Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Das Moses Mendelssohn-Denkmal in Berlin
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 4)
- Language
- German
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143 Die Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals in Berlin. 144 ohne Autorität zu erkennen, und hege die kindliche Zuversicht zu seiner Allbarmherzigkeit, dass sie mir diese Kräfte habe verleihen wollen. Von diesem unwankenden Glauben gestärkt, suche ich Belehrung und Ueberzeugung, wo ich sie finde. Und Preis sei der seligmachenden Allgültigkeit meines Schöpfers, ich glaube, sie gefunden zu haben, und glaube, dass jeder sie finden könne, der mit offenen Augen sucht und sich nicht selbst das Licht verstellen will." In der wenig bekannten und doch so bedeutsamen ,,Einleitung zu Manasse ben Israels Rettung der Juden" heisst es: „Die wahre göttliche Religion masst sich keine Gewalt über Meinungen und Urteile an, gibt und nimmt keinen Anspruch auf irdische Güter, kein Recht auf Genuss, Besitz und Eigentum, kennt keine andere Macht als die Macht durch Gründe zu gewinnen, zu überzeugen und durch die Ueberzeugung glückselig zu machen. Die wahre göttliche Religion bedarf weder Arme noch Finger zu ihrem Gebrauch, sie ist lauter Geist und Herz." Und endlich eine Religion der Liebe. Sein Glaube hat etwas Kindliches. Er sagt einmal: ,,Das Argument jenes Grönländers, der mit dem Missionar an einem schönen Morgen auf dem Eisspiegel herumging, die Morgenröte zwischen dem Eisgebirge hervorblitzen sah: »Sieh Bruder, den jungen Tag, wie schön muss der sein, der dieses gemacht hat' . . . dieses Argument hat für mich noch dieselbe Kraft, wie das schlichte Argument des Psalmisten ,der das Ohr gepflanzt hat, muss doch wohl hören'." Solche Gedanken der Liebe, der Liebe der Juden zu ihrem Schöpfer, der Liebe des Schöpfers zu aDen Menschen, seien bei den Juden zu allen Zeiten gepflegt worden. König Salomon schloss in seinem erhabenen Einweihungsgebet in dem neuen Tempel auch die Ausländer (also auch die Götzendiener) ein, rief Gott an, auch sie zu erhören, „damit alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen". Und die Rabbinen der späteren Zeit erweiterten den Satz dahin, man solle auch keinen Verbrecher mit seinem Opfer abweisen, damit er Gelegenheit und Anlass zur Besserung finde. Mendelssohn aber schliesst, nachdem er darauf hingewiesen, wie die Nationen den Juden gegenüber Schonung erkennen Hessen, die sich bis zur Bruderliebe steigern könne, mit dem Satze: „Oh, meine Brüder, folgt dem Beispiel der Liebe, so wie ihr bisher dem Beispiele des Hasses gefolgt seid! Ahmet die Tugenden der Nationen nach, deren Untugend ihr bisher nachahmen zu müssen glaubtet. Wollt ihr gehegt, geduldet und von anderen verschont sein, so hegt und duldet und verschont euch untereinander. Liebet, so werdet ihr geliebt werden." Als vor nunmehr 80 Jahren in Berlin Mendelssohns 100. Geburtstag feierlieh begangen wurde, sprach Leopold Zunz die schönen Worte: „Er hatte mit dem Ungemach der Armut und der Abhängigkeit, mit der Widerspenstigkeit eines siechen Körpers, mit schwachköpfiger Verketzerung und allen anderen Plagen zu kämpfen; mit Mässigkeit unterstützte er die Körperschwäche, mit Geduld besänftigte er die Krankheit, durch Biedersinn die gerüstet n Feinde, die Liebe zur Wissenschaft liess ihn den Mangel vergessen und dem Neide ge'rot seine Demut Stillschweigen. Das Leben eines Tügendhaften ist ein bannender Zauber, der uns mit stets neuem Entzücken in seinen Kreis zurückzieht, es ist die Freude derer, die ihn kannten, der Trost der Bekümmerten, einleitender Stern in der Zeiten Nacht/4 Einen solchen Mann, keinen der führenden Genien der Menschheit, aber einen selbständig denkenden, tugendhaften, gütigen Menschen nennen wir stolz den Unseren, und weihen sein Bild zu ewigem Gedächtnis, zur Mahnung und zur Nacheiferung. Wir stellen es auf in einer stillen Strasse, die aber doch gelegentlich den Schritt des Wanderers hemmt. Wir wählen diesen Platz nahe an seinem Grabe, damit der Lebendige neben dem Toten stehe. Wir errichten es vor dieser Lehranstalt, damit es bleibe eine Freude derer, die ihn kennen, der Lehrer, die unter der Führung ihres trefflichen Meisters, Mendelssohnschen Geist besitzen