Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Das Moses Mendelssohn-Denkmal in Berlin
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 145 - 146 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583984-2599293--09126-2599357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
145 Die Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals in Berlin. 146 Die Große Hamburger Straße, sie wird im Volksmunde die Toleranzstraße genannt, weil Wohltätigkeitsanstalten und Beerdigungsplätze der verschiedenen Konfessionen in ihr sich befinden. Welche Straße könnte geeigneter sein für diesen Mann der wahren Toleranz, der schon in s e i n e r Zeit den Mut fand, seine Stimme für Toleranz zü erheben und für alle Staatsangehörigen ohne Unterschied des Bekenntnisses bürgerliche Gleichstellung zu verlangen, und der selbst ein Vorbild jener wahren Toleranz ist, die, indem sie treu an den eigenen religiösen Meinungen festhält, doch die Berechtigung jeder abweichenden Meinung anerkennt! Die Große Hamburger Straße ist eine belebte Straße, das Denkmal, es wird den Schritt manches Vorübergehenden anhalten. Und wenn ein Zeitgenosse von Mendelssohn es ausgesprochen, dass vielleicht nie einer von ihm ungebessert fortgegangen ist, wir wünschen, dass der Anblick des Denkmals und die dadurch hervorgerufene Erinnerung an Mendelssohn vielleicht bei so manchen den Willen zur Besserung und Läuterung hervorrufen möge. Aber wir bekennen auch offen, dass wir uns bei unserem Entschluss von einem gewissen und wohl auch berechtigten Stolz haben leiten lassen, von dem Stolz, zu bezeugen, dass Moses Mendelssohn der unsrige war und der unsrige ist. Wir Juden der heutigen Zeit haben ja Mendelssohn alles zu verdanken, für uns besteht die Bedeutung des Mannes darin, dass er der erste war, der sich mit Erfolg bemühte, die Juden anzuspornen, an den allgemeinen Kulturbestrebungen des Volkes, unter dem sie lebten, Anteil zu nehmen und sich als Bürger clieses Volkes zu fühlen. Er hat in das gefährlichste Ghetto, in das geistige Ghetto, Licht und Luft gebracht. Die Bücher des mosaischen Gesetzes und der Psalmen bot er seinem Volke an in reiner deutscher Sprache; in ihrer eigenen Seele sollten sie das Band empfangen, das den Juden und den Deutschen verbindet, und aus ihrer eigenen Lebensquelle sollte ihnen zugleich der Strom deutschen Geisteslebens fliessen, sie laben und stärken. Der deutsche Geist hat seitdem den deutschen Juden ganz und gar durchdrungen, und „Deutschland, Deutschland über alles" ist auch der Schlachtruf der Juden geworden. Wir haben das Denkmal aufgestellt in dem Vorgarten der jüdischen Knabenschule und der jüdischen Lehrerbildungsanstalt. Ist denn nicht diese Schule selbst ein Werk Mendelssohns, und kann man ihm den Dank inniger und herzlicher abstatten, als dass man sein Denkmal vor sein Werk setzt? Das Denkmal, es mag das gegenwärtige Geschlecht erinnern an die Mühen der Vergangenheit und an das, was im Laufe der Zeit errungen worden ist; es mag das gegenwärtige Geschlecht daran mahnen, dass das Errungene nur erhalten werden könne, wenn wir im Geiste Moses Mendelssohns weiterschreiten. Der Jugend soll der Inhalt des frommen Lebens unseres Mendelssohn mit seinen eigenen Worten: „Liebet, so werdet ihr geliebt werden", in die Herzen eingeflösst werden. Mit der Aufstellung des Denkmals an dem gewählten Ort, wollten freilich wir auch einen warmen Appell an unsere Lehrer richten. Gewiß, Mendelssohn wollte ein Deutscher werden, aber er wollte doch ein Jude bleiben. Das waren die beiden Brennpunkte, um die sich die Kurve seines Daseins bewegte. Ihm haben wir zu verdanken, daß gewissermaßen zwei Seelen in die Brust 5es modernen Juden gelegt sind; und geht die eine Seele auf in der herrlichen Sprache unseres Vaterlandes, die uns die Schätze tausendjähriger Kulturarbeit eröffnet hat, so wurzelt die andere Seele mit allen ihren Easern in der Tradition unserer mit Blut und Eisen geschriebenen Schmerzensgeschichte. Wenn unsere Kinder im Geiste von Mendelssohn sich erfreuen sollen an der formenfrohen Götterwelt der Griechen, der Helden Homers, um mit deren Heiden zu jubeln und zu weinen, so sollen sie sich auch wiederum im Geiste Mendelssohns in ehrfurchtsvoller Bewunderung beugen vor dem sittlichen Ernst und der Erhabenheit der Prophetengesänge Judas. Sollen unsere Kinder gebildet werden an Goethe, Schiller und Lessing und an anderen Geistesheroen, so soll auch das Buch der Bücher unsern Kindern immer heilig sein und bleiben und ihnen ein unversiegbarer Born aller Ethik sein. Die Erinnerung an Moses Mendelssohn, sie wird uns darin bestärken, in der Treue zum Vaterlande und zur Religion die Wurzeln aller bürgerlichen und menschlichen Tugenden zu erkennen. In diesem Sinne und mit diesem Wunsche übergeben wir das Denkmal, und wir sind überzeugt, mit derselben Liebe und Verehrung, mit der die Jüdische Gemeinde das Grab von Moses Mendelssohn gepflegt, und behütet hat, mit derselben Liebe und Verehrung wird auch das Denkmal von der Jüdischen Gemeinde behütet und bewahrt werden." * * # Namens des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin antwortete Herr Sanitätsrat Dr. Stern: „Im Namen des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde erlaube ich mir dem geehrten Comite für seine verdienstvolle Tätigkeit, die in dieser Stunde durch die Enthüllung des Denkmals für Moses Mendelssohn ihren hocherfreulichen Abschiuss findet, aufrichtigen und herzlichsten Dank abzustatten. Mit ausserordentlicher Umsicht und von feinem Verständnis geleitet, hat das Comite als den geeignetesten und passendsten Platz für die Aufstellung des Denkmals den Vorgarten unserer Knabenschule und Lehrerbildungsanstalt ausersehen. Ich knüpfe hieran die Hoffnung und spreche die Zuversicht aus, daß unsere Lehrer und die jungen Herren, die als künftige Leiter und Büdner unserer männlichen Jugend ihre Ausbildung in diesem Hause genießen, indem sie nunmehr täglich ihren Blick zu Moses Mendelssohn emporrichten, uud indem sie seine Tätigkeit und Verdienste, seine Wirksamkeit und Bedeutung für die deutschen Juden frisch und lebendig in ihrem Gedächtnis wieder aufleben lassen, ihre Berufstätigkeit in seinem Geiste ausüben und unsere künftigen Generationen erziehen und heranbüden werden zu wackeren, tapferen, tüchtigen und aufrechten Männern, die allezeit sich betätigen und bewähren mögen, erfüllt von edlem Stolz, erglüht von inniger Liebe zu ihrem Vaterlande nicht minder wie zu ihrer Belligion. Indem ich hiermit das dem Andenken des grossen jüdischen Gelehrten von dankbaren Herzen geweihte Denkmal in Besitz und Obhut der Jüdischen Gemeinde übernehme, gebe ich der Versicherung Ausdruck, daß der Vorstand es jederzeit als Ehrenpflicht betrachten wird, ihm seine volle Aufmerksamkeit zu widmen und in weitgehendster Weise seinen Schutz angedeihen zu laßen."