Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Die Heimreise zum Passah-Fest
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 2)
- Language
- German
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169 Scholaum Aleichem: Die Heimreise zum Passah-Fest. 170 Chatschewater Burschen, die sich über die ganze Welt und nun gar über Fischel, den Lehrer, lustig machen und ihren Schabernack treiben, haben die Nachricht verbreitet, dass Fischel einmal zum Passah seinem Weibe die folgende Depesche geschickt hat: Schulrekruten gesammelt, Geld ist da, mach Kugel, ich reise, um meine Herrschaft anzutreten. Diese Depesche, erzählen die Spötter, hat man in Balta auf dem Postamt festgehalten. Bei Baszschewa wurde eine Haussuchung gehalten, aber gar nichts gefunden; und Fischel wurde, weiss Gott, per Etappe nach Hause geführt. Verdächtige Depesche! Aber ich kann auf Ehre und Gewissen versichern: alles ist Lug und Trug. Erstens hat Fischel in seinem ganzen Leben keine Depesche geschickt, zweitens hat man bei Baszschewa keine Haussuchung gemacht, und drittens hat man Fischel niemals per Etappe nach Haus geführt. . . . Das heisst, per Etappe hat man ihn tatsächlich einmal fortgeführt, nur war es nicht von Balta, sondern von Jehupitz, und es war nicht im Frühling zur Vorpassahzeit, sondern mitten im Sommer. Das war nämlich so gekommen. Er wollte sich in Jehupitz Schüler suchen, und hatte vergessen, sich einen Pass zu nehmen. Denn er meinte, es sei wie in Balta. Ach, ist er hineingefallen! Die spätesten Generationen hat er beschworen, sich in Jehupitz niemals Schüler zu suchen. Seit jener Zeit fährt er nach Balta, um dort zu unterrichten. Und wenn das Passahfest naht, sucht er beizeiten fertig zu werden und fängt an, sich rechtzeitig vorzubereiten, um wenigstens noch den Sabbath vor dem Feste daheim zu sein. Doch wann ist ihm dieser Plan geglückt? Dann muss der Weg wirklich ein Weg sein, man muss einen Wagen bekommen, man muss über den Bug kommen können, entweder über das Eis oder mit einer Fähre. Wie ists aber zum Beispiel, wenn der Schnee zu schmelzen beginnt und man im Schmutz versinkt? Ein Wagen ist nicht zu haben, der Bug ist voll reissenden Wassers, die Fähre geht noch nicht, und mit einem Kahn zu fahren, ist gar so gefährlich. Und das Fest rückt einem auf den Leib — ja, was tut man dann? . . . Ja, das ist ebenso, wie wenn man am Freitag von Machnifke nach Berditschew, oder von Sochatschew nach Warschau in finsterer Nacht einen Berg hinauffährt — der Regen fällt in Strömen, und man stirbt fast vor Hunger und es bricht noch eine Wagenachse. Was macht man da? Wahrlich, das ist nicht gut. Was ist da weiter zu reden? . . . Und Fischel, der Lehrer, kennt den Geschmack dieses ,,es ist nicht gut" nur zu genau. Was hat er nicht schon alles erfahren und gelitten in seinem Leben, seitdem er ein Lehrer ist und von Chatschewate nach Balta fährt und von Balta nach Chatschewate! Alles hat er schon durchkosten müssen! Den halben Weg zu Fuss gehen und helfen, den Wagen schieben. Er hat die Wonne schon ausgekostet, mit einem Pfaffen zusammen im Schmutz zu liegen (der Pfaffe lag oben — natürlich! — und er unten.) Er hat schon vor einem Rudel Wölfe flüchten müssen, die von Chatschewate bis Petschane hinter dem Wagen herliefen, bis sich schliesslich die Wölfe als ganz gewöhnliche Hunde zu erkennen gaben. Was hat er alles leiden müssen auf diesen Heimreisen? Aber diesmal