Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 3 (März 1909)
- Article
- Das Moses Mendelssohn-Denkmal in Berlin
- Date
- 1909-03-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 2)
- Language
- German
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339 Die Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals in Beilin. 140 Gebieten tätige Mann, den „Mut des Fehlens** besass, so blieb dieser im wesentlichen auf ein Gebiet beschränkt, mit strenger Gewissenhaftigkeit und peinlicher Gründlichkeit. Während Lessing die Welt gern als einen Kampfplatz ansah, seine Gegner herausforderte, sich als Philologe, Aesthetiker, Theologe und nicht zum wenigsten als Dichter versuchte, das Verehrte mit Lust angriff und an die Stelle alter Götzen neue Götter setzte, blieb Mendelssohn schüchtern auf dem Platze des stillen Denkers, zu furchtsam um das von allen Gepriesene zu entthronen und zu bedenklich, sich in den lauten Streit der Meinungen zu stürzen. Was war es nun bei dieser Verschiedenheit, das beide zueinander zog? Bei Mendelssohn die Verehrung des glänzenden Geistesritters, der ihm als die Verkörperung alles Kräftigen und Machtvollen erschien, bei Lessing der Respekt vor dem edlen, bescheidenen, den selbstgewählten Weg mit Entschiedenheit wandelnden Gelehrten und tiefsinnigen Forscher. Fast keinem seiner Freunde gegenüber erschloss Lessing sein Herz so, wie dem jüdischen Freunde, ihm berichtete er von seinen Nöten und Mühen, ihm von seinem kurzen Eheglück, und von der Vaterfreude, die ihm nur wenige Stunden beschert war. Von ihm entnahm er Züge für den Helden seiner gewaltigsten poetischen Schöpfung: Nathan den Weisen. Auch Mendelssohn gedachte seines Lessing. Poetisch ihn zu feiern, vermochte er nicht, auch seine Biographie, die er zu schreiben gedachte, konnte er nicht ausführen — denn seine letzte Schrift ,,An die Freunde Lessings" ist eher eine Verkennung jenes Mannes, als wäre es wirklich ein Verbrechen, dass der Verstorbene ein Spinozist gewesen, denn eine Verklärung. Aber Mendelssohn gedachte seines Lessing oft in Liebe und Verehrung. Als des Mannes, der jeder verfolgten Lehre sich annahm, der seichten Gründen, mit denen eine Wahrheit behauptet wurde, streng entgegentrat und auf die Seite der ungereimtesten Meinung sich stellte, wenn diese in platter Art verteidigt wurde. Schon als Freund Lessings würde Mendelssohn Achtung verdienen bei den spätesten Geschlechtern. Aber er zwingt uns zur Verehrung durch sein Wesen und durch seine Leistungen. Er ist der Ahn einer bedeutenden Familie. Wie wir des Weisen aus Dessau heute gedenken, so hören wir auch mit herzlicher Erhebung die Töne seines Enkels Felix. Denn diesem, und zwar ihm allein im Widerspruch gegen seinen Vater ist es zu danken, dass er und die ganze von Abraham Mendelssohn, Moses' Sohn, abstammende Linie, den Namen Mendelssohn beibehalten bat. Abraham, der Gatte der Lea Salomon Bartholdy, wünschte, dass sich die Seinigen nur Bartholdy nannten, er hatte für seinen Sohn Karten drucken lassen mit der Inschrift Felix M.- Bartholdy und war sehr böse darüber, dass sich der Sohn bei Konzerten in Paris und London als Felix Mendelssohn ankündigte. Denn, so führte er scheinbar logisch und doch ungemein kurzsichtig aus: Das Grosse, das Moses, der Sohn des Mendel aus Dessau getan hätte, dadurch, dass er sich den Namen Mendelssohn gab, ,,indem er sich dadurch von einer ganzen Klasse unwiderruflich trennte, aus der er die Besten zu sich heraufzog, und einer anderen Gemeinschaft anschloss", das müssten nun auch seine Nachkommen tun, die nicht mehr dem väterlichen Glauben angehören, „einen christlichen Mendelssohn", so fuhr er fort, „kann es nicht geben, denn die Welt agnosziert keinen". Die Zukunft hat ihm unrecht gegeben, denn die Welt und auch unsere Stadt Berlin hat die christlichen Mendelssohn agnosziert, die in Gesinnungen und Handlungen sich ihres grossen Ahnen würdig erwiesen, und sie dankt Felix Mendelssohn, den sie seiner Kunst wegen preist, auch dafür, dass er den Namen, der schon vor ihm hochbedeutend war, bewahrt und mit neuem Glänze bestrahlt hat. Moses Mendelssohn war ein trefflicher Mensch, ein hervorragender deutscher Schriftsteller, ein frommer Jude, der den mit ihm im Glauben Vereinten unendliche Dienste leistete. Der Mensch: ein guter Sohn, der die Absonderlichkeiten des Vaters schonte, ein trefflicher Gatte, ein liebender Vater, edel und herzensgut gegen die