Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Londoner Bilder
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Max Schacherl: Londoner Bilder. 166 verrät er mir seinen heissesten Wunsch: er will an die „Stock Exchange4* kommen, dort will er von früh morgens bis spät abends arbeiten, um reich zu werden . . . Dieser kleine Junge vor mir sieht so aus, als wurde er seinen Wünschen den Weg bahnen können. Der Kleine ist ein guter Geschäftsmann, das „Interview" kostete einen halben Penny. Billiger erkläite er es nicht machen zu können . . . Dann fand ich in dem dichten Nebel nur mühsam den Weg aus Whitechapel, am Hundstich vorüber, wo ein schwunghafter Handel mit abgelegten Kleidern betrieben wird, wo Krämerladen an Krämerladen sich reiht und gestikulierende Gruppen die Geschäftschancen erörtern . . . Abends am Pieadilly im dichtesten Gewühle, links und rechts flanierende, flirtende männliche und weibliche Müssiggänger. An einer Strassenecke entsteht plötzlich eine Menschenansammlung, und eine laute Stimme wird vernehmbar. Der Prediger irgend einer Sekte, wie sie sich hier zu Hunderten finden, hält eine Agitationspredigt. Er steht inmitten des Fahrweges, unbekümmert um die vorüberrasenden Gefährte, gleichsam ein lebendiges religiöses Verkehrshindernis. Aus dem Auditorium werden Zwischenrufe laut, man opponiert den Worten des Predigers. Da ist ein junger, hochaufgeschossener Bursche unter der Menge, dem es Spass macht, den Redner mit Zwischeni£,r . f ,:.f ■ m /'; :* . ' ••'•'J: >•. "V * . t mv : i RUDOLF MARCUSE. „Frost" rufen zu unterbrechen. Der aber fängt jedes Wort auf, dreht und wendet es nach seinem Sinne und wirft es dem jungen Menschen zurück. Dieser verliert nichts von seinem Gleichmut und verulkt die Situation. Jetzt spielt der fanatische Wanderprediger seinen letzten Trumpf aus, leidenschaftlich und begeistert: „Und was würdest du tun", kreischt er errest, „wenn heute Jesus Christus zur Erde käme!? . . « Ti iumphierend blickt er im Kreise umher. Der junge Mensch gibt mit einer nicht misszuverstehenden Geste zu erkennen, dass er auch in diesem unwahrscheinlichen Falle nichts von seiner unerschütterlichen Ruhe einbüssen würde. Ueber soviel Gottlosigkeit ist der fromme Mann derart entsetzt , dass er sich in eine andere Strasse begibt ... Die Tätigkeit dieser Strassenprediger erstreckt sich auch auf andere Gebiete, vornehmlich ist es die Mis- * sionstätigkeit, der sie obliegen. Ich habe mit Vergnügen erlebt, wie diese Wanderprediger aus den Strassen von Whitechapel flüchteten, weil sie heiser und um Argumente verlegen, dem brausenden Redestrom und der scharfsinnigen Dialektik eines kleinen jüdischen Männchens nicht folgen konnten. Vor kurzem konnte die „Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden" ihr hundertjähriges Jubiläum feiern. Bei dieser Gelegenheit erfuhr __ man, dass diese Gesellschaft bereits sechzig Millionen Mark für ihre Zwecke ausgegeben BERLIN, babe. Diesem grossa» tigen Gehaben fehlen auch die komischen Lichter nicht. Häufig W-'?! ' •:.//■* : i RUDOLF MARCÜSE. BERLIN. Junge mit Katzen.