Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Im Amsterdamer Ghetto
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 4)
- Language
- German
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161 B. Guttmann: Im Amsterdamer Ghetto. 162 äusserliches Erbteil, das sie behüten bis an ihr Ende. Und Neue kommen . . . Wir fahren ... Da liegt sie vor uns, die schöne Stadt, hellerleuchtet und faszinierend! Yor uns breitet sich der Hafen und das Wasser schimmert von unzähligen Lichtern; der Leuchtturm ragt einer Feuersäule gleich aus der See, und der Abendwind trägt uns Schon an der Liverpool Street Station sieht man ein kleines Abbild des Völkerkonglomerats dieser Riesenstadt. Man hört so ziemlich alle Sprachen, die verschiedensten Idiome. Nicht von den Ankommenden allein, sondern mehr noch von dem Heer der Gelegenheitsarbeiter, die man in London überall, besonders an den Bahnhöfen trifft. Wenn der Expresstrain in die Halle saust, kommt der Reisende garnicht dazu, die Türe zu öffnen: wie von unsichtbaren Händen wird sie aufgerissen. Eine Stimme fragt nach unserem Gepäck, in schlechtem Englisch oder gutem Deutsch; zumeist im — Jargon . . . Denn die Juden Londons stellen einen grossen Teil der Gelegenheitsarbeiter, wie man sie hier vor den Stationen, in den Strassen der City, vor den Grossbanken trifft — oder abends in ihren Herbergen in Whitechapel. Mit sicherem Instinkt erkennt er den Glaubensgenossen in uns, und lässt nicht locker, bis wir seine Dienste angenommen haben. Sein letztes Argument ist ein pointierter Appell an die Glaubensgemeinschaft. Zu Hunderten findet man russische oder galizische Juden auf den Londoner Bahnhöfen; immer bleibt ihre Anpassungsfähigkeit erstaunlich, verwunderlich immer, wie ihnen keine Gelegenheit zu einem geringen, zum geringsten Verdienst entgeht. In jeder Weltstadt der Erde wird die törichte Behauptung widerlegt, der Jude tauge nicht zu schwerer, körperlicher Arbeit: in Warschau und New-York, in Montreal und London, an den grossen überseeischen Hafenplätzen sieht man den jüdischen Proletarier in den anstrengendsten Berufen. Im Heere der Londoner Arbeitslosen findet man nur wenige Juden; es scheint fast, als könne der verprügelte, heimatlose Jude des Ostens garnicht arbeitslos sein: er weiss dem unerfreulichsten Leben noch immer etwas abzuringen . . . Das Heer der Arbeitslosen ... In der City ein Uhr mittags. In unabsehbaren Kolonnen strömen Menschen und Wasen den Banken, der Börse zu. Eine fiebernde Atmosphäre liegt um diese Stunde über der Londoner City, eine Eile und fluchtartige Beweglichkeit, die jeden Passanten in ihren Bann zieht . . . Von der Cheapside naht ein langer, geschlossener Zug, wilde Rufe dringen herüber. Es sind die „Hunger- Marchers", die Arbeitslosen. Voran schreitet einer, die rote Fahne tragend, die in grossen Lettern den Wunsch der Hunger-Spaziergänger dem vorüberflutenden Publikum mitteilt. Von Zeit zu Zeit stellt der Fahnenträger an den Zug mit schriller, forcierter Stimme eine Frage, immer dieselbe: „Was wollt ihr Männer? . . Darauf folsrt jedesmal im Chorus die Antwort, immer dieselbe: „We want work, we want work! , . ." Arbeit wollen sie . . . „Was wollen euere Kinder? . . die Klänge einer Flöte herüber, die da unten ein melancholischer Schiffsjunge blasen mag ... Und seitwärts hebt sich ein dunkler Schatten von dem leuchtenden Bilde ab. Das ist das Ghetto, wie ein dunkler Klumpen daliegend, losgelöst von dem Ganzen ... Und die Räder singen uns eine traurige, gleichmässigre Melodie . . . Nachdruck verboten. fragt der an der Tete wieder. „Bread, Bread! . . .4i ist die brüllende, kreischende Antwort. Brot, Brot, Arbeit, Arbeit! ... In vielen anderen Viertein Londons zieht um diese Stunde ein gleicher Zug, mit dem gleichen Schrei: Arbeit, Brot, Brot!! ... So durchwandern die Arbeitslosen Tag für Tag die Strassen Londons, führen ihr Elend spazieren. Policemen flankieren den Zug, und links und rechts am Trottoir gehen RUDOLF MARCUSE. BERLIK. Miss Nettie Spencer. LONDONER BILDER. Von Max Schacherl.