Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Die Schulen der Alliance Israélite Universelle in Hara
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 2)
- Language
- German
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121 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Schulen der Alliance Israelite Universelle in Hara. 122 Arbeit gesehen. Ich habe gesehen, mit welcher Sorgfalt und Geschicklichkeit, mit welcher unübertrefflichen Fertigkeit sie sehr schwierige Näharbeiten auszufuhren wussten, wie sie Wäsche und gebrauchte Kleider ausbesserten und Flicken einsetzten, die unsere Grossmütter in Erstaunen gesetzt hätten. Zwei von ihnen, die sich speziell mit der Handhabung der mechanischen Strickmaschine beschäftigen, sind vielleicht auf dem Wege, die Grundlage für eine zukünftige örtliche Industrie zu schaffen. Endlich versorgen sie, um ihre Kenntnisse im Haushalt zu vervollkommnen, abwechselnd die Küche der Schulkantine. Die Schulküche. Denn die Schule hat eine Küche, in der täglich 120 arme Schülerinnen unentgeltlich ihr Mittagsessen einnehmen. Die Tische sind anmutig hergerichtet, mit weissen Tüchern gedeckt. Das Emaillegeschirr blitzt von Sauberkeit, das Gedeck hat sehr gutes Aussehen, auf dem Platz jedes Tischgastes befindet sich eine Leinenserviette, unterschiedlich gefaltet. Das Essen ist notwendigerweise frugal. Es besteht meist aus einem Teller getrockneten, in Oel gekochten, gut zubereiteten Gemüses und einem Stück Brot. Ich habe von den Schüsseln gekostet und die Speisen schmackhaft gefunden. Zuweilen, an gewissen Festtagen, legen die grossen Schülerinnen, die schon die Rolle kleiner Mütterchen spielen, zusammen, um aus ihren eigenen Mitteln den Pensionären der Kantine ein Feiertagsgericht zu bereiten. Ihre natürliche G-üte hat Gelegenheit, sich auch anders zu' betätigen. Wenn die Schürzen der Grossen etwas kurz werden, werden sie in der Nähstunde für die armen Kleinen eingerichtet. Die Bibliothek. Die grossen Schülerinnen haben ihre Bibliothek, die ungefähr 600 Bände zählt. Eines Tages übergab ihnen Frau Gueron 10 Bücher und eine Summe von 5 Francs. Zehn Bücher als Grundstock für die Bibliothek, 5 Francs als Anfangskapital für die Einrichtung. Dieses Kapital wurde durch Zuschüsse von je tünf Centimes vergrössert, die von jeder ein Bach entleihenden Schülerin gezahlt wurden. So konnte man den Einkauf neuer Werke besorgen. Einmal hatte man in der Kasse mehr als 200 Francs, was ungeheuren Reichtum bedeutete. — Aber zu jener Zeit war gerade der grosse Pogrom von Kischinew ausgebrochen, und um die Familien der unglücklichen Ermordeten zu unterstützen, zögerten die Mädchen keinen Augenblick, alle ihre Ersparnisse zu opfern. Die Hara besteht nicht ewig. Mit diesem Hoffnungsruf schliesse ich. Im Verlauf der Stunden, die ich in der Strasse El-Mechnaka zugebracht hatte, sagte ich zu Frau Gueron, wie sehr das Werk, das sie mit soviel Ansehen leitet, mir geeignet erscheine, die abendländische Zivilisation in die ärmsten tunesischen Kreise eindringen zu lassen. Ich erfuhr hierauf, dass ein Franzose, der vor mir der Schule einen Besuch abgestattet hatte, zu der Vorsteherin gesagt hat: „Madame, Sie sind auf dem Wege, Tunis verschwinden zu machen." Nein, Sie werden Tunis nicht verschwinden machen. Vielleicht wird man, dank Ihren Bemühungen, in einigen zwanzig Jahren nicht mehr apathische Juden sehen, die mit gebauschten Hosen, mit weissen ärmellosen Hemden schleppenden Schrittes durch die mit zerfallenen Häusern besetzten Gässchen ziehen. Es ist wahrscheinlich, dass dann die armen Frauen von heute, die ihr Leben in Schwermut» Müssiggang und Elend verbringen, durch tätige Frauen ersetzt sein werden, die die Freude ihrer Gatten und Kinder sind. Nein, Sie zerstören Tunis nicht, Sie geben ihm neues Leben! Nachdem ich den Lesern die Bekanntschaft mit der bewundernswerten Mädchenschule der Alliance Israelite Universelle vermittelt habe, wird es ihnen natürlich erscheinen, dass ich sie auch ein wenig von der Knabenschule unterhalte. Ich habe deswegen einige darauf bezügliche Dokumente gesammelt und habe Herrn Uziel besucht, der mir mit gewohnter Liebenswürdigkeit die Honneurs des bedeutenden Schulwerks gemacht hat, das er seit 8 Jahren leitet. Wir werden bald sehen, auf welcher Höhe sich sein Werk befindet, wollen aber zunächst einen Rückblick werfen auf die Schulverhältnisse der tunesischen Juden vor 1878. Die israelitischen Kutabs. Unter der Herrschaft der Beys waren die israelitischen Kutabs, die für den hebräischen Religionsunterricht das waren, was die arabischen Kutabs für den Koranunterricht, die einzigen den armen Juden geöffneten Schulen. Man unterrichtete darin ausschliesslich die Bibel, genau so wie in den muselmanischen Kutabs die arabischen Lehrer ihren Schülern beibringen, die Kapitel des heiligen Buches des Islam zu lallen. Ueber diesen Kutabs standen und stehen noch heute die Midraschim, in denen die Zöglinge der Kutabs ihre theologischen Studien fortsetzen können mit dem Ziel, zu einem Rabbinat zu gelangen. Seit 1863 beschäftigte sich die Alliance Israelite Universelle mit dieser traurigen Lage und 1878 gründete sie die Schule, die den Gegenstand der gegenwärtigen Studie bildet, und die dazu bestimmt war, die alten Kutabs vollständig zu ersetzen. Leider ist die Macht des Vorurteils bei gewissen rückständigen Geistern so gross, dass diese Institute, die einem anderen Zeitalter angehören, teilweise neu erstanden sind. Noch heute sehen — trotz der Existenz der Allianceschule, trotz ihrer grossartigen Entwicklung, trotz des Wertes ihres allgemeinen Unterrichts — 800 unglückliche kleine Juden ihre Unwissenheit durch etwa 20 Rabbiner erhalten, die in engen Löchern Belehrung erteilen. Man höre übrigens, wie über diese