Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Ein Rat
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 9)
- Language
- German
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111 Scholem Aleichem: Ein Rat 112 eine einzige Tochter, eines Reichen Kind — über 100 Jahr ist alles ihrs, also meins — was wird die Welt dazu sagen? fllebchugge! Wie? etwa nicht so? Ja, frisch, gesund nnd meschugge. --Ich sage auch so: Frisch, gesund nnd meschngge. Da rückt das Menschlein schon so dicht an mich heran, dass unsere Beine wie zusammengeflochten sind. Ich hatte schon Ansrst, wir könuten sie vertauschen. Ui»d statt des Velozip^ds, das er nun endlich losliess, fing er an mit dem Tintenfass zu spielen. Er seufzte und fing wieder an zu debattieren. — Ihr habt gut reden: Frisch, gesund und meschugge. Ich möchte gern wissen, was Ihr getan hättet, wenn Kuch solche Geschichte parierte? Das heisst, wenn Ihr einen Schwiegervater hättet, einen ungebildeten Menschen, eine Schwiegermutter mit einem türkischen Schal, die ewig plärrt, und ein Weib, gesund und stark, die immerzu doktert, und dann die ganze Stadt auf Euch mit dem Finsrer zeigt: „Da geht er! ... Der Mann von der Ziege." Ich glaube, mitten in der Nacht würdet Ihr Euch aufmachen, scheinen und hinlaufen, wo der Pfeffer wächst. Etwa nicht? — Ich glaube auch, sage ich. Ich würde mich mitten in der Nacht aufmachen, scheiden und hinlaufen, wo der Pfeffer wächst! — Ihr hallt gut reden, gewiss! Mitten in der Nacht aufstehen, sich scheiden und hinlaufen, wo der Pfeffer wächst. Schön gesagt: entlaufen! Was — entlaufen? — Wer — entlaufen? Wohin — entlaufen? In die Erde rein? Und dass sie eine enr/iee Tochter ist, . . . eine ein- und einzige — über 100 Jahr ist alles ihrs, meins heisst das — . . Ist das gar nichts. . . . Was habe ich geeren sie? ... . Was . . hab ich . . gegen . . sie? Sagt mir, was hab ich gegen sie? — — Ich glaube auch so. Was habt ihr gegen sie? — Einfach!, sagt er. Nun — und der Doktor? Den Doktor habt Ihr vergessen? So lange ich diesen Menschen, der mein Tod ist, vor Ausren sehe, kann ich sie nicht ansehen, kann ich ihr Gesicht nicht sehen. — Wenns so ist, müsst Ihr Euch scheiden! Die russischen Verhältnisse habe ihre starke Rückwirkung auch auf Fililand nicht verfehlt. Seltsam muß es berühren, daß sich gerade jetzt, wo es im Zarenreiche ungleich ruhiger geworden, die russischen Methoden in Finland bemerkbar machen, in jenem Lande, das immer wieder an die zivilisierte Menschheit appellierte, um sich gegen die Unterdrückung durch Rußland zu wehren. Die jüngsten Judenausweisungen zeigen aber, daß die finische Regierung, an ihre eigenen Traditionen, die nur kurze Zeit unterbrochen waren, wieder anknüpfen und an Intoleranz und Härte mit Rumänien wetteifern will. Mit einer Frist von sieben Tagen wurden zahlreiche Juden des Landes verwiesen, im strengsten Winter ihrer Existenz beraubt, davongejagt. . . . Der finische Senat hat seinen Antisemitismus bisher nach europäischer Art betätigt, hat die Terrorisierung der Juden im kleinen Maßstabe versucht. Die Judenausweisungen aber sind barbarisch, und werden nicht nur in der jüdischen Presse, sondern auch von allen liberalen Zeitungen stigmatisiert. Im „Berliner Tageblatt" erinnert Dr. Theodor Barth daran, mit welch unverhohlener Sympathie die Finländer in ihrem Kampfe gegen die „russischen Unterdrücker" unterstützt wurden. Angesichts dieser Ausweisungen — Und was wird das Ende sein? sagt er. Was kann ein junger Mann tun bei so schlechten Zeiten. Nun, Ihr seid doch ein kluger Mensch — sagt Ihrl — Muss man sieb, sasr ich, nicht scheiden. — Nicht scheiden? Nun und der Doktor. So lange . . — Moss man sich scheiden, sag ich und will nun ein Ende machen. — Scheiden? Was wird das Ende sein? Was . . — Dann nicht scheiden! — Nun und der Doktor? — Scheiden! — Scheiden? — Nicht scheiden! — Nicht scheiden? . . . * * * Ich weiss nicht, was mit mir geschah. Ich hatte die letzten Worte mit einer steigenden Wut und immer lauter gesprochen. Das Blut schoss mir in den Kopf, schwarz wurde mir vor den Augen. Ich sprang dem Menschen an die Gurgel, quetschte ihn an die Wand und schrie mit einer Stimme, die nicht mehr die meine war: — Scheiden sollst du dich, Hund! Scheiden! Scheiden! Bald kam ich wieder zu mir. Ich sah, was ich angerichtet hatte und bat den jungen Mann um Verzeihung. Er solle nur vergessen, was zwischen uns vorgekommen. „Es trifft sich schon mal so, dass ein Mensch aus seiner Haut fährt." Der junge Mann war zwar noch nicht so ganz eingerenkt, aber er gab zu, dass es sich treffen kann, dass ein Mensch mal aus seiner Haut fährt. Mit demselben artigen Gruss, mit derselben Verbeugung, mit demselben Händereiben, mit dem er gekommen, zosr er von dannen. — Nehmt's nicht weiter übel! Vielleicht habe ich Euch aufgehalten! Und einen schönen Dank für Euren Rat! — „Keine Ursache, keine Ursache!" rief ich ihm nach. Glückliche Reise! Nachdruck verboten. sei aber auch daran erinnert, daß eine lange Zeit hindurch in einem größeren Teile der jüdischen Blätter den finischen Angelegenheiten ein großer Raum gewährt wurde. Man war eben optimistisch genug, vom finischen Befreiungslärm auf ein freies Finland zu schließen. * * * In Rumänien dauert die Schikanierung der Juden in ungeschwächtem Maße fort, und kein Mittel ist zu schlecht, dessen man sich den Juden gegenüber nicht bedienen würde. Einem findigen Kopf gelang es sogar, zwischen Chemie und Antisemitismus einen organischen Zusammenhnag herzustellen. In Jassy hatte ein antisemitischer Kellerrevisor gegen mehr als hundert Weinhändier die Anklage erhoben, es fände sich Salizylsäure in ihren Weinen. Da diese angeklagten Weinhändler jüdischen Glaubens sind, ferner im antisemitengesegneten Rumänien leben, so mußte das wirkliche Vorhandensein von Salizylsäure nicht strikte nachgewiesen werden. Als die angeklagten Weinhändier sich zwei Berliner Autoritäten als Fachleute kommen ließen und diese den chemischen Stoff im Weine nicht vorfanden. REVUE DER REVUEN.