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Ost und West · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 175 - 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
Die Heimreise zum Passah-Fest
Date
1909-03-01
Page
Seite 175 - 176 (sequence 5)
Language
German
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175 Scholaum Aleichem: Die Heimreise zum Passah-Fesk 176 Glieder. Er möchte gern reden. Aber er hat Angst. So fängt also der Fährmann wieder an: „Wenn wir nicht eine Sekunde früher durch sind, dann ists böse.*' Da kann sich Fischel nicht mehr halten, und mit Todesverachtung fragt er: „Was ist böse, sagt!" „— Böse heisst: Wir sind verloren!" sagt Prokop. „Verloren?" „Verloren!" „Noch einmal! Was heisst: „verloren"?" fragt Fischel. „Verloren heisst: der Eisblock wird uns zerreiben." „Zerreiben?" „Zerreiben!" Den Sinn der Worte begreift Fischel noch immer nicht: Verloren. Zerreiben. Aber er fühlt, diese Worte klingen so nach jener Welt. Ein kalter Schweiss dringt ihm aus allen Poren. Und noch einmal schiebt sich jener Satz aus dem Siegessang vom Roten Meer vor seine Seele: „Wie Blei versanken sie in den gewaltigen Wassern." Da erzählt ihm Prokop — zu seiner Beruhigung! — eine Geschichte aus früheren Jahren. Es war auch eine Zeit wie jetzt. Der Bug war über die Ufer getreten. Die Fähre konnte nicht gehen. Und da war ein Steuererheber gekommen von Uman, ein feiner Mann, dem es auf paar Rubel nicht ankam. „Teufel, hatten wir da eine Geschichte mit zwei furchtbaren Eisblöcken. Ich wollte zwischendurchfahren. Da gabs einen Stoss. Und — bautz! — lagen wir im Wasser. Wahres Glück, dass ich schwimmen kann. Der Steuererheber ist dabei kaput gegangen. Mein Pech: ich bin dabei noch um den Rubel gekommen." Ein Rubel verloren! Prokop seufzte, als er seine schöne Geschichte schloss . . . Schöne Geschichte. Fischel bekam eine Gänsehaut dabei. Seine Kehle war wie vertrocknet. Nicht ein Wort, nicht einen Pips konnte er herausbringen. Als sie gerade mitten auf dem Flusse waren, beim besten Fahren, zog Prokop plötzlich die Ruder ein und blickte so flussaufwärts. Dann holte er sich aus dem tiefsten Winkel seiner Tasche eine Flasche. Zwei, drei Schluck — kräftige! — und er steckte die wesentlich erleichterte Flasche wieder in die Tasche zurück. „Ja, zwei, drei Tropfen vom „Bittern" muss ich auf dem Wasser immer nehmen; sonst wird mir schlecht," sagte Prokop wie entschuldigend. Dann aber griff er nach den Rudern, blickte wieder flussaufwärts: „Nun müssen wir aber machen, dass wir ausrücken!" Was heisst: ausrücken? Vor wem ausrücken?" so fragte Fischel. Das heisst: so hätte er gern fragen wollen, wenn er sich getraut hätte zu reden. Prokop hatte sich auf die Knie gestellt und sich mit aller Kraft gegen die Ruder gestemmt: „Legt euch schnell auf den Boden!" Sich lang legen — Fischel Hess sich das nicht zweimal sagen. Von der Ferne sah er eine ganze Schwadron Eisblöcke auf sie zuschwimmen. Ein Weltall aus Eis. Und schnell schloss er die Augen, warf sich mit dem Bauch auf den Schiffsboden — zitternd wie ein Lämmlein und sagte die Sterbegebete. „Nicht einmal ein jüdisches Begräbnis!" Er sah sich tief unten am Grunde des Wassers. Da, da kommt ein grosser Fisch und verschlingt ihn, wie