Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Tagebuchblätter
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Dr. A. Coralnik: Tagebuchblätter 88 gegeben. Und ich möchte hier einige Zeilen diesem merkwürdigen Schriftsteller widmen, der für mich mehr als ein Schriftsteller ist, der für mich den objektivierten jüdischen Kollektivmenschen darstellt. Was ist Scholem-Aleichem? Man hat ihn einen Satyriüer genannt, man hat ihn aber auch einen Satyr genannt. Der Unterschied ist klar. Ein Satyriker ist ein "Wahrheitssucher und -Verkünder. Ridendo dicere verum. Ein Satyriker geisselt, predigt, lacht bitterlich. Ein Satyriker ist ein Mann des Neuen, dem die Gegenwart, die Formen des Jetzt zu eng wurden. So ein Satyriker ist in der jüdischen Literatur Mendele Moclier Sphorim . . . Ein Satyr ist ein grinsender Nihilist. Ihm wird alles nur von der lächerlichen Seite offenbar. Er zerrt alles hinab, in die Tiefe des unterschiedslosen Zynismus. Ein solcher Satyr war z. B. M. G. Saphir, der Jongleur des jüdischen Geistes, der Vergewaltiger der deutschen Sprache. Einem Satyr ist es ganz gleich, worüber man lacht, ob über das, was er zeigt, oder über ihn seihst, wenn man nur lacht. Er zeigt die Blössen anderer, aber auch seine eigenen. Scholem-Aleichem gehört zu einer ganz anderen Kategorie von Schriftstellern, oder vielleicht bildet er eine Kategorie für sieh. Ist Literatur überhaupt nach dem bekannten Worte eine „Lebensecke, gesehen durch ein Temperament hindurch", so ist die Dichtung Seholem-Aleichems, die Lebensecke selbst, ungebrochen, so wie sie sich ausnimmt „an und für sich". In ihm hat sich eine Welt objektiviert, die in keine Norm passt, ein Leben, das regel- und stillos ist. Wie kann man das jüdische Leben, das Tieiben des grauen Alltags, in irgendeine Form biingen? Es ist eine unaufhörliche Tragik, wenn man es als Mitfühlender, Miterlebender, auffasst, schier unerträglich. Es ist das Lächerliche, wenn man ihm fremd und teilnahmlos gegenübersteht. In beiden Fällen ist ein wirkliches Leben unmöglich. Tragik erdrückt, Komik erstickt. Was bleibt da übrig, als beides zu einer neuen Synthese zu vereinigen, beides überwindend? Sich über alles hinwegsetzen, in der Stillosigkeit seine tiefste Pein vergraben, die ätzende Schärfe der Wirklichkeit mit Humor, mit Phantasien des Unwirklichen mildern — das ist die Methode des Lebens des Kollektivjuden, — das ist auch die Methode des Seiiaffens Scholem-Aleichems. Man lese einmal seine Geschichte „Hodil" nach. „Tewje der Milclijude", erzählt da die Tragik seines Lebens, die Tragik einer ganzen Generation. Der Zerfall des Alten, der Niedergang eingewurzelter Lebensformen, das Hereinbrechen neuer, überwältigender Erscheinungen, alles ist in dieser spassigen Berichterstattung des armen Milchjuden. Ein sentimentaler Schilderer, wie Jusehkewitsch, der „Ghettodichter4', hat diese hoffnungslose Tratik in einer Erzählung: „Der Zerfall44 verdichtet. Und sie klingt im dumpfen Tone der Verzweiflung aus. Aber der wirkliche Jude lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Tewje der Milchjude erzählt mit allerlei Spässen und tränenfeuchter Stimme die Geschichte des ,.Zerfalls" seines Glücks, den Untergang seiner Hoffnung, die seine Tochter „Hodil" war. Aber er sinkt nicht zusammen. Er bricht auf einmal ab, und sagt mit einer raschen Wendung: „Eh was, reden wir von fr öhlicheren Dingen. Was hört man vom Krieg? . Und in dieser Schlusswendung sehen sie den ganzen Juden in seiner wahren Gestalt. In diesen Worten liegt ein Abgrund, sie wollen sagen: es kommt noch besseres, und sie wollen sagen: hin ist hin — sie sind vor allem ein Trost. . Ich will hier nicht auf die Charakteristik Scholem-Aleichems als Dichter näher eingehen, es würde mich zu weit führen. Da liesse sich so vieles über seinen Stil, über die Eigenart seines Humors, über die originelle Technik seiner Personenzeichnung usw. reden. Aber das Wichtigste und Bedeutendste an ihm, der Grundzug seines Talentes, der ihn zum wahren Volksdichter stempelte, zum beliebtesten und gelegensten aller jüdischen Schriftsteller machte, ist, dass er ein Ueberwinder und Ti ostbringer ist. Durch das befreiende Lachen öffnet er — den Weg ins Freie.