Menschen. Wer die zahlreichen Briefe kennt, die Mendelssohn an seine Braut und die wenigen, die er an seine Gattin schrieb, der hat eine Ahnung von der innigen Liebe, die Moses mit seiner'Lebensgefährtin vereinigte und möchte wünschen, dass diese Briefe, ein kostbarer Schatz des Familienarchivs, der breiten Oeffentlichkeit übergeben würden. Ein liebender Vater. Fern von der Sucht, die Seinen ganz nach seinem Wesen zu modeln und ebenso frei von der Verzärtelungsmode unserer neuzeitlichen Manier, die Kinder ganz selbständig ihres Weges ziehen zu lassen. Ein herzensguter Mensch, wohltätig und mild, voll Schonung für die Laster anderer, nur strenge gegen die eigenen Schwächen, entschieden in der Abwehr ungerechter Anforderungen, aber immer bemüht in etwas Schlechtem den Keim zu etwas Gutem zu entdecken, zwar empfindlich und scheu gegen die Annäherungsversuche, aber in treuer Hingabe festhaltend an denen, deren Neigung er erprobt hatte, schroff gegen die Eiferer, mitleidlos gegen die Heuchler, sanft, tröstend zu den Schwankenden und Schwachen. Ein hervorragender deutscher Schriftsteller. Langsam, fast widerwillig kam er zur Schriftstellerei. Erst der Mahnung Lessings bedurfte es, dass er sich entschloss, seine frühesten philosophischen Grübeleien zu veröffentlichen. Aber er schritt weiter. Er wurde selbst für deutsche Lustspiele nach Lessings Ausdruck der beste Kritiker, er legte, wie es Schiller noch nach Jahrzehnten anerkannte, die Grundlagen der deutschen Aesthetik. Er vertiefte sich in fremde Literaturen, und wagte es seinen Landsleuten Uebersetzungen aus Shakespeare zu liefern. Vor allem: er bot den Deutschen, in Gesprächen mit seinen erwachsenen Kindern, dem Sohne Josef, dem wackeren Schwiegersohn Simon Veit, in Gesprächen, denen auch andere, wahrscheinlich Dohm und nach einer nicht ganz verbürgten Mitteilung, auch Alexander v. Humboldt beiwohnte, durch seine „Morgenstunden" Beweise für das Dasein Gottes, Beweise in alter Manier, mit all dem Schulstaub vergangener Zeiten, aber mit der ehrlichen Begeisterung eines Glaubensfrohen und Ueberzeugungsstarken. Und durch ihn „Dank den Tag verkündenden Morgenstern**, um ein Goethesches Wort zu brauchen, wurden den Bedrückten und im Leben Unglücklichen in dem Buche „Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele" die Hoffnung auf ein Jenseits gewährt, die Verheissung geboten, die den Bedrängten labte und erquickte. Und dies alles geschah in einer Sprache, die tüchtige Gediegenheit mit edle_r Volkstümlichkeit verband. Dieser deutsche Schriftsteller, einer Glaubensgemeinschaft entstammend, die sich bisher aus der Judengasse kaum herausgesehnt hatte, sprach von der deutschen Sprache als seiner Muttersprache und bekannte Deutschland als sein Vaterland. Ein frommer Jude, ein eifriger Förderer der Literatur, der die hebräische Sprache neu belebte, die Grundlage des mosaischen Rechtes legte, der Mischna und Talmud der Aufmerksamkeit und Huldigung seiner christlichen Zeitgenossen empfahl und einen Teil der Bibel unter der begeisterten Zustimmung der Aufgeklärten, aber unter starkem Widerstande der Zurückgebliebenen übersetzte. Zwanzig Jahre lang nahm Mendelssohn, auch nachdem er ein weit über die Grenzen der Gemeinde und weit über Berlin vielgenannter und berühmter Mann geworden, innerhalb der Gemeinde keine offizielle Stellung ein. Nur bei festlichen Gelegenheiten, wenn es galt, einziehende Fürstlichkeiten mit feierlicher (prosaischer oder poetischer) Anrede zu begrüssen, oder gewaltige öffentliche Ereignisse, wie Siegesfeste und Friedensfeiern durch deutsche Reden zu verherrlichen, wurde ihm als dem Kundigsten, vielleicht dem einzig Geeigneten, der Auftrag zuteil, Gedichte und Reden abzufassen. Für solche Leistungen nahm er jedoch keine Bezahlung irgendwelcher Art an. Um das berühmte Mitglied zu ehren, beschenkte ihn die Gemeinde 1763 mit dem Privüegium, keinerlei Steuern und Abgaben an die Gemeinde zu entrichten. Dadurch wurde er allerdings von einer nicht unerheblichen Belastung befreit, zugleich aber, zufolge einer alten, noch heute gültigen Bestimmung, ausserhalb des Verbandes der zu Gemeindeämtern Wählbaren gestellt. Eine derartige Entfernung von Ehrenämtern erschien im Laufe der Zeit, bei dem immer mehr wachsenden Ruhme Mendelssohns den aufgeklärten Mitgliedern des Vorstandes unhaltbar, ja sie meinten geradezu, dass diese Ehrung eine Herabsetzung des grossen Mitgliedes in sich schliesse. In-