Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Im Amsterdamer Ghetto
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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159 B. Guttmann: Im Amsterdamer Ghetto. 160 eines langwierigen Streites,. der meistens zu Ungunsten der Verkäuferin endigt, denn die Konkurrenz ist gross und die Kundschaft ist selten ... Das Ghetto hat seine Haupt- und Nebenstrassen. Da ist die lange Jooden-Breestraat, die ausschliesslich von Juden bewohnt ist, so lange sie überhaupt existiert. Da wird auf offener Strasse gehandelt und debattiert, hier drängt sich mit kurzen Unterbrechungen das Leben des Ghettos bis in die späten Abendstunden. Auf dem Hause Jooden-Breestraat No. 4 befindet sich eine schmucklose Gedenktafel: hier lebte Rembrandt. In dieser Strasse schuf der Unsterbliche seine unsterblichen Bilder, links und rechts fand er die Typen, den Vorwurf . . . Das Haus ist alt und grau, gebrechlich und düster . . . Ein finsterer Flur führt zu einem stillen Platz, der dem grauen Gemäuer Poesie und Romantik verleiht . . . Auf einem ruhigen, von einigen Bäumen flankiertem Platze erhebt sich die Synagoge, eines der ältesten RUDOLF MARCUSE. BERLIN. Ricordo di Roma, Bauwerke Amsterdams. Sie wurde im Jahre 1640 von den eingewanderten portugiesischen Juden erbaut und zeigt sich als einfacher Backsteinbau. Daneben gibt es noch einige kleinere Synagogen, da die Portugiesen eine eigene Gemeinde bilden, die Bevölkerung selbst aber sich aus den Juden vieler Länder zusammensetzt. Das russische Element überwiegt heute unter den Eingewanderten. Diese Ghettogässchen gleichen einander, aber jedes birgt doch seine Eigenart, die nur dem Vertrauten gewahr wird. Die Menschen zwar sind dieselben, in dieser, in jener Strasse. Sie unterscheiden sich durch nichts von denen im Londoner Whitechapel — es sind Juden ... Da und dort dasselbe Bild: dieses starre Eigenleben, die hermetische Abgeschlossenheit, die bei den kleinen Dimensionen des Amsterdamer Ghettos noch weltenferner anmutet. Da sind Häuser, auf denen der Schmutz von Jahrzehnten lagert, Strassen winkelig und krumm, Stuben ohne Licht und Luft. Da sind Existenzen ohne Basis, Menschen, die leben müssen und nicht wissen wovon; bleiche, oft vor Schmutz starrende Kinder, bettelnd und herumlungernd; Menschen, die verloren sind in dieser engen Welt, die aber festkleben, denen diese Stätte alles gibt, was sie vom Leben wollen. Und das ist wenig genug . . . Nun führt uns der Weg durch hellere, freundliche Strassen. Da ist die wunderhübsche Herrengracht, das Wohnviertel der jüdischen Patrizier, von schlanken Ulmen umsäumt. Schon der Waterloo-Plein nimmt sich heimlicher aus. Auf der linken Seite dieses Platzes steht das Häuschen, in dem Baruch Spinoza die Brillen schliff, da ist die Stube, in der er gelebt und gedacht. . . . Alt und baufällig ist das Häuschen, die Treppen knarren bei jedem Schritte, ein Geruch von Moder durchzieht den Ort . . . Die Hofräume dienen als Wagenschuppen und Pferdestall . . . Hier lebte Baruch Spinoza . . . Am Fenster einer Stube sitzt ein altes Mütterchen in weisser Haube und liest durch eine dicke Brille in einem alten Buch . . . Früher mussten die Amsterdamer Juden abgesondert wohnen. Diese Beschränkung ist schon lange aufgehoben. Aber sie bleiben in der dumpfen Luft des Ghettos, fliehen das Leben Amsterdams. Da liegt einige Schritte weit die schöne, freundliche Stadt vor ihnen, mit ihren lieblichen Grachten, ihren hellen, luftigen Gebäuden. Die Juden bleiben im Ghetto. So haben es die gehalten, die ihnen vorangingen, so halten sie es jetzt, um es die Nachkommenden zu lehren . . . Die Natur müsste sich empören, müsste diese Jammerstätten wegfegen, ehe es anders wird. Aber — schon einmal wütete der Brand in den Ghettomauern, und heute steht alles wieder da, als wäre es nie gefallen. Das ist des Juden Glück und Unglück: dieses starre Festhalten an dem Orte seiner Erinnerung, dieses demütige Beugen vor der Gefühlswucht der Tradition. Die da heranwachsen im Amsterdamer Ghetto, bekommen dieses traditionelle Leben mit als ein unver-