und ihn ihren Schülern einprägen. Ein Trost der Bekümmerten — denn die Schüler, die diese Anstalt besuchen, entstammen nicht den begüterten Kreisen, und der jüdische Lehrer ist nun einmal zu bescheidenem Leben bestimmt — damit sie beide, Schüler und junge Lehrer, lernen, wie zähes Festhalten am Glauben, edle Betätigung der Ueberzeugung den Mann erhebt und gross macht. Ein leitender Stern in der Zeiten Nacht: dass dies Büd allen die Hoffnung gewähre, dass die Zeiten sich höhten, dass religiöser Sinn, Hochachtung des Deutschtums, Pflege schöner Menschlichkeit den wahrsten Adel verschafft und erhält. Darum sprechen wir nicht, wie Marcus Herz, im ersten grimmigen Schmerz über das Dahinscheiden des Freundes ,,da neben ihm hinzusinken und mit ihm zu entschlafen, das ist der heisseste Wunsch, den ich je gehabt und je haben werde". Sondern wir jubeln mit jenem Grönländer, den Mendelssohn verklärte: „Sieh, Bruder, den jungen Tag", und wir rufen aus mit David Friedländer, dem Lieblingsschüler des Meisters, der weniger tief als er, in einer Beziehung fast grösser zu nennen ist, weil er zum Sinne die Tat fügte: ,,Unter deinem Schatten lass mich leben". Namens des Denkmal-Comit es sprach Herr Justizrat Timendorfer was folgt: „Namens und im Auftrage des Komitees für die Errichtung eines Denkmals für Moses Mendelssohn habe ich die große Ehre, Ihnen allen, meine hochverehrten Damen und Herren, für Ihr Erscheinen bei der heutigen Feier herzlichsten Dank abzustatten. Wir begrüßen insbesondere dankbar die Vertreter der königlichen und städtischen Behörden, die Vertreter der hiesigen jüdischen Gemeinde, und die Vertreter der von uns eingeladenen Institutionen; mit ganz besonderer freudiger Genugtuung aber erfüllt uns die Anwesenheit einer so großen Anzahl Mitglieder der Familie unseres Moses Mendelssohn. Wir danken auch allen denen, die sich unserem Aufrufe angeschlossen haben, und dem Schöpfer des Denkmals, Herrn Bildhauer Marcuse. Des weiteren habe ich namens des Komitees das errichtete Denkmal den Vertretern der jüdischen Gemeinde zur liebevollen Obhut und Fürsorge zu übergeben. Die Jahreszeit bringt es mit sich, daß die Übergabe nicht am Denkmal selbst erfolgt, daß vielmehr dieses Denkmal während der Festrede enthüllt ist, und dass wir Sie bitten, nach Beendigung dieser Feier es in Augenschein nehmen zu wollen. Sie werden ein schlichtes Denkmal erblicken, und damit komme ich auf die Frage, deren Beantwortung mir überlassen ist, ob das Komitee recht getan hat, das Denkmal an dem erwähnten Platz und in dieser schlichten Ausführung zu errichten. Nirgends und niemals kann bezweifelt werden, daß ein Moses Mendelssohn es verdient hätte, daß die Errichtung eines Denkmals für ihn, den feinsinnigen philosophischen Schriftsteller, der für die kulturelle Hebung Deutschlands soviel getan, der die Bahn dafür gebrochen, daß die im Judentum aufkeimenden Talente sich der deutschen Wissenschaft zugewendet haben, von dem gesamten deutschen Volke hätte ausgehen, und dass dieses Denkmal auf einem öffentlichen Platz in Berlin hätte aufgestellt werden können. Wir glauben auch allen Grund zu der Annahme zu haben, daß jedenfalls die städtischen und wohl auch die königlichen Behörden sich einem solchen Vorhaben gegenüber wohlwollend verhalten hätten; aber wir waren der Ansicht, daß ein Prunkdenkmal diesem Manne nicht entsprochen hätte, von dem man, wie einst von dem ersten Moses, gesagt hat: er war der Bescheidenste aller Menschen und ist es geblieben bei allen Huldigungen, die ihm zuteil geworden sind. Es kommt noch hinzu, daß auch der Grabstein dieses Mannes, nicht weit von dem errichteten Denkmal entfernt, in seinem Aeussern ein Denkmal der Bescheidenheit ist. Durch die Schlichtheit des Denkmals in der Nähe der Stätte seines irdischen Wirkens wollen wir aber auch zum Ausdruck bringen, dass dieses Denkmal noch mehr dem Menschen Mendelssohn gilt, als dem Philosophen, denn der Quell der Macht, die er ausübte, war noch mehr sein sittlicher Charakter als seine geistige Bedeutung. Er war mehr als groß, er war gut. Er hat den Ruhm der Tugend genossen, die Menschen- und Nächstenliebe stellte er als das höchste Gut, als das erstrebenswerteste Ziel hin. Sein Lebensziel war darauf gerichtet, die Menschen eine Stufe höher zu bringen.