fürwahr, das war schon das ärgste. Das Unheil kam vom Bug. Das Eis war zu spät geschmolzen (d. h. zu spät für Fischel) und der Fluss war über die Ufer getreten gerade zu der Zeit, als Fischel, der Lehrer, nach Hause eilte. Und er hatte sich sehr beeilt, denn es war Freitag — vor Sabbath und vor Passah. . ,. . In diesem Jahre fiel der Rüstetag des Passah gerade auf den Sabbath. * * * Zum Bug hatte ihn ein christlicher Fuhrmann gebracht — Donnerstag abend. Das heisst nach seiner Rechnung sollte er Dienstag früh ankommen; denn aus Balta ist er Sonntag nach dem Markt herausgefahren. Aber ein böser Geist hat ihn auf den Markt getrieben und ihn nach einem Wagen suchen „lassen, so per Gelegenheit. O, wäre er doch mit dem wilden Jankel gefahren (einem Baltaer Fuhrmann), und wäre es auch nur rücklings auf dem Wagen, die Füsse herabbaumelnd, bis ihm das Herz aus dem Leibe gerüttelt würde. Es wäre besser gewesen. Er wäre längst daheim und hätte längst die schöne Reise vergessen. Aber er wollte eben billig fahren. Und das ist doch schon die alte Regel: alles Billige ist teuer. Jona, der Trinker, der in Balta die Fuhren vermittelt, hatte ihm aber gesagt: Folgt mir, mein lieber Vetter! Gebt lieber zwei Rubel, dann könnt Ihr bei Jankel im Wagen sitzen direkt wie ein Fürst. ... Bedenkt, ihr spielt mit dem Feuer! Der Sabbath ist bald da. Aber wem das Unglück beschert ist, den triffts: Muss er gerade einen bekannten Bauer aus Chatschewate treffen. — „Hört nur, Rabbi, wollen wir nicht nach Chatschewate fahren?" — — ,,Gut! Wieviel wird das kosten? Zum Beispiel? Denn nach dem Preise zu fragen, das schien ihm wichtig. Aber ob er ihn auch zu Passah nach Haus bringen würde, auf den Gedanken ist Fischel nicht gekommen. Denn er dachte sich: Wenn man sogar zu Fuss hinterm Wagen gehen müsste von Balta bis Chatschewate, mit ganz kleinen Schritten, müsste man doch in einer Woche zum Feste nach Hause kommen. Sie hatten kaum das Städtchen hinter sich, da packte Fischel die Reue. Gewiss, er war nur ganz allein auf dem Wagen. . . . Wie ein Graf. Aber er merkte deutlich, wenn die Schindmähre weiter sich so hinschleppte, dann würde er nicht weit kommen. Man fuhr und fuhr und fuhr einen ganzen Tag und kam nicht vom Fleck. Und so oft er den Fuhrmann fragte, obs noch weit ist, — der Fuhrmann brummte nur unverständliche Worte, ein: Gott weiss! Und es war schon Abend, da jagte, dass es krachte und knackte und pfiff, der wilde Jankel mit seinen vier feurigen Rossen heran. Die Glöcklein klangen, der Wagen war voller Menschen; vorn und hinten sassen sie. Und als Jankel den Lehrer in dem Klapperkasten sah, da knallte er mit der Peitsche durch die Luft und fluchte und lachte (— wie versteht er das! —). Und als er vorbeifuhr, rief er dem Fuhrmann höhnend zu: ,,Menschenkind! Bei dir ist ein Rad los." Prrr . . . Der Kasten stand stille. Fischel und der Bauer kletterten beide vom Wagen herunter, guckten und suchten, krochen unter den Wagen, untersuchten die Speichen, suchten und suchten — und fanden nichts! Jankel hatte ihn angeführt. Das begriff nun der Bauer, kratzte sich wütend den Schädel und fing an so grimmig auf die Juden zu schimpfen, dass Fischel angst und bange wurde. Und er wurde immer wütender, und sein Schreien wurde zum Gebrüll. So gings ein gutes Weilchen. Und auch, als er schon wieder auf dem Wagen war, konnte sich der Bauer immer noch nicht beruhigen. Und fluchte immer weiter dem wilden