Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Die Schulen der Alliance Israélite Universelle in Hara
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 119 - 120 (sequence 1)
- Language
- German
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119 120 DIE SCHULEN DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE IN HARA. Ich hätte von der Mädchenschule der Alliance Israelite Universelle das Allerbeste gehört. Ich habe eine noch bessere Meinung von ihr bekommen, seitdem ich Gelegenheit gehabt habe, diese schöne Anstalt zu besuchen und mich von den Einzelheiten ihres Betriebes unter Führung der vortrefflichen Leiterin Frau Gueron selbst zn unterrichten. Frau Gueron steht seit 8 Jahren an der Spitze der Mädchenschule der Alliance. Zur Zeit ihrer Ankunft in Tunis umfasste die Schule kaum 700 Zöglinge. Gegenwärtig erhalten dort 1100 Mädchen, von denen eine grosse Anzahl sich aus der armen Bevölkerung von Hara rekrutiert, geordneten und vernunftgemässen Unterricht. In einigen Jahren werden aus der Schule Frauen hervorgehen, die eine gute Elementarbildung besitzen und fähig sind, einen Hausstand mit Ordnung, Sorgfalt und Sauberkeit, sogar mit gutem Geschmack zu leiten. Aber ich will mich nicht allgemeinen Betrachtungen hingeben, ehe ich erzählt, was ich gesehen habe. Eine Musteranstalt. Unter malerischer Wölbung, etwa in der Mitte der Strasse El-Mechnaka, öffnet sich ein grosses Tor, das den Zugang zu einem stattlichen Vorraum bildet. In diesem führt eine monumentale Treppe zu einem alten Prunksaal, der jetzt durch Umbau Licht und Luft gewonnen hat. An ihn schliessen sich das Bureau der Leiterin und eine Anzahl vollbesetzter Lehrsäle. Von Frau Gueron geführt, trete ich in einen der Lehrsäle ein. Es sind 40 Mädchen darin, vielleicht^ etwas mehr, die sich achtungsvoll erheben. Ich be wundere ihre gute Haltung. Alle sind wohlanständig gekleidet und tragen eine schwarze Schürze. Ihre Haare sind sauber gekämmt, Gesicht und Hände frisch gewaschen. Ich habe in Frankreich gar manches Mal Gelegenheit gehabt, Elementar-Mädchenschulen zu besuchen, auf die meine Landsleute mit Recht stolz sind, und ich stelle sofort fest, dass diese Klasse keine von ihnen verunzieren würde. Diese Kinder, erklärt mir Frau Gueron, sind fast alle aus Hara. Ja, diese kleinen, sauber und anständig aussehenden Mädchen kommen aus Hara, aus diesem verlumpten Hara, dessen ekelerregende Gässchen ich durcheilt hatte. Und ich begreife den Ton berechtigten Stolzes, in dem Frau Gueron mir diese Bemerkung macht. Welche Anstrengungen, welche zähe Ausdauer haben die Lehrerinnen dieser Schule aufwenden müssen, um zu solchem Resultat zu gelangen. Man denke, dass diese kleinen Mädchen Kinder ungebildeter Juden sind, die noch vor wenigen Jahren es nicht für nötig fanden, sich zu waschen und gut anzukleiden, ausgenommen Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. am Samstag. Aber in der Schule wurden Verordnungen in bezug auf allgemeine Sauberkeit erlassen und, trotz aller Schwierigkeiten, durchgeführt. Eine junge Lehrerin unterrichtet diese kleinen jüdischen Mädchen im Französischen nach der bekannten Berlitz-Methode. Im übrigen bedient sich das Lehrpersonal der Alliance nicht gern dieser Methode, die ihm nicht geläufig ist. Unsere Pädagogik, sagt Frau Gueron, gehorcht nicht äusseren Anweisungen; sie bemüht sich ganz einfach logisch zu sein. Und das ist sie wirklich! Ueberall, wohin ich kam, hatte ich den Eindruck logischer Arbeit. Ich sah bescheidene, meist noch sehr junge Lehrerinnen, ehemalige von Frau Gueron ausgebildete Schülerinnen, die in einer über jedes Lob erhabenen Weise ihre Pflicht erfüllen. Man fühlt, sie lieben ihre Leiterin, ihre Schülerinnen, sie lieben das Werk, dem sie sich gewidmet haben und dessen ganze Grösse sie zu verstehen scheinen. Ebenso scheinen die kleinen Mädchen, deren Geist von der Finsternis der Unwissenheit befreit wird, dem Unterricht ungewöhnliche Aufmerksamkeit zu schenken. Die jungen Lehrerinnen werden wie ältere Schwestern angehört. Warum sollte das auch nicht sein! Den Schülerinnen werden keine unnötigen Arbeiten auferlegt. Das Unterrichtspensum wird ihnen in anziehender Form geboten. Ihr Wetteifer wird unaufhörlich angestachelt. Die Schülerinnen finden so die schönste Belohnung in der Befriedigung, verstanden zu haben. Bestrafungen sind selten. Strafarbeit und Nachsitzen gibt es sozusagen nicht. Die höchste Strafe ist ein Verweis von der Vorsteherin, der einige Tränen der Reue verursacht. Die grossen Schülerinnen. So werden die Mädchen genannt, die eine genügende Elementarbildung erworben haben und nun für fähig gelten, eine ihrem Geschlecht entsprechende Erziehung zu erhalten. Der allgemeine Unterricht wird indessen nicht vernachlässigt. Er wird im Gegenteil durch einige wissenschaftliche Fächer und durch allgemeine geschichtliche und geographische Unterweisungen vervollständigt. Die Hefte für die häuslichen Arbeiten haben wie die ihrer jüngeren Mitschülerinnen ein vortreffliches Aussehen. Man würde hier vergeblich den kleinsten Fett- oder Tintenfleck suchen, noch selbst die kleinste Unsauberkeit in der Schrift. Die Arbeiten sind mit gleichmässiger Schrift niedergeschrieben uncU sehr hübsch gemacht. Die zukünftige Gattin und Mutter muss noch andere Dinge wissen. Sie wird sie in den Bügel-, Zuschneide- und Nähkursen lernen, über die ich mich zu meinem Bedauern nicht sehr verbreiten kann. Ich habe die grossen Schülerinnen der Alliance bei der