Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Ein Rat
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 101 - 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Scholem Aleichem: Ein Rat. 102 PH. VEIT. Die sieben fetten Jahre (Nach einer Originalaufnahme von Dr. Fr. Stoedtner, Berlin.) NATIONAL-GALLERIE BERLIN. und läuft auch nicht weg. Und Domino spielt er!!... Setzen sich die beiden zum Spiel, spielen sie die ganze Nacht. Und du sitz, sieh zu und gähne. Die Backen zerreissen fast. Meint Ihr doch: Pack dich, geh in dein Zimmer, nimm ein Buch oder eine Zeitung in die Hand ... Geht nicht! . . . Warum? ... Passt nicht. Ein fremder Mensch ist auf Besuch, wie geht man da aus der Stub! Solche Sitten kann der Schwiegervater auf den Tod nicht leiden. Das heisst, sagen tut er nichts; nur vor Wut schwillt er an wie ein Truthahn. Und Antworten gibt er nicht, wenn man zu ihm spricht, und wenn man platzt . . . Und nun die Schwiegermutter! Und wenn der Schwiegervater und die Schwiegermutter mit dem Eidam unzufrieden sind, macht sie schon ein Gesicht, sie — die einzige Tochter, die eine und einzige bei Vater und Mutter. Die Eltern sind ihr ganzes Leben und sie ist ihnen wie ein Auge im Kopf. Und macht es sich so, dass irgend was mit ihr ist, ist schon der Doktor da; und die Welt steht auf dem Kopf. Was ist dabei dgent* lieh Wunderbares? Bei einem Mensckenkind, das sich einbildet, dass die ganze Welt nur ihretwegen geschaffen wurde?! Und dabei — müsst Ihr wissen — ist sie nicht gerade sonderlich klug. Das heisst, wenn Ihr mit ihr sprecht, ist sie, scheint's, nicht gerade dumm, durchaus nicht dumm, man kann sogar sagen, sie ist klug, sogar sehr klug und scharfsinnig. Sie hat einen Kopf wie ein Mannl Was aber doch? Sie ist verzogen und verwöhnt,... eine wilde Ziege. Tag und Nacht lacht sie oder sie wirft sich aufs Bett und schreit wie ein kleines Kind! Ich frage: Was ist dir? Was fehlt dir? Was willst du? Wie die Wand nicht antwortet, so antwortet sie nicht. Nun das wäre nur ein halbes Unglück! . . . Weint ein Weib, so weint sie solange, bis sie aufhört. Bei mir aber fängt da die Geschichte an. Hört die Schwiegermutter das Geweine, kommt sie wie eine Wilde angejagt mit ihrem türkischen Schal, ringt die Hände, jammert und schreit. Und eine Stimme hat sie — müsst Ihr wissen — wie ein Mann. „Was ist dir, Tochter, meine? Wieder er, der Mörder, der Totschläger! Weh ist mir! Was geht ihn das an, dass ich nur ein Auge im Kopf habe. Hat er sich in Schmerzen gewunden, hat er Blut vergossen bei der Geburt!44 Und die Worte fallen wie Erbsen aus einem zerrissenen Sack. Und mir ist so, als ob sie so weiter fluchen würde, ohne aufzuhören. Es zuckt mir am Herzen! Es durchbohrt mir die Seele, und mich packt P. VON CORNELIUS. NATIONAL-GALLERIE BERLIN. Wiedererkennung Josefs. (Nach einer Originalaufnahme von Dr. Fr. Stoedtner, Berlin.)