Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Londoner Bilder
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 4)
- Language
- German
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167 Max, Schacherl: Londoner Bilder. 168 genug kommt es vor, dass die edlen Bekehrer gehörig ausgebeutet werden und ihnen dann das Schäflein verloren geht. Da feiert dann einer mit diesem frommen Gelde das Fest des Auszuges der Juden aus Aegypten. Genaue Berechnung ergab, dass sich die Kosten der Missionsgesellschaft „pro Seele" auf tausend Pfund Sterling (d. i. 20500 Mk.) beläuft. Die englische Presse aller Richtungen fordert nun ausnahmslos, dass diese Gesellschaften ihre Tätigkeit einstellen. Hier wird der Verhungernde schwer ein Stückchen Brot finden — eine Bibel bekommt er an jeder Strassenecke. * * # Man könnte lange durch diese Strassen, Wochen und Monde durch diese Riesenstadt schreiten und käme noch lange nicht zu einem restlosen Eindruck. Hier pulsiert so vielgestaltiges Leben, tobt der Daseinskampf in so gigantischen Formen, dass es lange, lange dauert, ehe man mit den Dingen Fühlung gewinnt. Man müsste inmitten dieser Menschen leben, im Kreise der Tories, im Kreise der Whigs, im Heere des Proletariats. Die Resultate von Tage und Wochen können nur Momentaufnahmen gleichen; das Verständnis und der Ausdruck des geistigen Lebens könnte die Retouche sein. Aber Dinge gibt es, die zum Gegenständlichen werden, die sich zu festen, nachwirkenden Eindrücken verdichten. Wer die Stellung und das ungebundene Leben der Juden in England sieht, weiss: dieses ist ein freies Landl Hier gelangt man nicht vom Patriotismus zum Antisemitismus, Christ und Jude dürfen es mit den gleichen Gefühlen singen: God save the Kingl Selten zersplittert sich das vielgeübte Werk der Charitas in konfessionellen Spezialis tuen. Da gibt es eine „Jewish Free School", die einstmals von humanen Juden begründet, heute aus Staatsmitteln erhalten wird. Man denke: dreitausend arme Judenkinder werden hier unterrichtet und gespeist. Und der englische Staat trägt die Lasten! Daist die berühmte „Toynbee-Hall", von Juden und Christen erhalten und geleitet. Das sind nur kleine Beispiele; aber bezeichnend für den englischen Geist, für den Geist einer alles versöhnenden Toleranz. So kommt es, dass der lebhafte Jude des Ostens in diesem nüchternen Milieu sich wohl fühlt. Dankbarkeit lebt in ihm für dieses Land, für seine Bewohner. DIE HEIMREISE ZUM PASSAH-FEST. Von Scholaum Aleichem. Pünktlich wie eine Uhr fährt Fischel zweimal im Jahre von Balta nach Chaschtewate heim zu seinem Weibe und den Kindern: zu Passah und zum Laubhüttenfest. Das war schon sein Los im Leben, immer nur ein Gast zu sein in seiner Familie. Fürwahr ein willkommener Gast! Aber nur auf wenige Tage. Ging das Fest von dannen, dann ging auch Fischel wieder fort. Nach Balta. Zurück zum Unterricht, zurück zum Kantschu, zur Gemara, zu den groben Bubenköpfen. Ewiges Wanderleben. Wieder hinaus in die Fremde und — in die stille Heimatsehnsucht. Und es gibt einen Lohn. Wenn Fischel, der Lehrer, daheim ist, ist er ein König. Baszschewa, seine Frau, geht ihm entgegen, rückt sich ihr Tuch zurecht, wird rot wie Feuer. Ein paar sehnsüchtige Fragen. Aber in die Augen wagt sie nicht ihm zu sehen. „Was machst du?" Und er antwortet: „Was machst du?" Und sein Sohn Frauke, — dreizehn Jahre ist er schon — begrüsst ihn und der Vater fragt ihn: „Wie weit bist du, mein Sohn, im Lernen?" Und Röschen, sein schönes Töchterchen mit dem zierlich geflochtenen Zöpfchen, springt zu ihm heran und küsst ihn: „Was hast du mir mitgebracht, Väterchen?" ... „Stoff zu einem Kleid und für die Mutter ein seidenes Umschlagetuch. . . . Hier, gibs der Mutter." Und Fischel nimmt aus seinem Tallisbeutel ein neues, seidenes Tuch (vielleicht ist es nur halbseiden). Und Baszschewa wird noch röter, rückt sich züchtig das Tuch noch tiefer über die Augen, macht sich bald allerlei zu schaffen in der Stube und bleibt dann an einer Stelle starr stehen. „Gib mal den Talmud her, Frauke! Wo hältst du? Ich will dich überhören." Und Fischel fragt ihn ab und sein Herz schwillt vor Freude: Ein feiner Junge, der Frauke! Ein fleissiges, begabtes Kind mit einem guten Gedächtnis. Der begreift — ein Juwel! —. „Wenn du ins Bad gehen willst, da liegt ein frisches Hemd!" so sagt Baszschewa und wagt noch immer nicht beim Vorübergehen ihm in die Augen zu sehen. Nachdruck verboten. Und Fischel ists dabei so wundersam wohl. Wie einem, der eben aus dem Gefängnis heimkehrt in die freie, lichtige Welt zu Lieben und Getreuen. Er denkt an das stark geheizte Bad, an die höchste Stufe, wo der heisseste Dampf hinaufwallt, und an die Weidenzweige, die auf ihn niedersausen. Hei! ist das gut! Man kann nicht genug davon bekommen. Und kommt er dann vom Bade, frisch, mit regsamen Gliedern, wie neugeboren, dann holt er sich zuerst die Bibel vor und liest den festtäglichen Wochenabschnitt, legt sich den sabbathlichen Kaftan mit dem neuen Gürtel um und sieht mit einem hastigen, verstohlenen Blick auf Baszschewa in ihrem neuen Kleide und dem seidenen Tuch. Wirklich, ein hübsches Weib, sittsam und fromm. . . . Und er geht nun mit Frauke ins Bethaus, grüsst nach allen Seiten: „Gott zum Gruss, Fischel, wie gehts?" — „Wie solls einem Lehrer gehen? Man paukt mit den Buben" — „Was gibts Neues auf der Welt?" — „Welt ist Welt" — „Was gibts in Balta" — „Balta ist Balta." . . . So gehts nun alle Jahr. Immer wieder die gleichen Fragen, die gleiche Antwort. Und wenn Nissel, der Vorbeter, zu singen beginnt, seine Stimme austoben lässt, dass sie immer stärker und stärker anschwillt, fast bis in den Himmel hinein, und wenn dann Frauke still an seines Vaters Seite steht und so andächtig betet, dann quillt die Freude aus Fischeis Herzen. Ein Jubel ist in seiner Seele: Was für ein liebes, braves, frommes Kind ist doch Frauke! Heimweg. Der Tisch ist festlich geschmückt. Die vier Becher, die bitteren Kräuter, die Eier und alle die siebzehn Dinge, die zu einem Szederabend gehören, stehen auf dem Tisch. Zwei Bänkchen mit einem grossen Kissen sind zum Herrscherthron gerichtet; und bald wird Fischel ein König sein, bald wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit niederlassen, angetan mit dem weissen Kittel. Und Baszschewa, die Königin, sitzt mit ihrem neuen Umschlagetuch neben ihm. Frauke, der Prinz, und die Prinzessin Rösele im Schmuck ihres Zöpfchens ihnen gegenüber. Respekt muss sein, Achtung! Fischel, der Lehrer, hat sich zum Herrschen hingesetzt.