Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Tagebuchblätter
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 85 - 86 (sequence 2)
- Language
- German
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85 Dr. A. Coralnik: Tagebuchblätter. 86 Mystiker. Auf dem alten, verfallenen Friedhof steht das weiss« „Häuschen", in dem Rabbi Nachman zur Ruhe gebettet wurde, und in der dumpfen Schukasse steht sein „Beth-Hamidrasch". Ein seltsames Geschlecht, diese Nachman - Jünger! Durch lange Jahrzehnte von den übrigen ohassidischen Sekten angefeindet, blutig verfolgt — haben sie nichts von ihrem sonnigen Optimismus, von ihrer aus geheimnisvollen Tiefen kommenden Lebensfreude eingebüsst. Heutzutage ficht sie kein Mensch mehr an. Das neue herangewachsene Geschlecht schaut mit Spott und Mitleid auf diese verträumten Ekstatiker — doch sie blieben sich gleich, unwandelbar, Trotz bietend dem Spotte einer fremden Welt. Einmal im Jahre, im Monate Tischri, kommen sie alle zusammen und bleiben drei bis vier Wochen beisammen. Und was sie da einander vertrauen, weiss kein Uneingeweihter, im Flüsterton erzählen sie sich alte Legenden und wundersame Geschichten, Sprüche ihres Meisters, lesen in alten Manuskripten, die nur ihnen zugänglich sind, und singen ihre Lieder ohne Worte, seltsam modulierte, ekstatische Motive. In einem kleinen Städtchen habe ich einmal einen „Kronrabbiner" (offizieller Vorsteher der jüdischen Gemeinde) gesehen. Es war ein lieber gescheiter Mensch, mit einem reich-bewegten Innenleben, immer neuen Problemen auf der Spur, der typische russisch-jüdische „Intelligent". Ungläubig bis in die Knochen, fortschrittsgläubig, positivistisch. In einer sehwachen Stunde erzählte er mir einmal die Geschichte seines Lebens. Es war die Geschichte eines Freigewoi denen, eines Glaubensstarken, der die Fesseln gesprengt hat. Als er noch jung war, war er ein „Brazlawer Chassid", ein Jünger Rabbi Nachmans, ein „Eingeweihter". Er hat im Laufe der Jahre neue Meister gefunden, seine Verehrung galt Darwin und Häckel und Marx. Der frühere „Salman", oder wie er im Kreise seiner Mitgläubigen genannt wurde, „Sjama", ist ein unkenntlicher „Zenobios" geworden. Aber im Stillen zog es ihn oft zu seinen früheren Genossen hin. Und einmal erzählte er, in Berdiczew geriet er unversehens in die „Klaus" der „Brazlawer". Die alten Erinnerungen übermannten ihn und er vergass in einem Augenblicke die ganze „Ueberwindung" seines Lebens, er wurde für einen Moment der Mystiker von ehedem, sagte die Sprüche des Meisters und sang ihre Lieder. Und die Freunde erkannten ihn, er ist wieder „Sjama" geworden. Die Wirklichkeit, der rasierte Bart, die positivistische Gesinnung siegten bald über dieses Rücktaumeln in die Vergangenheit —? Zenobios bestand auf seinem Siegerrecht. Und als er mir diese Geschichte seines inneren Lebens erzählt hatte, schwieg er versonnen, und summte leise vor sich hin, eine traurige Weise des Rabbi Nachman. Er sehnte sich nach einem Glauben, den er verloren. Es war am Abend des „Ssimchas- Thora-Festes", als ich in die Synagoge der „Brazlawer" mich begeben habe. Nach altjüdischem Ritus wurden die sämtlichen Thorarollen aus der Lade hervorgeholt und alle Gemeindemitglieder aufgefordert, der „Thora" Ehre zu erweisen. Jeder, der Reihe nach, nahm eine Rolle und ging mit ihr in der Runde. Ich stand auf dem Almemor und schaute . den Leuten zu. Es waren darunter Leute, die ich von früher kannte, Fremde, die zum Feste aus entlegenen Gegenden gekommen sind, Alte und Jünglinge, modern gekleidete und Männer mit patriarchalischen Bärten und langen seidenen Kleidern. Aber auf den Gesichtern aller ruhte ein eigentümlicher Glanz. Irgend ein unentzifferbares Geheimnis, für das sie keine Worte fanden, strahlte aus ihren Augen. Sie sangen ein Lied, das nur innerhalb ihrer Sekte gesungen wird. Es waren die Attribute der Gottheit in alphabetischer Ordnung mit dem Erlösermotiv vereinigt. In dieser Mannigfaltigkeit der Attribute einer Unerfassbarkeit lag der Farbenreichtum einer Welt, die in der Transzendenz ihre Wurzeln hat. Aber was waren die Worte gegenüber diesem Rhythmus des Tones, der Bewegungen dieser Männer. Es war ein Glaube, der mehr als ein Glauben ist, ein Wissen um eine Wahrheit, ein Umdichten der Wirklichkeit. Einen solchen Glauben kann nur eine geschlossene, quantitativ geringe Sekte bieten. Je kleiner der Kreis, desto mächtiger der Inhalt. Darin bestand auch seinerzeit die Stärke des Judentums. Es war Intensität in ihm. Und ich dachte in diesem Augenblick: wäre nicht auch jetzt an der Zeit, das Judentum aus dem gegenwärtigen Zustande der Ausdehnung, der Extensität in ein neues Stadium der Intensität hh überzuleiten? An der Ausdehnung geht eine Ideengemeinschaft zugrunde. Das ist der Schlüssel zur Erklärung so vieler Trübungen unseres gesellschaftlichen und geistigen Lebens .... Während ich da oben auf dem Almemor stand, beobachtend, hingerissen von der mystischen Weihe, von der Schönheit dieses Tanzes der bärtigen Männer in der grauen, holzgezimmerten Stube vor dem flackernden Kerzenlichte am Betpulte, bemerkten mich einige aus den Nachman-Jüngern und luden mich, den Fremden, ein, der Thora nach ihrer Weise „die Ehre zu erweisen". Und ich bin für einige Augenblicke in die Wellen eines Glaubens hineingetaucht, den meine Seele nicht gekannt, um mich tanzten im Kreise ekstatische Menschen den „Tanz der Schechina". Und lange, lange zitterte in mir nach der Rhythmus ihrer Bewegungen .... III. Scholem-Aleichem. (Zu seinem 25jährigen Jubiläum.) Während meiner Reise in Russland hatte ich Gelegenheit, der Scholem - Aleichem - Feier beizuwohnen, die überall, in Wilna und in Warschau, in Petersburg und in der Ukraina, begangen wurde. Die Liebe des Volkes zu diesem volkstümlichsten aller jüdischen Dichter hat sich kund-