Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 103 - 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Ein Rat
Date
1909-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583983-2599167--09056-2599248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

103 Scholen! Aleichem: Ein Rat. 104 eine wilde Lust, ihren türkischen Schal mit den Händen zu zerknittern, mit den Füssen zu zertreten und in kleine, ganz kleine Stücke zu zerreissen . . . Eigentlich — überleg ich mir aber — was hat mir der Schal getan? Ein Schal, wie alle türkischen Schale. Ihr kennt doch diese türkischen Schale. Bemalt, mit grünen, gelben, roten, schwarzen und weissen Vierecken, mit Sprenkel gesprenkelt und mit Fransen befranst . . . — Verzeiht, junser Mann, unterbreche ich ihn. — Ich glaube. Sie wollten von mir einen Rat haben in einer besonderen Angelegenheit. — Nehmt mir's nicht übel! Ich halt Euch doch nicht auf . . Aber das gehört zur Sache: Ihr sollt erst ein wenig mit unserem Haus und mit den Menschen bekannt werden; und wenn Ihr das Haus und die Menschen kennt, werdet Ihr erst meine ganze Lage verstehen ... Also sobald ihr irgend etwas nicht gefällt, — meiner Frau, mein ich — fängt die Schwiegermutter an zu toben und der Schwiegervater lässt den Phaeton anspannen und den neuen Doktor holen. Er heisst bei uns der neue Doktor. Seinen Namen will ich nicht nennen, der Kuckuck soll ihn holen. Nun fängt erst der richtige Tanz an und darüber wollt ich mich mit Euch beraten. Mein Menschlein hält eine Minute inne, wischt sich die dicken Schweisstropfen vom Gesichte, rückt mit seinem Stuhl ein bischen näher zu mir heran und schickt sich an, weiter zu erzählen. Inzwischen nimmt er natürlich irgend einen Gegenstand in die Hand. Es gibt eben Menschen, die nicht reden können, wenn sie nicht etwas in der Hand haben. Bei mir auf dem JACOPO DA PONTORMO. NATIONAL - GALLERTE LONDON. Josef in Aegypten* Schreibtisch stehen allerlei Sächelchen, Raritäten und Nipp<achen. Darunter ist auch ein Zigarrenabschneider in Form eines kleinen Velozipeds. Ei, hat dieses Yeloziped Wohlgefallen gefunden bei den Menschen. Jeder, der zu mir kommt, greift gleich zum Veloziped. Natürlich hat meinem Menschlein das Veloziped auch sehr gut gefallen. Schon beim Beginn seines Erzählens hatte er immer verlangend dahin geguckt. Dann hatte er es in die Hand genommen, die Räder zu drehen probiert, und sch'iesslich liess er das Veloziped überhaupt nicht mehr aus der Hand. Und immerfort die Räder drehend, erzählte er jetzt weiter. — Also der „neue Doktor!" Doktoren, müsst Ihr wissen, hat unsere Stadt so viel wie Hände. Es gibt christliche Doktoren und jüdische Doktoren, grosse und kleine, und noch andere Doktoren. Aber der Doktor, von dem ich Euch erzähle, ist noch ein junger Doktor und stammt aus unserer Stadt. Sein Vater ist ein Schneider. Das heisst, sein Vater war früher einmal ein Schneider. Heut ist er kein Schneider mehr. Wie passt das zusammen, ein Schneider zu sein und einen Sohn zu haben, der Doktor istl Ich meine freilich, umgekehrt wäre es richtiger. Wie passt das für einen Doktor, einen Vater zu haben, der Schneider ist? Und noch was für ein Schneider! Selbst unter den Schneidern ist er noch ein Schneider. Seht! Er ist ein kleiner Mann — müsst Ihr wissen — mit einer wattierten Mütze, mit schielenden Augen und einem krummen Finger. Und eine Stimme hat er wie eine Knarre. Und Tag und Nacht läuft er umher und knarrt: Mein Doktor — hat der gestern zu tun gehabt! ei, zu tun! Mein Doktor! Wenn mein Doktor will, kann er, mein Doktor! — Jedem einzeln verkeilt er den Kopf mit seinem Doktor. Und zu allem Unglück — müsst Ihr wissen — ist er noch ein Frauendoktor. —- Und wo nur irgend ein Geheimnis ist, bringt es der Schneider durch die ganze Stadt. Und Ach und Weh ist der Frau und dem Mädchen, die in die Hände des Doktors und in das Klatschmaul seines Vaters geraten . . . Einmal ist bei uns folgende Geschichte passiert. Bei uns war ein Mädchen... — Verzeiht, junger Mann — unterbreche ich ihn — ich glaube, Sie wollten von mir einen Rat haben. — Nehmt mir's nicht übel! Ich halte Euch doch nicht auf? Ich musste von dem Doktor erzählen, denn er wird mich noch in den Tod bringen. Ohne ihn wäre mein Leben schön wie die Welt! Ich bitt Euch, was fehlt mir? . . . Eine Frau habe ich — müsst Ihr wissen — man kann sagen, eine Schönheit. Kinder — müsst Ihr wissen — haben wir noch nicht Eine einzige Tochter ist sie, eine ein- und einzige. Ueber hundert Jahre ist alles ihres, das heisst meines und — ich will mich nicht versündigen — an Ehr fehlt's

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.