purim. Und er weiss sogar, dass es ein Fest gibt, an dem die Juden sich betrinken müssen. Ein wunderbarer Feiertag! Leider hat Prokop den Namen vergessen . . . „Alles schön und gut — sagt Fischel und in seiner Stimme liegt ein Weinen — was wird nun aber mit meinem Feste sein. Vielleicht, dass morgen . . . um Gottes willen . . . ich wage es nicht auszusprechen . . . Die Stunde möchte ich nicht erleben . . . Prokop antwortete nichts darauf. Er wies nur mit der Hand auf den Fluss. Wie einer, der sagen will: Sieh selbst, was da vorgeht . . . Und Fischel starrte zum Flusse: ein furchtbarer Anblick. Und furchtbar, wie er es nie gehört, war das brausende Getöse des rasenden Stromes. Was hatte er, Fischel, von der Welt draussen überhaupt gesehen? Es war ja immer nur flüchtig, so nebenher, wenn er von der Schule in das Talmudlehrhaus, vom Lehrhaus in die Schule eilte. Der blaue Bug in seiner Schönheit, die hochragenden Berge an seinen Ufern, das Rauschen der Rinnsale, die sich von den Höhen herabschlängeln, die brennenden Farben des Sonnenunterganges, in dessen Widerschein das Kloster leuchtete, der frische Spätwinterhauch, und dann sein Heimatdorf, nah zum Greifen und doch so schrecklich fern — die Gewalt dieser Eindrücke hob ihn wie auf Flügeln empor und führte ihn in eine bunte Welt der Phantasien, dass über den Fluss zu kommen ihm so einfach schien, wie eine Prise Tabak, vorausgesetzt, dass der liebe Gott sich nur entschliessen wollte, ein Wunder zu tun . . . Solche Gedanken und Träume wallten in Fischeis Hirn und vermehrten sich in unheimlicher Fruchtbarkeit. Er vergass sich und die Welt umher. Weit über Wolken schwebten seine Gedanken. Er sah die Himmel offen; und ein Jubel war in ihm ob der Grösse des Schöpfers, ob der Schönheit der Schöpfung. Tiefe Nacht lagerte schon über dem Gelände und Sternlein funkelten höhnisch von der FXTi * * *

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