einst den Propheten Jona, als er nach Tarsis floh. Das Gebet der Propheten kommt ihm in den Sinn und er singt es leise, und die Tränen rieseln und rieseln: „Die Wasser haben mich gepackt bis in die Seele. Der Abgrund umgibt mich ganz." So singt Fischel, der Lehrer, still vor sich hin, und die Tränen rieseln. „Arme Baszschewa. Eine Witwe wirst du und Waise werden die Kinder sein." Kraftig arbeitet Prokop und singt sich so wohlgemut, als wäre er daheim, ein Liedchen dabei: Ach, ihr Dohlen, Ach, ihr schwarz beflügelte Schwarz beflügelte! Und Fischeis flehender Singsang und Prokops Liedchen fliessen ineinander zu einem seltsamen Duett, wie ihn der Bug wohl nie gehört hat. Wenigstens solange er Bug heisst . . . Seltsame Gedanken schwirrten durch Prokopens Schädel. Um sie aber in ihrem Laufe nicht zu hemmen, holte er aus dem Abgrund seiner Tasche den „Bittem" hervor und machte ein, zwei (wahrscheinlich drei) kräftige Züge und kaute dazu ein paar schwarze ganze Pfefferkörner. „Was hat dieser Jude nur für Angst vor dem Tode? Dies arme Würmchen, elend und abgerissen. Nicht ein Brett vom meinem Kahn geb ich für den ganzen Kerl, und zittert so vor dem Tod . . ." Dabei gibt er dem zitternden Wurm einen Tritt mit dem Absatz. Und lacht sich eins. Fischel aber hört nichts: Fischel betet, Fischel sagt das Sündenbekenntnis des Sterbenden, sagt Kaddisch nach seiner eigenen Seele und sinnt über ein jüdisches Begräbnis nach ... „Steh auf, dummer Rabbi. Wir sind schon in Chat schewate!" Also schreit Prokop und weckt Fischel wie aus tiefem Schlaf. Und Fischel hebt den Kopf, behutsam, vorsichtiglich und blickt mit verweinten roten Augen um sich: „Chatschewate? ....?...?" „Ja, Chatschewate! Gebt schon den halben Rubel.44 Fischel kriecht aus dem Kahn. Wirklich daheim?! Wa* sollte er jetzt tun? Er wusste es nicht. Nach Haus laufen Oder tanzen? Oder erst dem lieben Gott danken, der ihn aus schwerer Not gerettet? Er bezahlt den Fährlohn, nimmt sein Päckel unter den Arm und fängt an zu laufen, zu laufen. Plötzlich aber bleibt er stehen und wendet sich zum Fährmann: „Hör nur. liebster Prokop. Morgen kommst du auf ein Glas Brannt wein und gute Fisch zu Fischel, dem Lehrer. Du hörst?' Und im Vorgeschmack der künftigen Branntwein wonnen läuft Prokop das — Wasser im Munde zw sammen.---- Als Fischel daheim ankam, fragte ihn Baszschewa (— und ein seltsames Feuer glühte in ihrem Gesicht —): „Was machst du?" Und er antwortete: „Was machst d u?" Fragt sie: „Warum so spät?" Sagt er: „Ein Wunder des Himmels. Für die Errettung muss man beten" ... Sonst kein Wort . . . Weiter konnte er nichts erzählen Denn es war keine Zeit mehr. Nicht einmal Frauke könnt« er überhören, wie weit er im Talmud war ... Er gab Röseln das Geschenk, Baszschewa den seidenen Umhang. Die sonstigen Begrüssungszeremonien verlegte er auf später. Noch musste er ins Bad. Kaum dass ers schaffte. Und im Badhaus erzählte er nichts. Absolut nichts. Alles für später. Nur eines sagte er wieder und wieder: Ein Wunder des Himmels . . . für Errettung beten . . . Gott hilft den Menschen . . . Ein Wunder des Himmels . . . Gelobt sei der heilige Name." Und er nahm Frauke an die Hand und eilte ins Bethaus.

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