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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Ein Rat
Date
1909-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 7)
Language
German
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107 Scholem ALeichem: Ein Rat. 108 Tochter, ein reines Kind! . . . Ich rede doch von ihm, rede doch von dem schönen Doktor -rveihrannt soll er werden! — nicht so sehr er, wie sein feiner Vater, der Schneider, mit der wattierten Mütze. Tag und Nacht geht er herum und knarrt und beklatscht die ganze Stadt. Ihr meint, an dem Knarren und Klatschen ist etwas dran. Unsinn! Ueberhaupt gar nichts. Er hat ein Maul, und das Maul klatscht. Das würde mich weiter nichts angehen. Ist aber das Unglück, dass die Menschen Ohren haben und die Ohren gern horchen. Und wenn sie horchen, horchen sie gut, und hoichen solche Sachen, die man überhaupt nicht horchen wollte. Und nun noch in unserem Städtchen. Ein Städtchen — müsst Ihr wissen — voll von unverkappten Zwischenträgern und Klatschmäulern mit langen Zungen, die schon in der ganzen Welt berüchtigt sind. Kommt man ins Gerede dieser Leute, so kann man vom Leben Abschied nehmen. Mir ins Gesicht (— müsst Ihr wissen —) wagt man nichts zu sagen. Aber hinter meinem Rücken habe ich solche Wörter gehört, dass ich grosse Augen machte, ganz grosse, und die Obren spitzte und lauschte. Was soll ich sagen, ich hab schliesslich gar nichts gehört, überhaupt gar nichts. Nur eines habe ich bemerkt. Wenn er kommt, wird sie ein neuer Mensch, mit einem andern Gesicht und mit andern Augen. Das heisst: der Mensch ist derselbe, mit denselben Augen, mit demselben Gesicht. Nur der Blick ist ein andrer — versteht Ihr ... Es ist ein andrer Blick mit einem andern Glanz. Meint Ihr doch, ich hätte sie fragen können: „Sag mir, mein Lieb, was ist das für eine Geschichte? Wenn er kommt, wirst du ein andrer Mensch" . . . Nu, ratet!? Was hat sie darauf geantwortet? Sie fing an zu lachen mit einem so wilden Gelächter, dass ich dachte, ich kann mich lebendig begraben lassen. Und richtig! Gleich nach dem wilden Gelächter hat sie sich auf das Bett geworfen mit so einem wilden Gewein, dass die Schwiegermutter mit ihrem türkischen Schal herbeilief und anfing, sie zu beruhigen. Inzwischen hat die Alte gejammert und geflucht, und der Schwiegervater hat den Phaeton anspannen lassen und nach dem Doktor geschickt. — Um wen weint Ihr? — Mich selbst. Der Doktor ist gekommen. Sie hat sich sofort beruhigt. Ihr Gesicht hat wieder Farbe bekommen, die Augen fingen wieder an zu glänzen wie Brillanten in der Sonne. . . Stellt Euch meine schöne Lage vor, dass ich ihn aufsuchen muss. Wirklich, in die Hölle wäre ich lieber gegangen. Ich muss sein Gesicht sehen —- ein schönes Gesicht! Rot wie eine rote Hübe, ins Bläuliche schimmernd, voller Pickel und jeder Pickel noch besetzt mit kleinen Pickeln! Und dann hat er eine Manier: er lacht. Ob's am Platze ist oder nicht — er lacht! Jeden lacht er immer besonders an und zu jedem ist er besonders zutraulich. Und zu mir? Zu mir ist er immer süss wie Zucker und weich wie Grützbrei. Man könnte ihn direkt auf ein Geschwür legen. Seine Freun ilichkeit gegen mich ist ohne Mass und ohne Ende. Neulich war ich nicht ganz auf dem Posten; ich hatte die Modekrankheit, die Influenza. Da hättet Ihr sehen sollen, wie der Mensch sich um mich bemüht hat. Es war fast gegen die Natur! Und doch, je besser er mich behandelt, um so mehr hasse ich ihn — Gott soll mich nicht dafür strafen! Nicht ansehen kann ich ihn, besonders wenn er bei uns ist und die ganze Gesellschaft um sie beschäftigt ist. Ich habe immer das Gefühl, dass ich was für meine Gesundheit täte, wenn ich ihn am Kragen packte und herauswürfe. Unerträglich ist mir sein Blick, besonders wenn er sie ansieht, und sein Lachen, wenn er sie anlächelt. Ich habe es mir geschworen, einfür allemal, ein Ende muss sein! Wie lange soll die Schmach dauern? Die ganze Stadt spricht schon davon. Es gibt keinen anderen Rat für mich als Scheidung! Ich sehe keinen andern Ausweg .... Wiel Hat das Sinn? Einen reichen Schwiegervater, eine einzige Tochter, über 100 Jahr alles ihres, das heisst meines .... Hol's der Teufel! Ich habe schliesslich früher doch auch gelebt! Was tun so viele andere junsre Leute! — Es gibt keinen anderen Weg! Was meint Ihr? Gibts einen anderen Weg als Scheidung? ... * * # Mein Menschlein holte tief Atem, wischte sich den Schweiss vom Gesicht und sah mich mit voller Erwartung an. — Ich weiss?! Ich glaube auch. Für Euch gibts keinen anderenWeg als Scheidung. Ueberdies scheint mir Eure Liebe nicht gar so heiss zu sein und Kinder habt Ihr, wie ich höre, auch nicht. Und die Stadt tuschelt. Was soll Euch also dieses ganze Geschäft? Während ich also sprach, hatte mein Menschlein die ganze Zeit die Räder des kleinen Yelo/jpeds gedreht, und mich mit seinen schwarzen, tiefen, flehenden Augen unverwandt angesehen. Und als ich schwieg, rückte er noch näher zu mir heran und seufzte. — Ihr sprecht von Liebe! Was soll ich da sagen? Ich hasse sie nicht. Warum sollte ich sie auch hassen? Im Gegenteil ich hab sie lieb, sogar sehr, innig lieb ,. v>?$% i*t4w^K-* Äa^i ' v* REMBRANDT. KASSEL. Jakob segnet seine Enkel Ephraim und Manasse.

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