Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Ein Rat
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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109 Scholem Aleichem: Ein Rat. 110 Sie sagen, die Stadt tuschelt. Sollen sie nur das Blaue vom Himmel herunterreden! In mir kocht's nur seinetwegen. Seinet- und ihretwegen. Warum strahlt sie, wenn s i e ih n sieht? Warum, frag ich. Ich bitte Euch. Warum wird sie nicht rot und fröhlich, wenn sie mich sieht? Weshalb bin ich schlechter als er? Weil er ein Doktor ist und ich nicht? Hätte ich studiert, wär ich auch ein Doktor geworden, und noch ein grösserer als er! Ihr könnt mir auf Ehre glauben: ich könnte es noch mit ihm aufnehmen. Aber kommen wir wieder auf besagten Punkt zurück. Was hat sie mir eigentlich getan, dass ich mich von ihr scheiden lassen soll? Etwa wegen des neuen Doktors? Was hätte ich gemacht, wenn in unserem Städtchen statt des neuen Doktors ein anderes Stück Unglück gewesen wäre? Und wo steht geschrieben, dass eine junge Frau nicht mit einem Doktor bekannt sein darf? Das wäre Punkt eins. Punkt zwei: Was käme für mich dabei heraus, wenn ich mich etwa von ihr scheiden liess? Bedenkt I Ich selbst bin ein Waisenkind, ein armer Mensch, ohne Angehörige, ohne guten Freund. Und nun soll ich wieder ein Bettelschuler werden? Wieder heiraten und wieder von vorn anfangen, richtig von Anfang an dass ich dann besser fahren werde? Vielleicht gerate ich in eine noch schlimmere Hölle. Was ich jetzt habe, weiss ich doch und kenne meine Leiden, und bin doch (— man könnte sagen —) ein Kronprinz, des Reichen Schwiegersohn — über 100 Jahr ist alles ihrs, das heisst meins, versteht Ihr — warum soll ich da von vorn wieder zu spekulieren anfangen. Es wäre doch nur ein Spiel, eine Lotterie, nicht wahr? Meint Ihr nicht auch. Es wäre nur ein Spiel, nur eine Lotterie?! — Ich bin auch der Meinung, sage ich. Es ist ein Spiel, eine Lotterie. Friede ist sicher besser als Scheidung. — Mir ist wohl, dass die Geschichte sich so gedreht hat und mein Eat schliesslich auf Frieden herauskommt und nicht auf Scheidung. Ich dachte schon, ich wäre mit ihm fertig. Da packt er wieder das Veloziped und rückt nun ganz dicht an mich heran und spricht mir direkt ins Gesicht hinein. Friede! Vielleicht habt Ihr Recht. Aber ich muss doch an ihn denken, an den Doktor mit dem pickligen Gesicht — der Teufel soll ihn holen! Sein Vater, der Schneider, läuft doch in der ganzen Stadt umher und klatscht, dass des Reichen Töchterlein dabei ist, sich zu scheiden: Ihr versteht diese Gemeinheit. JAN VICTOORS. Und woher weiss ich, Jakob segnet Josefs Söhne. BUDAPEST. Wenn er wenigstens nicht so klatschte! Was habe ich noch zu verlieren, wenn man schon davon spricht? Der Topf ist zerbrochen. Ganz wird er nicht mehr werden. So lange es noch Geheimnis war, wars nicht schlimm. Man kneift sich die Backe und man sieht nicht mehr blass aus . . . Aber jetzt, wo alle schon von Scheidung reden, ist es da nicht eine grobe Feigheit, wenn ich noch schweige? Es gibt keine andere Wahl für mich als — Scheidung! Was meint Ihr! — Ich glaub es auch. Wenn alle schon von Scheidung reden, wäre es von Euch grobe Feigheit, noch zu zaudern, und Ihr habt keine andere Wahl, als Scheidung! Ihr bleibt also dabei, dass ich mich durchaus von ihr scheiden muss? sagt er und rückt mir mit seinem Stuhl schon ganz auf den Leib. Ueberlegt die Sache ganz genau! Ihr seid z. B. der Rabbi. Ich komme zu Euch mit meinem Weib, um mich zu scheiden. Nun fragt Ihr mich: „Sag mir, junger Mann, was hast du mit deinem Weib vor?* Was für eine Antwort kann ich darauf geben? Kann ich Euch etwa sagen: Sie guckt auf den Doktor, und der Doktor guckt auf sie. Hat das einen Sinn, frage ich Euch? Soll ich ihr die Augen zubinden? Und was für ein Gesicht wird die Welt dazu machen? Aber sapt selber: man nimmt ein Weib, scheidet sich — ein Weib, eine Schönheit,