Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Das Moses Mendelssohn-Denkmal in Berlin
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 3)
- Language
- German
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141 Die Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals in Berlin. 142 folgedessen, vielleicht aus Anlass der Wahl Mendelssohns zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften — einer Wahl, die bekanntlich vom Könige nicht bestätigt wurde — wurde der Beschluss gefasst, einem so grossen Manne, wie Mendelssohn einer sei, gegenüber eine solche Bestimmung nicht mehr aufrecht zu erhalten, sondern trotz seiner Befreiung von Abgaben, oder vielleicht gerade wegen dieser, ihn für wählbar zu erklären. Doch dauerte es noch einige Zeit, bis diesem Beschluss die Ausführung folgte. Erst 1780 wurde Mendelssohn auf drei Jahre zu einem Ehrenamte gewählt, als vierter der sog. Tauvim. Bei der Unvollkommenheit der Akten aus jener frühen Zeit kann man seinen Anteil an den Verhandlungen der Behörden nicht genaufeststellen, nur zweimal erscheint seine Unterschrift bei Beschlüssen,und zwar das eine Mal bei einer Ehrung des jüdischen Oberlandesältesten, das andere Mal bei einer finanziellen Vertrauenssache . Aber man darf wohl sagen: bei der Gewissenhaf tig - keit, mit der unser Weltweiser alleObliegenheiten zu erfüllen pflegte, wird er nicht gefehlt haben, sobald ein Ruf an ihn erging, und man darf hinzufügen: es ist ein schönes Zeugnis für die dama - ligen Vor - steher der Gemeinde, dass sie Mendels - söhn zu würdigen wussten und damit sich selbst ehrten. Er war ein treuer Anhänger seiner Gemeinschaft. Wo er konnte, trat er für die Glaubensgenossen ein und suchte ihre Stellung zu verbessern. Dem Missverständnis seiner aufklärenden Ansichten trat er mit'Entschiedenheit entgegen, die Zumutungen, die ihm gemacht wurden, sich der grossen Gemeinschaft der Christen anzuschliessen, wies er mit Energie ab. Was er über das Judentum zu sagen hatte, setzte er in der Schrift: „Jerusalem oder religiöse Macht des Judentums" auseinander. Zwei Sätze dieser Arbeit sind die charakteristischsten. Sie scheinen sich auszuschliessen und lassen sich doch vereinigen. Der eine lautet: .Jen erkenne keine anderen ewigen Wahrheiten, als die der menschlichen Vernunft nicht nur begreiflich, sondern durch menschliche Kräfte dargetan und bewährt werden können". Der andere heisst: ,,Ich glaube, das Judentum RUDOLF MARGUSE. wisse von keiner geoffenbarten Religion in dem Verstände, in welchem dieses von den Christen genommen wird. Die Israeliten haben göttliche Gesetzgebung, Gesetze, Gebote, Befehle, Lebensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie sie sich zu verhalten haben um zur zeitlichen und ewigen Seligkeit zu gelangen; dergleichen Sätze sind ihnen durch Mosen auf eine wunderbare und übernatürliche Weise geoffenbart worden, aber keine Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten, keine allgemeinen Vernunftsätze." In dieser Hervorhebung der Giltigkeit der Zeremonialgesetze liegt aber nicht Mendelssohns letztes Wort über jüdische Religion. Ein solcher Satz wird vielmehr erklärt durch eine Furcht, von der Moses erfüllt war und beschränkt oder ergänzt durch andere Ausführungen über das Wesen der Religion. Die Furcht bestand darin,dass durch •Nichtbeachtung der Zeremonien der Unterschied von dem Christ tentum verwischt werden würde.Darum sah er in der von den Christen gepredigten Toleranz geradezu eine „Toleranzgleissnerei" und verstiess sie, weil er das Bedenken hegte, im Hinterhalt lauere ein Vereinigungssystem. Das Zeremonialgesetz dünkte ihm daher eine Mauer, durch die das Judentum eine Sicherheit erlangte. Als das Wesen der Religion betrachtete er den Glauben, den Geist und die Liebe. Den religiösen Geist und den Glauben an Gott. „Ich von meiner Seite", das ist das letzte Wort, das er niederschrieb, „bleibe bei meinem jüdischen Unglauben, traue keinem Sterblichen einen engelreinen Mund zu, möchte selbst von der Autorität eines Erzengels nicht abhängen, wenn von ewigen Wahrheiten die Rede ist . . . oder vielmehr, da wir alle im Glauben geboren sind, so kehre auch ich zum Glauben meiner Väter zurück, welcher nach der ersten ursprünglichen Bedeutung des Wortes nicht in Glauben an Lehre und Meinung, sondern im Vertrauen und in der Zuversicht auf die Eigenschaften Gottes besteht. Ich setze das volle uneingeschränkte Vertrauen in die Allmacht Gottes, dass sie dem Menschen die Kräfte habe verleihen können, die Wahrheiten, auf welche sich seine Glückseligkeit gründet, Moses Mendelssohn. BERLIN.