Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Londoner Bilder
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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163 Max Schacherl: Londoner Bilder. 164 '■:yw;><s'-^ die Büchsenträger und sammeln das Geld ein, das von mitleidigen Passanten gespendet wird. Ich habe beobachtet, dass das ' Publikum dem Hungerzuge wenig Aufmerksamkeit schenkt, dass keiner seine Schritte hemmt, wenige sich stören liessen. Der Engländerist nicht leicht aus seiner chronischen Nüchternheit zu reisen; keine Miene verziehen sie ob des ergreifenden Aufzuges, ob dieser zerlumpten Jammergestalten, die da vorbeidefilieren. Vielleichtsind sie es gewöhnt? . . . Das aber ist ein Anblick, der immer wieder packen, immer wieder erschüttern muss. Gewöhnt! . . . Der Hunger ist eine internationale Erscheinung, ist aber nirgendwo ein so grelles Reklameschild, wie in der britischen Metropole. In jenen Zeiten, auf die wir von der stolzen Höhe der Kultur herabblicken, lag in dem R ife „panem et circenses!" mehr Selbstachtung, als in diesem nervenpeitschenden Schrei nach Bfot, inmitten von mehr als sechs Millionen Menschen, umgeben von stolzen Bauten, von Banken, die in ihren Safes Milliarden bergen ... Man wird sagen, der bewusste Proletarier wäre dessen unfähig, und das wäre zum Teile richtig. Der fortgeschrittene Arbeiter, der Sozialdemokrat, wenn man will, fordert das Recht auf Arbeit; diese Masse da fordert es auch, aber — mit der Sammelbüchse in der Hand! Englische Zeitungen haben erhoben, dass die Mehrzahl der Hunger-Marchers nicht arbeiten will, dass sie es vorzieht, nach Arbeit zu schreien. Dass sie ferner nach Verteilung der Gelder die Nacht in einer Kneipe zubringt. Was natürlich die klare Sprache statistischer Ziffern nicht widerlegen kann, die von einem entsetzlichen Elend in London zu erzählen wissen. RUDOLF MARC USE. Hamlet. BERLIN. Dieses ist das Land, in dem ein Benjamin Disraeli lebte, der als Lord Beaconsfield die Worte sprach: „Es gibt nur zwei Nationen: die Nation der Besitzenden und die der Hungernden . . Die herbe Wahrheit dieses Epigramms wird jeder gewahr, der nicht mit geschlossenen Augen durch diese Stadt geht. Im Juden viertel, in der Mitte und an der Peripherie, überall sieht man, wie Einer unbekümmert um den Anderen seinen Geschäften nachläuft, wie die Zeitungsrufer einander zu überschreien tiachten, wie sich hier die Konkurrenz im kleinsten und grössten zeigt . . . In dieser Stadt mit ihren mehr als sechs Millionen Einwohnern, die täglich durch Parias aller Nationen unerwünschten Zuwachs erhalten, ringt jeder in heissem Mühen um sein Stückchen Brot Wer kümmert sich um den, der zusammenbricht, wer bat Zeit sich zu kümmern? Durch den dichten Nebel eilen die Menschen aneinander vorüber, durch den wilden Lärm der Strasse. Jeder muss seinen Platz erobern, muss ihn verteidigen gegen hundert andere, die arbeitslos und hungernd, wie Verlassene und Ausgesetzte erscheinen. „Wer zur Welt kommt und an der Tafel der Natur nicht sein Kuvert vorfindet, muss verschwinden . . ." Malthus, der es sagte, war ein Sohn Britanniens. Und jeder von denen, die in wilder Hast durch den Nebel eilen, lebt in steter Furcht, sein Kuvert nicht vorzufinden, lebt in der Angst, verschwinden zu müssen, wie so viele, viele . . . Durch die Strassen von Whitechapel. Dichter Nebel hüllt Häuser und Menschen ein, lässt die Lichter trüber flimmern. Da sind langgestreckte breite Strassen und schmale Gässchen, hohe Mietskasernen und kleine Häuschen. Bis in die späten Nachmirtagsstunden ist in allen diesen Strassen der „Markt". Es ist nicht ein Markt wie auf Covent Garden; schon das äussere Bild und die Art des Handelns gibt ihm eine andere Gestaltung. Hier in Whitechapel ist der Jargon die Umgangssprache, ein Jargon, dem man die englischen und deutschen Lautbildangen anmerkt. In diesem Viertel von London lebt die Mehrzahl der eingewanderten Arbeiter und kleine Händler aller Kategorien. Whitechapel ist aber auch der Schlupfwinkel vieler Verbrecher. Das trübe, dunstige Milieu erinnert an ihr Handwerk. Charles Dickens hat uns in seinem „Oliver Twist" kleine Ausschnitte aus dem Leben in Whitechapel gegeben. Hier scheinen die Nebelschwaden noch dichter zu sein, als wollten sie die Oede und den Schmutz dieser Stätten mit ihrem Mantel zudecken. Aber es gibt auch hier tröstlichere Bilder. Da lallt das freundschaftliche Zusammenleben auf, der enge Verkehr zwischen Nachbar und Nachbar — für den Engländer ein Unding. Aber zwischen Juden gibt es immer eine Art von Gemeinschaft, ein bedingtes, gegenseitiges Interesse. Da draussen haben sie ein Gemeinwesen in ihrer Eigenart: Tagblätter in Jargonsprache, ja selbst Firmen- und Reklameschilder sind in Jarsronspräche abgefasst. Whitechapel hat auch eine „polyglotte Polizei", jeder Schutzmann in diesem Londoner Viertel beherrscht den Jargon. Halbwüchsige Jungen stehen in kurzen Zwischenräumen und bieten Mögliches und Unmösrliches feil. Da ist ein kleiner Junge, der mit mörderischem Geschrei seine Zeitung anbietet. Er drängt mir ein Exemplar auf, und ich benütze die Gelegenheit, den Knirps zu „interwieven". Er ist nicht so bereitwillig hierzu, wie mancher Minister. Als ich ihn frasre, ob er denn nicht etwas lernen wolle, statt Tag für Tag Zeitungen anzubieten,