Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-03-01 · Heft 3 (März 1909) · p. Seite 157 - 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 3 (März 1909)
Article
Im Amsterdamer Ghetto
Date
1909-03-01
Page
Seite 157 - 158 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583984-2599301--09146-2599363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

157 B. Guttmann: Im Amsterdamer Ghetto. 158 Fassetten, die sein Feuer in Spiralen leuchten und glitzern lassen, ihn erst zum Edelstein machen. Unermessliche Vermögen gehen so einem Diamantschleifer im Laufe der Zeit durch die Hände; er selbst bleibt der arme, verkümmerte Ghettojade, der schon am Montag, über den Edelstein gebeugt sein Hirn zermartert, wovon er Sabbath machen wird . . . Die vielen, in der Diamantschleiferei beschäftigten Frauen und Mädchen sind zumeist besser entlohnt als die Männer. Es gibt da viele komplizierte Arbeiten an kleinen Steinen, die nur von zarten, weichen Fingern besorgt werden können. Erstickend heiss ist die Luft in den Werkstätten und legt sich wie ein Alp auf die Brust; ein grelles Licht flutet durch den Raum und blendet das Auge. Und da sitzen junge Mädchen und Frauen, Tag für Tag, Jahr für Jahr . . . Hinter diesen Mauern flutet das Leben in mächtigen Strömen, wie aus weiter Ferne vernehmen sie seinen Wellenschlag, die lockende, süsse Melodie! . . . Dieses schöne, bleiche Mädchen hier, mit dem üppigen schwarzen Haar, den begehrlichen vollen Lippen und den grossen verlangenden Augen, es träumt davon ... Es möchte sich dem Leben in die Arme werfen, sich forttragen lassen von seinem Strome, weit, weit . . . irgendwohin . . . Aber die Monate und Jahre fliehen dahin, und nur ihre Träume begleiten sie. Dieses Kindes Leid ist nicht allein sein eigenes, das Leid von Generationen klagt aus seinem traurigen Blick . . . Auf dem Markte ist „Fischtag". Der ganze „Nieuve Markt" ist angefüllt mit Zelten und freien Ständern, mit Bottichen und Wagen. In englischer, holländischer und jiddischer Sprache wird hier gehandelt, um jeden Cent eine erbitterte Schlacht geschlagen. Die Juden beherrschen den Amsterdamer Markt, vornehmlich Frauen, denen halbwüchsige Kinder behilflich sind. Man muss diesem Handel zusehen, um einen Begriff von der Kleinheit dieser Verhältnisse zu bekommen. Jeder Kohlkopf wird zum Gegenstande

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.