Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Im Amsterdamer Ghetto
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 1)
- Language
- German
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155 156 IM AMSTERDAMER GHETTO. Yon B. Guttmana. Von Hoek van Holland bringt uns der Zag in zwei Stunden nach Amsterdam. An kleinen, blanken Städtchen gehts vorüber, durch Wiesen und Felder; links und rechts tauchen Häuschen auf, zierliche Gebäude, wie unabsichtlich hingestreut. Wir passieren Harleem, die schöne, saubere Blumenstadt, das zierliche, lindenumsäumte Delft, und sausen dann durch die Stadt des Friedens, Haag . . . Dann werden die Grachten breiter, die Gegend beginnt einer nur hie und da durch Wiesenflächen unterbrochenen Wasserlandschaft zu gleichen, und gleich darauf liegt der Hafen vor uns, noch eingehüllt im Morgennebel, aber schon belebt von grossen und kleinen Dampfern. Der Hafen entschwindet uns auf eine Weile, wir sind im Hauptbahnhof Amsterdam. Da ist Amsterdam, die Stadt. Im ersten Betrachten durch nichts auffallend vor vielen anderen kleinen Grossstädten und grossen Kleinstädten. Nur die sprichwörtliche Sauberkeit der Niederländer berührt sofort angenehm. Von dem lebhaften Treiben einer Hafenstadt ist aber wenig zu merken; wie die Landschaft, scheint auch das städtische Getriebe genau abgezirkelt, in bestimmte Raumverhältnisse gebracht zu sein. Der Hafen selbst bietet nicht jenes pittoresk©, lebhafte Bild, wie es in Hamburg oder Bremen den Beschauer fesselt. Das Hafenviertel an sich, die Gässchen und Häuser erregen Interesse. Von hier RUDOLF MARCUSE. BERLIN. Prof. Dr. Adolf Baginsky. Nachdruck verboten. führt uns der Weg durch stille, verlorene Strassen in die zweite Stadt Amsterdams, in das Ghetto . . . Mit einemmale verändert sich das Bild. Hier herrscht Leben und Bewegung, ein ganz eigenes Leben, eine ganz eigenartige Bewegung. Wie los^ gelöst von der Hauptstadt der Niederlande, wie losgelöst vom Lande überhaupt, mutet dieses alte Judenviertel an. Kommt man geradewegs aus London, noch betäubt von dem Wirbel und dem brausenden Leben der Siebenmillionenmetropole, dann wird einem der klaffende Gegensatz, der zwischen sechs Jahrhunderten liegen kann, in ungeahnter Weise offenbar, dann entschliesst man sich nur schwer zum Bekenntnis, dass auch dieses hier mit den ewigen Begriffen von Welt und Leben identisch ist. Das Amsterdamer Ghetto ist berühmt durch die Historie, ist berühmt durch das Elend in seinen Mauern. Vor Jahrzehnten war die Diamantschleiferei ein einträgliches Handwerk, das 30000 jüdische Arbeiter ernährte. Heute gibt es im Ghetto kaum 10 000 Diamantarbeiter, die um wahre Hungerlöhne dieser schweren Arbeit obliegen. Yon Zeit zu Zeit wagen sie einen Streik, ziehen durch die Strassen und schreien nach höheren Löhnen; dann müssen sie wieder zur Arbeit — auch wenn die Löhne nicht erhöht wurden. Denn in dieser kleinen Welt gibt es kein mutiges Yorwärtsstürmen, jedem wird sein Los, seine Bestimmung; d^r Kreis, in den er hineingeraten, hält den Menschen hier fest, dann kommen Weib und Kinder, und er wird das Ghetto nimmer verlassen, niemals . . . Feierabends geht dann so mancher, der den Durst nach dem Leben noch nicht bezwungen hat, zum Haten, liegt dort stundenlang und sieht den Dampfern nach, die mit gellendem Pfiff und flatternden Fahnen in die Welt ziehen, weit weit, . . . irgendwohin . . . Aber auch dieses Yerlangen erschlägt der Hammer der Z it, erwürgt das Elend und die Not der Tage. Dann bleibt einer hinter diesen Mauern, wie sein Grossvater und Urgrossvater geblieben, wie seine Kinder bleiben werden ... So leben 64000 Juden in Amsterdam, aber nur wenige ausserhalb des Ghettos. Die übrige Bevölkerung, die allein 630 000 Menschen ausmacht, kümmert sich nicht um die Ghettostadt, sie kennt kaum ihre Physiognomie, bestimmt nicht das Leben ihrer Einwohner. Einen Teil des Ghettovolkes trifft man tagsüber auf dem Markte oder in den Diamantschleifereien. Hermann Heijermans gab uns in seinem lebenswahren Roman „Diamantsfadt" getreue Schilderungen dieser Schleifereien. Dichtgedrängt sitzen die Arbeiter an ihren Tischen, ein gleichmässiges Surren der Handmaschinen begleitet ihre nie erlahmende Unterhaltung. Da geben sie dem leuchtenden Stein mit der Kraft ihrer Hände, mit ihrer Geschicklichkeit jene Ecken und