Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Tagebuchblätter
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 83 - 84 (sequence 1)
- Language
- German
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83 84 TAGEBUCH BLAETTER. Von Dr. A. Coralnik. Nachdruck verboten. I. Die Virtuosen der Armut, Sie meinen wohl — arm sein sei keine Kunst. Man wird es ja ohne eigenes Dazutun. Nichts leichteres als das. Und doch ist es ein Irrtum. Eine gewaltige Lebenskunst, eine Virtuosität wird die Armut, wenn sie zum System wird. Grundlage einer Gesellschaftsordnung, Ausgangspunkt von Beziehungen. Eine Armut, die nicht wutschäumend protestiert und" nicht zerknirscht resigniert. Wenn das keine Kunst ist, so ist das Leben überhaupt ein Kinderspiel. Wer aber irgendwo Virtuosen dieser Kunst finden will, der gehe einmal nach Russland, in den Ansiedlungsrayon der russischen Juden. Wenn man aus dem wohlgeordneten Westeuropa kommt, wo alles so fein abgestuft ist, wo das Lebensminimum festgesetzt, die Verteilung des Quantums der Lebensgüter geordnet ist^ wo es einem Menschen unmöglich ist, unter den Nullpunkt der ökonomischen Gradleiter hinunter zu steigen, ohne ein Ausgeschiedener, ein Hinuntergestossener zu werden, wenn man, mit diesem Masstabe in das Getriebe irgend einer jüdischen Gemeinschaft in Russland einen Blick wirft, so steht man wie vor einem erschreckenden, entsetzlichen Rätsel. Wie leben diese Leute? Wie können sie in dieser unerhörten Not überhaupt bestehen, wie können sie nur einen Augenblick frei atmen, lächeln, froh sein? Sie schauen um sich — alle Wege, alle Möglichkeiten des Daseins sind gesperrt. Kopf an Kopf stehen sie da, auf einem Flecken zusammengedrängt, von einander zehrend, aneinander klebend, einander im Falle mitreissend und den Emporsteigenden niederhaltend. Wie leben sie da? Vielseitig und vielstimmig ist das Leben. Sie aber, diese armen Musikanten, erinnern an den verzweifelten Geiger, von dem die Legende erzählt. Alle Saiten, eine nach der anderen, sprangen, nur eine ist noch übrig geblieben. Und auf dieser einzigen Saite hat er das grösste Kunststück vollbracht — eine Symphonie zu spielen. Dieser Geiger war Paganini, der grösste Virtuose. Aber Paganini ist wahnsinnig geworden. Das Virtuosentum hat sich gerächt. Hier spielt ein ganzes Volk tagaus tag ein, zu jeder Stunde, auf dieser einzigen, noch nicht gesprungenen Saite, Wunder der Technik vollbringend, immer auf neue Möglichkeiten lauernd, aus dem Einen ein Vieles zu gestalten. Der erste Eindruck dieses Virtuosenspiels ist entsetzlich. Man glaubt, eine eiserne Wand vor sich zu sehen, an der zahllose Köpfe in Verzweiflung zerschmettert werden. Armut, Elend und kein Ende. Familien, dichtgedrängt in engen, kalten, halbverfallenen Stübchen beisammen, Männer und Weiber mit verrunzelten, frühzeitig gealterten Gesichtern, Jünglinge, die im Kampfe um eine Daseinsmöglichkeit sich aufgerieben, alle Hoffnungen zu Grabe getragen haben, — hoffnungslose Geschlechter. Wie kann man da leben? Und wenn Sie einem Juden diese Frage vorlegen, einem, auf dem die ganze bleierne Last liegt, da bekommen Sie die beklemmende und doch alles erklärende Antwort: Wie man leben kann? Man kann auch nicht, aber man lebt dennoch! Wie kann man auf einer Saite ein Orchesterkonzert spielen? Und doch findet sich ein genialer Virtuose, der es zustande bringt. Sie meinen, er ist eine Abnormität! Vielleicht — aber er ist eine Abnormität der vitalen Kraft. So leben und nicht verkümmern, immer im feuchten, sonnenfremden Dunkel, in einem unmöglichen, erkünstelten, mühsam abgerungenen, der Unmöglichkeit erschlichenen Milieu, und doch noch Sonne in den Augen haben, Glauben an sich, Mut, eine ganze, reiche Innenwelt, eine vibrierende Seele, die auf jede Einwirkung der Aussenwelt reagiert, mit jeder Erregung mitzittert — muss da nicht ein Schatz von Energie vorhanden sein, ein nie versiegender Quell von Lebenskraft? Es ist einmal ein dummes Wort gesagt worden, das von vielen wie ein Glaubensdogma hochgehalten wird: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. Es ist wahrlich ein dummes Wort, eine Phrase des oberflächlichen Vonobenherabschauenden. Was kümmert uns sein Aeusseres, was liegt uns daran, ob der Jude einen Zylinder oder eine alte schäbige Pelzmütze trägt, das hauptsächliche ist seine innere Biotik, seine reichen Möglichkeiten, die er nach allen Seiten entwickelt, seine Virtuosität der Armut und des Kampfes, und die ist bei allen Juden dieselbe. Soviel Lebensenergie muss siegen. Aber wird nicht der Sieg auch der Untergang sein, die höchste Anspannung auch die letzte? Virtuosität rächt sich .... IL Rabbi Nachmans Jünger. In der kleinrussischen Stadt Uman, in der kleinen, dumpfen Schulgasse, wo meine Wiege stand, kann man alljährlich ein seltsames Schauspiel sehen. Es steht da abseits von allen anderen „Schulen" ein altes, graues, aus Brettern gezimmertes Haus, so geheimnisvoll. Das ganze Jahr hindurch herrscht im Hause eine rätselhafte Stille. Nur im Monate der Feiertage, der „hohen Feste", kommt Leben in das Haus. Fremde Männer strömen zusammen, aus allen Gegenden des jüdischen Rayons, Menschen, um deren Lippen ein Geheimnis sehwebt, das Glück einer nur ihnen zugänglichen Wahrheit. Es sind die Jünger Rabbi Nachmans aus Brazlaw, die zum Grabe ihres Meisters wallfahrten. Uman ist für sie die geistige Zentrale. Dort lebte, lehrte und starb der zarteste und tiefsinnigste aller jüdischen